Als Spitzenköchin Johanna Maier von der Tiefkühlpizza-Packung lachte

Tiefkühlpizza will ab sofort nicht mehr Tiefkühlpizza sein. „Sie ist zugleich duftendes Brot, feine Tomatensauce und ist obendrein mit italienischen Spezialitäten wie herzhaftem Grana Padano, fruchtigen Tomaten und frischem Rucola belegt“. Zu finden ist diese Umschreibung auf der Packung einer Tiefkühlpizza, für welche die Spitzenköchin Johanna Maier ihre Hand ins sprichwörtliche Feuer legt und ihren guten Namen hergibt.
Aber nicht nur das. Das Bild neben dieser Beschreibung der Gourmet-Variante einer Tiefkühlpizza suggeriert, dass Frau Maier den Rucola für die Pizza selbst geerntet und die Tomaten höchstpersönlich von Hand an  genau die Stelle der Pizza platziert hat, an der sie notwendigerweise sein sollen. Ihr Lächeln, eingefangen natürlich in unberührter Naturlandschaft ihres Heimatbundeslandes, legt nahe, dass es der anspruchsvolle Tiefkühlpizza-Genießer mit purer Natur zu tun bekommt.
Johanna Maier ist natürlich nicht die Erste, die ernst macht mit „Gourmet“ für den kleinen Mann, der lieber knapp drei Euro für eine tiefgekühlte Pizza ausgibt als ein vielfaches davon in einem Gourmet-Restaurant liegen zu lassen. Musterbeispiel dafür ist auch Alfons Schuhbeck, der in München unweit des Marienplatzes alles mit seiner Marke versieht. Von Gourmet-Menüs um 100 Euro und mehr bis hin zum Fleischkäse-Semmel ist alles unter der Dachmarke „Schuhbeck“ erhältlich.
Der Grundansatz dahinter ist löblich. Es geht um eine Demokratisierung von Qualität. Vor allem aber ist es eine Segmentierung und Ausdifferenzierung. Es darf zumindest in Frage gestellt werden, ob diese beiden Spitzenköche (und deren Berater) aus reiner Menschenfreundlichkeit heraus gehandelt haben. Möglicherweise war und ist eher die Hoffnung Antriebsfeder, dass sich der Pöbel, der sich am Vorabend Gourmet-Tiefkühlpizza mit Dosenbier einverleibt hat, demnächst doch einmal in das etwas höherpreisige Restaurant verirrt. Man gönnt sich ja sonst nichts und selbst der Niedrigstverdiener kann sich zumindest einmal pro Jahr Haubenküche leisten.
Unter Umständen kann man auch noch ein aufklärerisches Projekt wahrnehmen. Der Haubenkoch lässt sich herab und nähert sich dem Kulinarik-Pöbel an, weil es umgekehrt meist nicht funktioniert. Dem Kulinarik-Proletariat fällt es im Anschluss wie Schuppen von den Augen. Jahrelang hat es nach Industrie schmeckende Pizzen gefressen, jetzt plötzlich schmeckt es, wie gut frischer Rucola und Grana Padano schmecken kann. Es lernt die schöne Welt der differenzierten Geschmäcker kennen und schätzt fortan frische und gute Küche. Nur: Zu mehr als zu einem Fleischkäse mit Schuhbeck-Branding reicht es finanziell aber dann immer noch nicht.
Den Spitzenköchen müsste eigentlich an einer Veränderung der Durchlässigkeit in Bezug auf die unterschiedlichen Segmente gelegen sein. Auch der Arbeiter von nebenan sollte sich, etwa beispielsweise mittels Aktionen oder gezielten Unterstützungen, Haubenküche und Gourmet-Menüs leisten können. Wer „kulinarikferne“ Bevölkerungsschichten an die gute, wahre und schmackhafte Küche heranführen möchte, muss auch Räume und Möglichkeiten schaffen, an denen das leistbar und möglich wird.
Nun sind mir persönlich keine solchen Aktionen oder Projekte bekannt. Es ist damit legitim völlig andere Beweggründe zu unterstellen: Die Erweiterung der Zielgruppe und die Durchdringung des Marktes. Nicht das größtmögliche Kulinarik-Glück für Alle ist das Hauptanliegen dieser Köche, sondern der größtmögliche Gewinn für die eigene Marke, das eigene Image und das eigene Unternehmen.
Hier geht es zur vorherigen Folge von „Kleingeist und Größenwahn“.

