Verlust


Es gab eine Phase, da hatte Anna von Hausswolff, die mit vollem Namen Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff heißt, ihre Vorstellungskraft verloren. In diversen Interviews beschreibt sie diese Phase als einen Zeitraum, in dem sie emotional nicht mehr an die Dinge andocken konnte. Dennoch schrieb sie weiter Songs. Die Lieder auf dem vorliegenden Album sind zu dieser Zeit entstanden. Selbst sagt sie rückblickend, dass in diesen Songs negative und positive Gefühle aufeinander prallen.
Mittlerweile hat sie, wie sie in einem weiteren Gespräch meint, diese Vorstellungskraft wieder gefunden. Sie muss sie aber schon im Aufnahmeprozess des Albums wieder gefunden haben. Denn die Musik bleibt keineswegs beim Thema Depression stehen, sondern transzendiert diese. Fräulein von Hausswollf treibt auf „Dead Magic“ eindrucksvoll ihre eigenen Dämonen aus und macht aus Dunkelheit dunkelgrün schimmernde Musik, die dem erweiterten Gothic-Kontext ebenso viel schuldet wie dem Avant-Pop einer Björk oder experimentellen Lärm-Ausflügen der späten 70er Jahre.
Gut hörbar hat Anna von Hausswolff eine „Axt“ gefunden, um ihre dunkle Energie in Kreativität zu verwandeln. Einen guten Anteil daran kann man ihrem Neo-Produzenten Randall Dunn zuschreiben, der ansonsten mit Klangradikalisten wie Sunn o))) oder Raserei-Experten wie den Wolves in the Throne Room arbeitet. Er hat sich an dem Selbstbild von Anna angeschlossen, in dem sie sich als als absolute Live-Musikerin sieht.
So ließ er ihr viel Zeit, die Songs breiten sich zum Teil über 12 Minuten und mehr aus. Langweile kommt dabei dennoch nicht auf. Die Mischung aus Spontanität und Präzision geht auf und führt zu monolitischen Song-Kleinoden, bei denen man sich nicht schämen muss, wenn einem von Zeit zu Zeit der Schauer über den Rücken läuft. Denn Hausswollf lässt nur allzu schön und bereitwillig tief blicken, was ihre Gefühle und Abgründe betrifft.
Maßgeblich beteiligt am Erfolg dieses außergewöhnlichen Albums ist auch die Orgel. Seit etwa 2014 hat die ausgebildete Pianistin nämlich ein Faible für Kirchenorgeln und Orgeln aller Art. Wer nun glaubt, dass es hier mit einem Kirchenorgel-App für das Keyboard getan ist, der irrt. Zwei Tage lang hat man sich, unter fachkundiger Aufnahmeleitung von Dunn, in die „Marmorkirken“ nach Kopenhagen begeben. Obwohl Anna das Instrument anfangs relativ klein erschien, ließ sie sich von der Expertise von Randall Dunn überzeugen. Das Ergebnis spricht für sich und verleiht dem Album eine pathetische Note, die aber dem Kitsch geschickt ausweicht.
Musikalisch setzt Hausswollf insgesamt auf Repetition, Exzess und stimmliche Kapriolen. Letzteres geht aber niemals zu Lasten der Melodien, die sich immer wieder ins Zentrum schieben. Vieles auf dem Album wird man, Alpträumen gleich, nicht mehr so schnell los. Gut möglich, dass einem das eine oder andere Gesangsmotiv gleich dem Aufwachen wieder einfällt. Das Gefühl, dass man mit „Dead Magic“ verbindet ist dabei ambivalent: Einerseits will man sich der Intensität der Platte nicht zu jeder Tageszeit aussetzen, andererseits kann man es nur schwer erwarten sich wieder auf die Welt dieser Ausnahmemusikerin einzulassen, da sie einen generös einlädt und dann vor Ort doch immer wieder vor den Kopf stößt.


Fazit


„Dead Magic“ bewegt sich zwischen allen Stühlen. Das Album könnte Gothic-Hörern gefallen, dem einen oder anderen Metal-Head außerdem aufgrund der hohen Intensität überaus zusagen. Auch Verehrer der guten alten Songwriter-Kunst finden hier Liebbares in Hülle und Fülle. Letzten Endes ist Frau von Hausswollf so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau unter den nordischen Musikern und Musikerinnen. Sie schreibt herausragende Songs, stürzt sich wagemutig in die dunkelsten menschlichen Abgründe und schreckt auch für Lärm Wut nicht zurück.


Zum Reinhören



Titelbild: (c) The 405

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