Vergangenheit

Nichts ist schlimmer als Nostalgie. Das ist nämlich jene widerliche Art der Verklärung, die einem glaubhaft machen will, dass früher alles besser war. Das ist jener unerträgliche Zustand in dem man sich mittels Verzückungsanfällen zurückerinnert, wie es damals war und welcher „Soundtrack“ das eigene Leben in ebenjener damaligen Zeit untermalte.
Rückgriffe auf Konzepte, die mir einer ganz konkreten Zeit in Verbindung stehen, sind somit problematisch. Es wäre nur allzu leicht bestimmte Gefühle bei einer bestimmten Zielgruppe auszulösen, indem man sich gewisser Song-Strategien, Harmonien, Sounds und Effekten bedient.  Der machtlose, da nostalgisch verzückte Rezipient der sich bereits beim ersten Ton wieder jung fühlt, wäre den geschickten Händen von findigen Produzenten fast machtlos ausgeliefert.
Anders verhält es sich mit dem Album „The Strife of Love in a Dream“ des Duos Miracle. Hinter diesem Synth-Pop-Gespann stehen Steve Moore und Daniel O´Sullivan. Ersteren kennt man von der amerikanischen Postrock-Band „Zombi“, zweiteren unter anderem von seinem Einsatz bei Ulver. Man munkelt gar, O´Sullivan hätte maßgeblichen Anteil an der temporären „Pop-Werdung“ von Ulver. Evident ist jedenfalls, dass der Mann umtriebig ist und in Progressive-Rock-Kontexten ebenso auftaucht wie er sich als Experte für besondere Popmelodien verdient gemacht hat.
Was Miracle auf ihrem zweiten Album auf die Menschheit loslässt irritiert. Stellenweise bleibt einem das Gefühl nicht erspart, dass sich Andrew Eldritch der legendären „Sisters of Mercy“ das Mikrofon geschnappt hat und wie in seinen besten Zeiten düster aber nicht ohne eine Brise Überspitzung und Humor vor sich hinraunt und Bedeutungsschwere suggeriert. Selbst die dezent angezerrten Stakkato-Gitarren aus diesem Zusammenhang hat man auf „The Strife of Love in a Dream“ nicht vergessen.
Doch der Zugang des Duos ist ein anderer. Lediglich an der Oberfläche sind die 80er-Jahre-Spielweisen und Konzepte omnipräsent. Es wirkt so, als ob Miracle die in solcher Zeit musikalisch Sozialisierten verführen wollten und zugleich eine generöse Einladung aussprechen möchten, doch genauer hinzuhören. Und tatsächlich traut man seinen Ohren kaum, was alles zum Vorschein kommt. Das Album ist keine Pop-Platte, es begreift aber den Pop aus dem Zeithorizont der späten 70er bis späten 80er als Ansatz, Tanzbarkeit mit Anspruch zu vereinen. Dass einem beim Genuss dieser Platte also Depeche Mode in den Sinn kommen ist angesichts der Detailverliebtheit und des Faibles für interessante Texturen wahrlich kein Wunder.
Der „Hit“ der Platte ist dabei zweifellos „Light Mind“, in dem sich O´Sullivan gottgleich und mit herrlicher Selbstironie in Szene setzt, nur um diese Inszenierung mit einem bierernsten Synth-Pop-Lied zu konterkarieren. Dass die Melodie wirklich gut ist und durchaus über tatsächliches Hit-Potential verfügt, macht die Situation und die Rezeptionsweise nur noch komplexer. Hört man hier einen ernst gemeinten Hit? Werden die Mittel der 80er-Jahre hier so überspitzt, dass man nur noch darüber lachen kann? Warum wurde dann aber so viel Wert auf Produktion, Ausformulierung und Gesamtkonzept gelegt?
Bereits der nächste Song „Night Sides“ stößt einen dann in dunkle Abgründe. Vorbei sind die vorangegangenen 4:49 in denen alles mit einem dezenten Lächeln aufgehellt wurde und es eine Melodie gab, an der man sich festklammern konnte. Bei dem Folge-Lied klingt der Sänger wie ein suizidaler Dave Gahan in einem Ambiente, das ihm von Martin Gore auf den geschundenen Leid geschrieben wurde. Das Lied verläuft sich aber nicht in der Vergangenheit, auch wenn man durchaus auch Kraftwerk-Anleihen heraushören kann. Nichts ist ironisiert, nichts ist Flickwerk, es ist kein postmodernes Sammelsurium an Zitaten, deren Interpretation in der Schwebe bleibt. Es ist eine ernstgemeinte Zeitreise, die die 80er-Jahre als Ausgangspunkt nimmt um einen absolut zeitgemäßen Sound zu entwickeln.
Das abschließende „Angelix“ kann als bestes Beispiel für diese These gelten. Es sind nicht mehr die Synthies der 80ties, die dominieren, sondern man wähnt sich in einem Club in einer amerikanischen Großstadt. Vermengt wird das mit einer Lässigkeit, die man aus der allerbesten Zeit von Kruder & Dorfmeister kennt. Die Vocals sind verhuscht, weit weniger präsent als bei den Tracks zuvor. Nach all der abgründigen Melodieseligkeit hat man den Endpunkt der Entwicklung erreicht. Die 80er sind transzendiert, die Gegenwart erreicht. Parallel dazu ist stets eine Informiertheit zu vernehmen, wie man damals Songs schrieb und Tracks konzipierte. Wenn man so will es ist geschichtlich informierte Popmusik für den Menschen mit offenen Ohren und einem progressiven Geist.


Fazit


„The Strife of Love in a Dream“ ist ein auf mehreren Ebenen grandioses Album. Dass es bei dem Label „Relapse Records“ erschienen ist, das sich sonst eher härteren Spielarten des Metals verpflichtet fühlt, ist da nur noch eine spannende Fußnote. Diese Tatsache zeigt aber auch an, wie weit die heutige Popmusik davon entfernt ist, so großartig, düster und ansprechend zu sein wie auf diesem Album. Miracle sehen sich damit in eine Nische gedrängt. Eigentlich sollte aber eigentlich die ganze Musikwelt von der Großartigkeit dieses dunklen Pop-Juwels in Erstaunen versetzt werden.


 Zum Reinhören


Titelbild: (c) Francesca Colasanti, flickr.com

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