Im Salon #6: Koalitionsgespräche


Text: Thomas Sojer und Susannah Haas


Elisabeth: So, das Bild, was beim Günther im Vorzimmer hängt, das schmeiß’ ich raus, das ist wirklich nicht mehr zeitgemäß. Vielleicht kann ich was aus der Syrien-Ausstellung nehmen, die im Herbst hier im DeCentral war.

Markus: Ich will einen Hirschkopf an dieser Stelle.

Gebi: Aber einen aus Holz, bitte danke, weil als erstes will ich ein Jagdverbot durchdrücken. Gleich vor der nächsten Saison, und eure Waffen könnt ihr dann alle der Peschmerga schicken. Tiere und Kurden dürfen nicht mehr leiden, wenn ich erst mal in der Landesregierung sitz’.

Markus: Sicherlich nicht mit mir als Landeshauptmann.

Ingrid: Entschuldige, Markus, aber wir hier in Tirol reden sicher nicht von dir als Landeshauptmann. Wir hier in Tirol sind ja nicht der Bund.

Markus: He, riskier nicht so eine Lippe, Filippe, ich hab immerhin 40% erreicht.

Ingrid: Ich hab’ im Bund 93,7 % erreicht, Markus.

Markus: So ein Scheiß, ich red von den Landtagswahlen. Ich bin Landeshauptmann, sagt der HC auf seiner Facebook Seite.

Gebi: Alter, Markus, es heißt “Frauen und Kinder zuerst”. Im Büro vom Günther sitzen genau die Ingrid und ich, ohne deinen behinderten Hirsch.

Elisabeth: Markus, du kannst Industrie haben. Das will sonst eh keiner.

Dominik: Du willst Industrie, Markus. Das wollen wir auch!

Elisabeth: Nein, Dominik, für dich hab’ ich mir eigentlich Kultur und Bildung überlegt.

Dominik: Ui, du willst Förderungen streichen und alles auf den Markt werfen? Das wollen wir auch! Bärig, Elisabeth!

Georg: Der Fritz postet grad aus Pyöngjang “Tirol verdient die Wende”. Und dass er Tourismus haben will.

Gebi: Tourismus streichen wir ersatzlos! Das ist die verdammte Wende!

Die Family Partei: Warum können wir nicht alle eine Landeshauptfamilie sein?

Armin Wolf: Eilmeldung aus Tirol: Das Land Tirol wird künftig von einer familienartigen Landhaus-WG geleitet. Ingrid und Elisabeth teilen sich die Mutterrolle, Markus und Gebi sind ihre Söhne, Dominik ist der Großcousin, der keine Wohnung findet und Fritz Dinkhauser der Opa. Günther Platter wird wieder Buchbinder und will die Familienchronik der neuen Tiroler Regierungsspitze verlegen.

Titelbild: (c) Pexels

So funktioniert die Mega-Trend-App Vero


Titelbild (c) Vero, Presse

Während Kylie Jenner die Snapchat Aktie zum Absturz bringt, steht die nächste Social-Sternschnuppe schon in den Startlöchern. Vero heißt das gute Ding und es geht gerade durch die Decke. Die Social Media Plattform, die mit dem Slogan „True Social“ wirbt und weniger Social Media, mehr Social Life verspricht, wurde zwar schon im Jahr 2016 ins Leben gerufen, erfährt aber erst jetzt den Mega-Hype.

Warum jetzt?

Vero (italienisch für wahr, richtig, echt) verspricht – im Unterschied zu Platzhirschen wie Facebook oder Instagram – auch zukünftig vollkommen auf Werbung zu verzichten. Stattdessen sollen Vero User in Zukunft eine kleine Jahresgebühr bezahlen. Wie hoch diese ausfallen wird, steht noch in den Sternen. Ein Grund für den aktuellen Hype, ist mit Sicherheit die Tatsache, dass die erste Million User die neue Social-App dauerhaft gratis nutzen kann. Zudem bewerben mehrere international bekannte Influencer aktuell die neue Plattform. Aber warum?

Was macht Vero anders?

