Im Mittelmeer ertrinken nun schon seit Jahren zahllose Menschen. Dazu darf die Kunst und vor allem das Theater als potentiell erzieherisches Medium nicht schweigen. Der Spiegel muss den Menschen vorgehalten werden, so oft wie möglich.
In die Theaterstücke mit dem Auftrag zum Auf- und Wachrütteln und Spiegelvorhalten gehen überwiegend Menschen, die schon wachgerüttelt sind und die sich, wenn man ihnen den Spiegel vorhält, selbst als bessere Menschen darin spiegeln. Aus solchen Stücken geht man empört hinaus und fragt sich, warum die noch Wachzurüttelnden dem Stück größtenteils ferngeblieben sind.
Eine der Hauptfunktionen von Kunst war seit jeher das Besondere zu beschreiben und gegen das Allgemeine zu verteidigen. Kunst kümmert sich um das (meist) leidende Subjekt, das bei repressiven Zuständen aneckt oder an diesen zugrunde geht. Kunst behauptet die Freiheit individuellen Denkens in Zeiten der Nivellierung und Anpassung.
Diese Aufgabe nimmt sie auch im Heute wahr. Die Entwicklung ist aber paradox. Sie verteidigt nur allzu oft nicht mehr die Freiheit des „wilden“ und anarchischen Denkens, das sich wenn nötig gegen die Massenmeinung stellt, sondern erhebt die Massenmeinung der sogenannten kunstnahen Intellektuellen zu oft zum Dogma. So wird um jeden Preis das Individuum verteidigt, während die Gesellschaft oft grobschlächtig als Widerpart dargestellt wird.
Dadurch fängt sie die Kunst ein riesiges Problem ein. Sie wird opportunistisch. Das vermeintlich Unbequeme wird zum gerne Gesehenen, da es das eigene Weltbild stützt. Das Denken der Kunst, eigentlich aufbegehrender Natur, wird zahnlos. Und noch schlimmer: Sie wird durch die Überbetonung des Gefühls gefühlig und manchmal weinerlich.
Im Fall des derzeit in der Kunst omnipräsenten Mittelmeer-Themas zeigen sich Kunst generell und Theater besonders wirkungslos. Der feinfühlende und noch nicht Gefühlskalte verzweifelt in den Stücken paradigmatisch an der Kälte einer Gesellschaft, die Menschen sehenden Auges ertrinken lässt. Die breitere Masse sieht weg, während die Kunst vermeintlich hinsieht.
Da Kunst nicht nur kommentiert, sondern immer auch gesellschaftliche Wirksamkeit oder zumindest Veränderung im Handeln des Einzelnen anstrebt ist das kunstimmanente Gesellschaftsbild nur allzu deutlich. Der Gefühlskälte soll Herzenswärme entgegengesetzt werden. Die logische Konsequenz daraus wäre die Etablierung einer gefühlsduseligen Gesellschaftsutopie, die der kritischen Kraft der Kunst nicht würdig ist. Sie verliert dadurch einen möglichen und oft notwendigen kühl-analytischen Blick auf die Gegenwart und eine unerbittliche Präzision in der Beschreibung der Realität. Sie versinkt in einem amorphen Gefühl, dass etwas nicht stimmt und bekommt die Gesellschaft und deren komplexe Mechanismen nicht mehr in den Blick.

Titelbild: (c) David Phillips, flickr.com 

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