Der junge Wilde mit dem armenischen Chor

3 Minuten Lesedauer

Ein bisserl arg virtuos war der junge Tigran Hamasyan bisher ja manchmal schon. Oftmals sind mit ihm einfach die Pferde der Virtuosität durchgegangen. Auch den einen oder anderen Vorwurf kann man ihm machen, was akutes Stil- und Genre-Switchen betrifft. Dabei ging und geht es nicht immer kohärent zu.
Tigran ist nicht einer, Tigran ist viele. Wer er dabei wirklich ist, verrät er uns nicht immer. Wollen wir ihm bei diesem Versteckspiel folgen, das einer Verfolgungsjagd von Musiker und Rezipient gleicht? Gute Frage. Manchmal ja, manchmal nein. Manches wirkt authentisch, gefühlt und aufrichtig, manches nur wie eine gekonnte und durchaus lässige Fingerübung.
Ein wenig schade natürlich, weil Tigran an sich ein fantastischer Musiker ist, der aber manchmal ein wenig dem Leichtsinn der Jugend verfällt. Der Mann ist schließlich erst 28 Jahre alt!
Nun hat dieser junge, wilde Meister-Pianist aber mit „Luys i Luso“ kurzerhand ein gewichtiges und wichtiges Meisterwerk herausgebracht. Einfach so. Weil er es kann und weil dem Mann musikalische Grenzen und spielerische Beschränkungen fremd sind. Seine Beschäftigung mit armenischer Musik, deren Funktion in seinem früheren Schaffen nicht immer klar erkennbar war, findet hier zu voller Blüte.

Bescheidenheit ist dabei nicht seine Stärke. Und ist es doch. Zuerst einmal hat er sich zusammen mit dem „Yerevan State Chamber Choir“ „sacred music“ aus Armenien vorgenommen – und zwar vom 5. bis zum 20. Jahrhundert. Kein kleiner Zeitraum. Das Problem, dass er diese Musik zu einem großen Teil erst polyphon arrangieren musste, weil sie es ursprünglich und traditionell nicht war, meistert er außerdem mit Bravour.
Bescheidenheit hält aber, ganz im Gegensatz zu dem an sich irrwitzigen Projekt, bei seinem Klavierspiel Einzug. Tigran hält sich zurück, spielt sich nicht in den Vordergrund, begleitet und improvisiert mit tiefer Demut dieser „heiligen“ Musik gegenüber. Eine wahre Freude das zu hören! Tigran ist endlich ein wenig älter und weiser geworden. Kein Wunder, denn wer würde vor dieser Musik nicht ein wenig ehrfürchtig und klein werden?
Glück für uns, dass er seinen Chor und diese großartige Musik nach München bringt. Am Freitag, den 23.10. wird er in der Allerheiligen-Hofkirche gastieren. Sollte man gesehen und gehört haben – zumal er mit diesem Chor und dieser  Besetzung nur an sehr ausgewählten Orten in Europa spielt…

Titelbild: Vahan Stepanyan

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code