Neben der Werbung (nervige Banner, Videos etc.), sollen auch undurchsichtige, nicht transparente Algorithmen bei Vero komplett fehlen. Das heißt – Inhalte (Postings) meiner Freunde werden mir in einem chronologischen Ablauf präsentiert und nicht wie bei etablierten Social-Networks, geranked nach einem im Hintergrund laufenden Algorithmus, der entscheidet was wir zu sehen bekommen und was nicht. Diese Tatsache feiern natürlich einige Influencer, die ihre Gefolgschaften deshalb von Instagram abziehen und zu Vero schicken. Dort sollen die eigenen Inhalte besser und direkter sichtbar sein. Zudem wirbt Vero damit „frisch & fair“ zu sein und gänzlich auf das Sammeln von Daten zu verzichten.

Unter dem Video geht es weiter mit "Wie funktioniert Vero?"

Wie funktioniert Vero?

Die Anmeldung läuft einfach und stellt für einen Social-native keinerlei Problem dar. Einfach die App downloaden, Namen, Mailadresse, Passwort und Telefonnummer ausfüllen und los geht’s. Die Tatsache mit der Telefonnummer wird in diversen Online-Blogs bereits kritisch bemängelt. Die Macher von Vero argumentieren diese Angabe mit gesteigerter Sicherheit. Nach dem Ausfüllen der Daten wird nämlich ein sogenannter Sicherheitscode via SMS verschickt. Dieser verifiziert die Anmeldung.
Ist man erst einmal auf Vero angemeldet, wird es etwas komplizierter. Das Look and Feel ist Instagram sehr ähnlich. Die Hintergrundbilder sind durchaus ansprechend. Alles erscheint in einem edlen, dunklen Look. Gleich zu Beginn wird man aufgefordert sein erstes Posting abzusetzen. Hier hat man die Wahl zwischen altbekannten Inhalten (Foto, Video, Link), aber auch zwischen neuen Möglichkeiten (Lieder, Bücher, Serien etc.). Gerade die Möglichkeit auch Bücher zu empfehlen oder eben nicht zu empfehlen, Songs als gut oder schlecht hervorzuheben, riecht etwas nach Online-Handel. Gut möglich, dass wir uns gegenseitig gute Alben, Serien oder Bücher empfehlen und diese auch gleich via Vero kaufen. Vero smart – zumindest was das Geschäfsmodell betrifft.
So leicht die Anmeldung, so tricky die ersten Handgriffe und Gehversuche auf der neuen Social App – vor allem wenn dir bekannte Nutzer noch fehlen und die Interaktion damit eingeschränkt ist. Praktisch ist, dass man Kontakte in mehreren Gruppen sortieren kann. Vero bietet „Enge Freunde“, „Freunde“, „Bekannte“ und „Follower“. Es ist also möglich eigene Inhalte gezielt und gesteuert nur Teilöffentlichkeiten zukommen zu lassen. Das ist eine Möglichkeit, die vor allem bei der öffentlichkeitsscheuen Jugend, die sich aktuell lieber auf Snapchat und WhatsApp aufhält, ansprechen wird.

Wo geht die Reise hin?

Ob Vero den traditionellen Social-Plattformen wirklich gefährlich werden kann, wird die Zukunft zeigen. Am ersten Tag des großen Ansturms waren die Server jedenfalls überlastet. Bleibt abzuwarten, ob das den Hype bremst oder gar gänzlich zum erliegen bringt. Spätestens wenn Mark Zuckerberg die große Geldtasche auspackt, werden wir wissen, ob Vero eine große Zukunft vor sich hat oder eine Eintagsfliege bleibt.

So schaut Vero aus

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Plattenzeit #94: Bell Witch – Mirror Reaper


