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Chronik einer geplanten Zerstörung

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Der Bau einer Wasserstoff-Fabrik im Gebiet der Völser Au westlich von Innsbruck erhitzt die Gemüter. Was für Nutzer des beliebten Erholungsgebiets jahrzehntelang undenkbar war, könnte bald Realität werden: die Zerstörung des Naturdenkmals „Völser Gießen“, eines geschützten Kleinods, eines Naturjuwels.

Bei Politikern im Land und am Dorf ist Jubelstimmung angesagt. Beifall gibt es vor allem für die Betreiber der Anlage, eine große Tiroler Handelskette. Das 13-Millionen-Projekt läuft unter dem Etikett Klimaschutz. Der ökologische Preis spielt nur eine kleine Nebenrolle.

Alle klatschen oder schweigen zu den negativen Folgen des  drohenden Eingriffs in die Natur. So auch die Tiroler NSLRin. Ausgerechnet. Eine verzweifelte Bürgerin hat eine Petition gestartet, um den „Gießen“ vor der drohenden Zerstörung zu bewahren. Mit der Bitte um Hilfe hat sie sich auch an die NSLRin gewandt. Die Reaktion aus deren Büro klingt ernüchternd: „Die Prüfung von alternativen Standorten verlief leider negativ.“ Soll heißen: gegen die Errichtung der Anlage auf dem Gebiet des Naturdenkmals ist kein Kraut gewachsen. Bleibt bloß eine Frage: Welche Prüfung?

Von politischer oder behördlicher Seite wurde nie ernsthaft versucht, einen alternativen Standort ins Spiel zu bringen. Das ist insofern beachtenswert, weil die betreibende Handelskette Alternativen sehr wohl ins Auge gefasst hatte. Ein benachbartes Grundstück etwa, das sich beim nahegelegenen Umspannwerk befindet.

Mit dem Eigentümer gab es wochenlange, vielversprechende Verhandlungen über die Verpachtung. Der Vertrag war schon unterschriftsreif. Doch dann wendete sich das Blatt: die Handelskette in Person ihres Anwalts, der als Aufsichtsrat der übergeordneten Holding eine maßgebliche Rolle spielt, hat den Vertrag – salopp gesagt – kreativ überarbeitet. Der Eigentümer sprang daraufhin ab, in letzter Sekunde sozusagen. Auf seinen Anwaltskosten in Höhe einiger Tausend Euro blieb er sitzen. Der Ärger war groß. 

Die Projektbetreiber machten sich erneut auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück. Das Projekt war ja mit Unterstützung von dem LHSTVer und der NSLRin schon öffentlich beworben worden. Es geht dabei auch um lukrative Fördergelder, aus der Europäischen Union um genau zu sein, deren Auszahlung vom rechtzeitigen Bau der Wasserstoff-Anlage abhängt. Das könnte die Eile erklären.

Kurzerhand wurde die Idee geboren, auf Grundstücken in der Umgebung der bestehenden Firmenhallen zu bauen. Der Haken daran: auch diese Grundstücke gehören jemand anderem, der Frau eines Metzgers nämlich. Die zeigte sich gesprächsbereit. Man einigte sich. Statt weidenden Schafen sollten künftig Tanks mit ätzender Kalilauge das Naturdenkmal säumen. Privatrechtlich ist das kein Problem.

Vom öffentlichen Recht aus betrachtet sehr wohl, weil für eine solche Anlage eine Reihe von Genehmigungen, unter anderem eine naturschutzrechtliche, erforderlich ist. Die dürfte es auch geben. Zumindest enthält das Mail aus dem Büro der NSLRin keinerlei Hinweis, dass dem Treiben beim Naturdenkmal ein Ende gesetzt wird. Am 12. März fand dort bereits ein Spatenstich für die Anlage statt – ohne rechtsgültigen Baubescheid, wie Recherchen ergeben haben.

Die NSLRin sieht ein „erhebliches öffentliches Interesse“ an dem Projekt, weshalb „der Umwidmung zweier ökologisch wertvoller Freiflächen zugestimmt wird.“ Wie sieht es mit dem erheblichen öffentlichen Interesse aus, das Naturdenkmal in seiner bestehenden Form zu erhalten? Das jedenfalls hatte die strategische Umweltprüfung des Amtes der Tiroler Landesregierung für das Gebiet „Völser Gießen“ empfohlen. Soll Klimaschutz wirklich Naturschutz killen können?

Der Stadtkater erzählt garantiert keine Schnurren, sondern Geschichten, die das Leben schreibt. Tragisch, komisch, hintergründig, tiefgehend. Er ist: Der Wahrheit auf der Spur.

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