Trauer


Über Todesfälle freut man sich selten. Ereignen sich diese im näheren Umfeld können sie sogar zu akuter und schier unüberwindbarer Traurigkeit und Verzweiflung führen.  Eine weitere Steigerung der Trauer-Intensität tritt zumeist dann ein, wenn lieb gewonnene Menschen unerwartet und viel zu früh sterben.
Der Tod tritt, das ist so sicher wie das Amen im Gebet, irgendwann in jedes Leben. Die anschließende Trauerarbeit wird zumeist im stillen Kämmerlein, zumindest aber im Privaten, geleistet. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass solche emotionalen Ausnahmesituationen zu großartigen Kunstwerken führen.
Die amerikanische Band Bell Witch, deren Musikstil gerne als „Funeral Doom“ bezeichnet wird, hat einen großen Verlust hinter sich. 2016 ist ihr Schlagzeuger, Adrian Guerra, gestorben. Das geschah kurz nachdem er die Band verlassen hatte. Er wurde nur 36 Jahre alt.
Zu dieser Zeit steckte man bereits in den Kompositionsarbeiten für das aktuelle Album „Mirror Reaper“. Dass der Tod von Guerra maßgeblich Einfluss auf den weiteren Entstehungsverlauf dieses Werkes hatte liegt auf der Hand. Welch kraftvolles Werk daraus entstehen würde war aber nicht abzusehen.
„Mirror Reaper“ trifft eine unvorbereitet. Die bloße Form ringt einem schon Respekt ab. Es gibt nur ein Stück auf dem Album, das aber über 83 Minuten lange andauert. Unterteilt ist dieses lediglich in zwei Teile, „As above“ und „So below“. Bei beiden Teilen ist man mehr der Logik der Entwicklung von Motiven verpflichtet als dem klassischen Song-Format. So ist es auch unzutreffend von einem überlangen Song zu sprechen. Man lässt sich Zeit, setzt auf Repetition bis zum Abwinken, so lange bis man sich als Hörer ganz im Netz der Traurigkeit mit einem unüberbrückbaren Gefühl der Ausweglosigkeit verheddert hat.
Dann geschieht es. Der „Song“ beginnt sich überraschend zu bewegen, man beginnt auf Kleinigkeiten und Details zu hören. Das kann das Feedback des 6-Saiten-Basses von Dylan Desmond sein, der während des gesamten Albums die Rolle einer Gitarre übernimmt und so brachial klingt wie wenig in diesem Bereich. Das kann auch die dezent eingesetzte Hammond-Orgel von Schlagzeuger Jesse Shreibman sein, die nicht Pathos, sondern Atmosphäre anstrebt. Über allem thronen spärlich aber hocheffizient eingesetzte Vocals. Kreischen, flüstern, singen, schreien, growlen – bei diesem Variantenreichtum bleiben keine Wünsche des Extremmusik-Liebhabers unerfüllt.
Die eigentlich Sensation ist, dass dieser Wahnsinn aufgeht und Langweile trotz zeitlicher Überlange nicht eintritt. Umso erstaunlicher ist das, als dass man hier auf wie auch immer geartete Virtuosität vollkommen verzichtet. Es wird nicht akrobatisch über das Griffbrett geturnt und es wird nicht komplex getrommelt.
Stellenweisen fallen einem die rauschenden Akkord-Flächen von Sunn o))) als Vergleich ein. Man weiß schon, dass einem der nächste Akkord auf „Mirror Reaper“ wieder absolut vor den Kopf stoßen wird, dass der Trommelschlag hart sein wird. Wenn dann aber zur komprimierten Härten und Traurigkeit unerwartete Wendungen dazu kommen, dann zieht es einem doch den Boden unter den Füßen weg. Dann ist man zugleich unfassbar traurig und maßlos begeistert.


Fazit


Nach dem  ausgiebigen Genuss dieses dunkelschwarzen und abgründigen Monoliths fühlt man sich vor der Zeit gealtert. So als ob einem, da man für die letzten 83 Minuten ja jegliche Fröhlichkeit und Lebensfreude abgelegt hat, Lebensjahre entzogen worden wären. Aber das Album wirkt auch kathartisch. Wenn es Tonkunst gibt, die sich soweit hinein wagt in die menschlichen Abgründe und daraus solche Extrem-Kunst destilliert, dann muss etwas am Leben dran sein. Dann lohnt es sich vielleicht doch, trotz allem, zu leben, zu leiden und solche Meisterwerke anzuhören.


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Titelbild: (c) TravisVanHalen, flickr.com 

Es gibt keinen Gott außer der Party, und Apo ist sein Prophet

Im Internet treten „Apo and the Apostles“ als Combo mit „diversen“ Backgrounds auf – so benennen sie selbst lakonisch die kulturelle Sprengkraft ihres Projekts. Das erste, was unmittelbar ins Auge sticht, ist die sprachliche Vielfalt: Die meisten ihrer bekannten Songs singt Apo auf Arabisch, obwohl er selbst armenischer Muttersprachler ist und in einem Hebräisch sprechenden Umfeld aufwuchs.
In der Zunge von Babel wollen sie, bevorzugt im Umkreis von Bethlehem, die wahre und einzige frohe Botschaft verkünden: „Party and sababa.“
„Sababa“ ist auf Hebräisch das, wofür man auf jeder anderen Sprache mindestens fünf verschiedene Wörter benötigt: Gechillt, locker, alles cool, easy, don’t bother. Es ist die Stimmung, in die man in einem warmen Land, in dem sich mindestens das halbe Leben auf der Straße abspielt, sehr leicht kommt. Im frostigen Europa braucht man dazu mindestens ein gutes sababa Album.

Mauern im Kopf

So eines ist die neue Platte von Apo und seinen Jungs, das diesmal ganz und gar englischsprachig ist. „Saving a Dead Sea“ heißt das gute Stück. Auf dem Cover steht ein kleiner Junge mit Schwimmreifen vor der West Bank Barrier, der über 700 km langen Mauer, die Israel als Schutz vor Terrorismus mitten durch das Land gezogen hat.
Das ist auch die Mauer, die der Band das Leben manchmal nicht ganz leicht macht. In Betlehem waren „Apo and the Apostles“ die zweite Band überhaupt, behauptet Trompeter Firas Harb, und auch Ramallah hat keine nennenswerte Musikszene. Und in Bars, die kein Bier ausschenken, spielt die Band schon mal gar nicht.
Aber innerhalb von Israel eine Aufführungsgenehmigung zu bekommen, ist für die vier palästinensischen Mitglieder kein Kinderspiel. Also nur manchmal Konzerte im Westen, dafür umso häufier in Ostjerusalem und zunehmend auch in der Türkei und in Europa. Apos Apostel verbreiten frischfröhlich ihre hedonistische Message und freuen sich, wenn sie ein Publikum erwischen, das mit ihren Vibes mitgeht.

Die tote Liebe retten

„Saving a Dead Sea“ ist frei von Vorschlägen dazu, wie man denn dieses Tote Meer am besten retten könnte. Stattdessen geht es um ehemalige Geliebte, zerbrochene Beziehungen und die wilde junge Liebe. Zu beschwingten Indie-Folk-Melodien geht alles erotische Glück den Bach runter. Eine interkulturelle Message: Das Ding mit den Frauen ist offenbar nirgendwo so einfach.
Damit schließt die Band an die altbewährte arabische Tradition des Schmachtens an und beschwört sie mit Songtiteln wie „Albi“ und „Yalla Dance“ herauf, aber bricht zugleich leidenschaftlich mit ihr. Weil Apo Schwierigkeiten mit der arabischen Phonetik hat, sind die Texte weniger lyrisch als rotzig, umgangssprachlich und schlicht.
In einem Interview meint Apo, das er die Schnauze voll hätte von dem üblichen „habibi, habibi“-Gesülze. Und dann macht er es trotzdem selbst. Auf Englisch ist es ähnlich: Die neuen Lyrics sind keine große Herausforderung, aber witzig, klug und eingängig. Nichts ist heilig, aber alles irgendwie schön.
Wie es die Band mit der Religion hält? Dazu nur vier Worte: „My God is drunk“.

Einfach mal sababa, Leute

Aber ihre Message trifft sowohl einen von Liebeskummer geplagten Twen als auch den ganzen vom Krieg geplagten Nahen Osten mitten ins Herz:
„Keep on dreaming, don’t stop breathing, fight those demons / Sell you soul, not your whole self“. Das ist kein Lösungsvorschlag und kein Allerheilmittel, aber als gut gelaunte, frische Provokation reicht es aus, um die Dinge in Bewegung zu halten. Und anders als die vielen Musikprojekte aus Israel, die explizit politisch und völkerverbindend sein will, wie Yael Deckelbaums pathetisches „Prayer of the Mothers“, das vor einigen Jahren auf YouTube viral wurde.
Denn „Apo and the Apostles“ haben einen großen Vorteil: Sie sind talentierte Künstler, die einfach nur Musik machen wollen, die den Leuten das Leben ein wenig erleichtert. Und das wird immer gebraucht, ob mit Krieg oder ohne.


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Titelbild: (c) Apo and the Apostles

Eine Frage des richtigen Timings

… höchste Zeit also für eine neue Ausgabe der Kolumne „Kleingeist und Größenwahn“. Doch welchem Thema soll ich diesmal einen ganzen Artikel widmen? Für eine treffsichere Wahl, lohnt sich normalerweise ein Blick in die Zeitung. Augen zu, aufblättern und mit dem Zeigefinger blind auf einen Artikel tippen. Zack. Gesagt, getan. Heute Abend im Fernsehen, ihre Freitagabend-Romanze. Freitagabend? Heute ist doch … nein, heute ist Freitag. Wie konnte das passieren? Nur ein Tag zu spät, nur ein Tag und schon ist eine 122-Wochen alte Tradition gebrochen. Einfach so. Kaputt. Nicht mehr wiederherstellbar. Ein für alle mal im Eimer.
Nur gut, dass heute Freitag ist. Wäre mir der gleiche Fehler am Sonntag passiert … nicht vorzustellen. Das hätte so richtig ärgerlich werden können. Bei Wahlen kommt es nämlich aufs richtige Timing an. Bloß nicht irgendwelche Gestrigen wählen …

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Freitagsgebet #15: Ikonographie

Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, malte in der Mitte des 18. Jahrhunderts am Balkon des Schloss Belvedere sitzend eine Perspektive der Wiener Innenstadt Charakteristisch ist die klassische Skyline bestehend aus der Kuppel der Karlskirche, dem Turm des Stephansdoms und der Kuppel der Salesianerinnenkirche, die als Hintergrund die Gärten des Belvedere zieren. Dieses Sujet wurde als Canaletto-Blick zur Ikonographie der Stadt Wien erklärt. Wie es bei Ikonen oftmals so ist, sie gelten als heilig, so auch das darauf abgebildete Wiener Stadtbild. Das ging so weit, dass die UNESCO dieses Gemälde als Richtwert des Wiener Weltkulturerbrechts heranzog. Als wahrhaft heilige Ikone gilt für das Canalettogemälde auch die Bibelstelle: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und wenn jemand etwas wegnimmt, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen an der heiligen Stadt. (Offb. 22,18-19)

Nun erleben wir das Drama um das geplante Heumarkthochhaus, das gemäß der Bibelstelle zu großen Plagen führen wird. Schade, dass es keine Ikone von Innsbruck gibt. Vielleicht wäre uns dann vieles erspart: von den Sichtbetonschönheiten der 70er bis hin zu den fancy zwei Türmen am Sillufer.

Titelbild: (c) Wiki Commons

Im Salon #5: Hundegeflüster


Text von Thomas Sojer und Susannah Haas


Hofer: Haspinger, was riecht hier so? Ist das das Herrli?

Haspinger: Nein, das ist das Saftl, was das Herrli jetzt immer trinkt. Weil in der Fastenzeit gibt’s ja keinen Schnaps.

Ho: Weißt du, ich leg darauf ziemlich viel wert, weil ich hab in der Hundeschule eine Ausbildung zum Geruchsphilosophen gemacht.

Ha: Mir war gar nicht klar, dass du auch Philosoph bist, so wie das Herrli. Ich bin ja nur Polytechnisches gegangen.

Ho: Ja, ich war so gut mit Gassigehen und Rolle machen, dass  mich das Herrli auf diese private Hundeschule geschickt hat.

Ha: Du bist auch so ein privilegierter Sauhund. Dass sie dich beim Bauernbund überhaupt noch über die Schwelle lassen.

Ho: Dort gelte ich als spezielle Wolfsart, die vom Aussterben bedroht ist.

Ha: Aber im Ötztal sind sie wieder im Kommen, hab’ ich in der Krone gelesen.

Ho: Die Krone, die ich heute früh gefressen habe? Da hab ich jetzt noch Blähungen davon.

Ha: Schau’, Hofer, du musst dich halt auch an die Fastenzeit halten, so wie’s der Herrgott befohlen hat. Sonst flüster’ ich dem Herrli, dass es dich zu Herz Jesu nicht mit auf den Bergisel nimmt.

Ho: Eh, ich sauf’ bis Ostern nicht mehr aus dem Klo vom Herrli. Übrigens Bergisel, mein Namenspatron feierte gestern seinen 208. Todestag. Sauerei, dass uns das Herrli da nicht mitgenommen hat.

Ha: Gott hab’ ihn selig, den guten Ander. Aber wahrscheinlich hat er dich nicht mitgenommen, dass du auf der Maresi nicht wieder der Zoller-Frischauf in den Haxen beißt.

Ho: Ich steh halt auf ihre Wadln. Mmmmmmh. Wuff, wuff.

Ha: Diese zügellose Lust, Hofer, die hast du dir von den Laizisten abgeschaut. Aber bei uns sind Staat und Kirche immer noch eins, gell!

Ho: Ja, und das ist gut so, weil die Laizisten noch immer schlecht schießen.

Titelbild: (c) Tim de Backer, flickr.com 

Mahan Esfahani: Der Meister der Entgrenzung


Welten


Das Verfahren, das der in Teheran geborene Cembalist Mahan Esfahani bei seinen Konzerten etabliert erschließt sich schnell. Zentrum ist stets der von ihm hochverehrte Johann Sebastian Bach. Von diesem ausgehend wagt er sich aber so weit fort von diesem Mittelpunkt wie wenige Cembalisten derzeit.
Erstaunlich dabei ist vor allem, dass Esfahani damit nicht primär belegt, dass J.S. Bach der ewige und unverrückbare Meister ist, sondern dass sich mit diesem als Weggefährten ganz tief in die zeitgenössische Musik eintauchen lässt, ohne den roten Fäden zu verlieren und die Kohärenz in Sachen Programmgestaltung auf das Spiel zu setzen. Damit hebt er Bach nicht auf ein Podest, zeigt aber, dass sich der alte Meister hervorragend dazu eignet, Disparates zusammenzuhalten und abenteuerliche Ausflüge in unbekanntes Terrain zu motivieren und zu legitimieren.
Auch wenn man Esfahani so auf die Spur kommt bereitet einen dennoch nichts vor auf die schiere musikalische Brillanz seiner Konzerte vor. Wie er Verfahren zu Konzepten gerinnen lässt und wie er diesen Konzepten ein schlüssiges Programm abringt, ist nichts weniger als spektakulär.
Nach dem Konzert, das inklusive der obligatorischen Pause und verpflichtender Zugaben nicht länger als zwei Stunden in Anspruch genommen hat, hatte man das Gefühl ganze Musikwelten betreten und erlebt zu haben. Reichhaltig benennt nur unzulänglich, was einem zu Ohren kam und vielfältig ist eine unzureichende Beschreibung. Es war eine Odyssee, eine abenteuerliche Reise mit ungewissem Ausgang, bei der man sich aber durch Esfahani stets gut begleitet fühlte. Ihm folgte man unbekümmert und überraschend wagemutig auch hin zu den schwierigsten Experimente und komplexesten Musikwelten.
Wenig verwunderlich begann Mahan Esfahani seine Reise auf Einladung von „Jeunesse“ im nicht ganz gefüllten Saal des Innsbrucker Konservatoriums mit Johann Sebastian Bach. Hier bemühte sich Esfhani den Rahmen auszufüllen, mit leichten Überschreitungen aber in die Gegenwart zu hieven. Virtuosität diente ihm dabei niemals zur Selbstdarstellung oder gar dazu um eine Mahani Ego-Show zu inszenieren. Er diente vielmehr ganz dem verehrten Vorbild, beleuchtete aber wirklich jedes noch so kleine Detail der Komposition. Danach war man vorbereitet und auf alles gefasst.
Mit „Rounds“ von Luciano Berio machte sich Esfahani auf eine neutönende Zukunft zu betreten, die mittlerweile auch schon wieder der Vergangenheit angehört. Das 1965 komponierte Stück, das vor allem durch seine extravagante Spielanweisung auffällt, klingt auf fast schon vertraute Weise nach klassischer Neuer Musik der Nachkriegszeit. Dennoch war erstaunlich, wie Esfahani das Stück zu klingen brachte und vor allem welche Spielweisen und Klänge er seinem Instrument abtrotzte. Das anfängliche Unbehagen im Publikum wich einer unbändigen Begeisterung und frenetischem Applaus nach dem kurzen Stück.
Auf dieser Euphorie-Welle surfte er weiter zu „L´Africaine“ von Kevin Volans. Eine „Weltpremiere“, wie Esfahani verriet. Er hatte das Stück in dieser Form noch nicht aufgeführt gehabt. Es geriet zu einem Triumph der vertrauten Fremdartigkeit, die darin begründet lag, dass der Komponist sich für diese Werk von afrikanischen Kompositions-Methoden inspirieren ließ. Auch das Naheverhältnis zu Minimal-Music war stets hörbar und auch spürbar. Selten hat man Menschen in diesem Rahmen kopfnickend dem Groove eines Cembalos beiwohnen sehen.
Nach der Pause kam Esfhani wieder zurück zu vertrauteren Gebieten. Die „Englische Suite Nr. 4 F-Dur“ von J.S. Bach stand auf dem Spielplan. Nach den vorangegangenen Ausflügen hörte man Bach anders, moderner, zeitgenössischer. Das war wohl auch die Intention des großartigen Cembalisten: Mit dem „Neuen“ lässt sich das „Alte“ anders lesen und mit dem „Alten“ verändert sich der Blick auf das „Neue“. Dadurch entstehen überraschende Verbindungen und Querverweise.
Daraus folgt letztlich die Erkenntnis, dass Begrenzungen und Grenzen nicht existent sind. Auf dem Cembalo lässt sich alles spielen, sagt Esfahani schließlich des Öfteren und meint es nicht als Witz. Es ist mehr möglich, als man gemeinhin annimmt. Es braucht „nur“ unbändige Musikalität, intellektuelle Kühnheit und eine gehörige Portion Mut. Dann gelingen auch Konzerte wie das montägliche von Mahan Esfahani, das zu abschließenden Jubelbekundungen führte und glückliche, bereicherte Menschen generierte.  Esfahani ist ein Meister der Entgrenzung, der Menschen grenzenlos begeistern kann.

Titelbild: (c) Markus Stegmayr

Plattenzeit #93: Joan As Policewoman – Damned Devotion


 Einschmeicheln


Joan as Policewoman, eigentlich ja Joan Wasser, hat auf ihrem aktuellen Album „Damned Devotion“ alles gewagt. Zu nachtschlafener Zeit hat sie komponiert, ab Mitternacht, wenn alles schläft in einer Stadt, die eigentlich niemals schläft. Die New Yorkerin hat dafür erstmalig intensiv mit „künstlichen“ Beats geflirtet. Auf ihrem Album seien daher, so sagt sie in mehreren Interviews, auch Songs gelandet, von denen sie anfangs nicht glaubte, dass sie auf ebendiesem landen würden.
Den Namen „Joan as Policewoman“ wählte sie einst als Unterscheidungsmerkmal zu ihrer Rolle als Violinistin, in der sie unter anderem für Lou Reed tätig war. Auf ihrem Album lässt sie dennoch  tief blicken und verkriecht sich nicht hinter einer fiktiven Kunstfigur. Sie singt von Leidenschaften, von ihrem „dummen Ich“, das sich schon wieder verliebt hat, von der Notwendigkeit einer „Alarmglocke“, die sie immer wieder in ihrem Leben hätte warnen sollen.
Der Titel der Platte legt nahe, dass die Protagonistin aufs Ganze geht und sich ganz weit öffnet. Das tut sie aber nur auf textlicher Ebene. Die wahre Raffinesse liegt in der Musik. Diese hält einen immer wieder auf Distanz, stimmlich exponiert sich Wasser nie, schmeichelt sich vielmehr ein. Diese Diskrepanz zwischen Text und Musik macht einen großen Teil der Faszination aus.
Dazu findet sie Melodien, für die so mancher Popstar töten würde. Auch nach mehrmaligem Hören nutzen sich diese nicht ab und bleiben frisch wie beim ersten Hören. Sie schmeicheln sich ein, ohne schleimig zu sein. Sie sind geschickt konstruiert, finden eine irrwitzige Balance zwischen Einfachheit und Anspruch. Vom Genre her lässt sich ihre Musik absolut nicht zuordnen. Soul ist genauso präsent wie  David Bowie, wie Funk, wie Elektro-Spielerei wie Avantgarde wie absolute Zugänglichkeit.


Fazit


Vorsicht ist geboten, wenn man von einem „Meisterwerk“ spricht. Im Falle des Albums von Joan Wasser scheint diese Zuschreibung aber nur angemessen. Zu süchtig machen diese Songs, zu klug ist deren Aufbau und zu subtil-verführerisch der Grundton. Dieses Album wird bleiben und verlangt danach immer wieder gehört zu werden.


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Titelbild: (c) Graziella Costa, flickr.com