Was uns "schwarze" Musik über uns und unsere Gegenwart sagt

12 Minuten Lesedauer

Drunk


Obwohl Stephen Bruner, besser bekannt als „Thundercat“, ein schwarzer Musiker ist, findet man auf seinem aktuellen Album „Drunk“ kaum Hinweise auf Repressionen gegen Schwarze in den USA der Gegenwart. Seine Musik lässt sich nur schwer bis gar nicht mit gegenwärtigen politischen Strömungen und Bewegungen in Verbindung bringen. Lediglich in „Jameel´s Space Ride“ gibt es eine ganz handfeste Textstelle: „I want to go right, I´m safe on my block / Expect for the cops /Will they attack?/Would it be ´cause I´m black“.
Der Ich-Erzähler in diesem Track reagiert nicht mit Wut, Verzweiflung oder Traurigkeit, sondern mit dem sehnsüchtigen Wunsch die Welt verlassen zu wollen. „I want to fly away off into space and into the sun“. Diese Motiv ist nicht neu. Der 1974 veröffentliche Film „Space is the Place“ aus der Feder das Jazz-Musikers Sun Ra schlägt in eine ähnliche Kerbe. Sun Ra hat sich aber nicht nur diese utopische Welt jenseits der altbekannten Erde ausgemalt, sondern sich auch immer wieder als außerweltliches Wesen in Szene gesetzt.
Thundercat tritt trotz allem nicht in die Fußstapfen von Sun Ra. Er inszeniert sich nicht als fremdartiges Wesen, sondern als ganz und gar weltliche Person, welche die überbordenden und überfordernden Einflüsse und Erlebnisse der Gegenwart kanalisiert. Der Titel „Drunk“ bezieht sich nicht nur auf Alkohol, sondern auf ein Gefühl der Trunkenheit angesichts der Überfülle der Sinneseindrücke in der heutigen, unübersichtlichen Welt. Bruner findet im Humor ein Möglichkeit damit umzugehen.
In einem Interview mit dem „Guardian“ spricht er gar von „laughing at racism“. In einer Welt, in der es eigentlich nichts mehr zu lachen gibt, lacht Thundercat erst recht und findet statt zur Resignation zur Überbetonung der eigenen „weirdness“. „I feel weird/Comb your beard, brush your teeth/Still feel weird/Beat your meat, go to sleep//“ heißt es etwa im zweiten Track von „Drunk“. Nicht einmal Rituale und Normen können die „Weirdness“ von Bruner stoppen.
Bemerkenswert ist aber vor allem die musikalische Ebene die auf „Drunk“ etabliert wird, um das utopische Potential temporär zu verwirklichen. Diese „andere Welt“ wird zuvor angekündigt. „Let´s go hard, get drunk, and travel down a rabbit hole“. So endet das erste Lied. Das lässt sich als Hinweis darauf lesen, dass es ab jetzt um Party und um Alkohol geht. Aber auch die Leseweise, dass ab hier die Uhren anders ticken und Potentiale auf knapp 50 Minuten realisiert werden ist überaus plausibel.
Bruner etabliert dazu nicht nur Jazz, Neo-Soul und Funk, also genuin „schwarze“ Spielarten, sondern auch Prog-Rock, Pop und sogenannten „Yacht Rock“. Bruner lacht somit nicht nur in seinen skurrilen Texten über die Jetzt-Zeit, sondern erschafft zugleich eine bunte, grenzenlosen Gegenwelt, in der man sich über Grenzen und Rassismus erst gar keine Gedanken mehr machen muss, weil diese durch eine kohärente künstlerische Vision überwunden wurden.


A Seat At the Table


Anders als Thundercat bei „Drunk“ geht Solange auf ihrem aktuellen Album mit dem Hier und Jetzt um. Sie reagiert vorerst mit Schmerz und Rückzug. Bereits in „Weary“ heißt es: „I´m weary of the ways of the world. Be weary of the ways of the world“. Sie spricht somit nicht nur von sich, sondern meint auch diejenigen mit, die der der Welt müde werden und den Rückzug antreten sollten. Das Programm an diesem Rückzugsort ist klar. „I´m gonna look for my body, yeah. I´ll be back real soon“. Auch in „Cranes in the sky“ wird der Rückzug und die Flucht thematisiert „I traveled 70 states/thought moving round would make me feel better“.
Im Gegensatz zu dem Ich-Erzähler bei Thundercat, der sich ins All sehnt und sich dort erst Freiheit verspricht, sucht die Ich-Erzählerin bei Solange das Heil nicht in der Weltflucht, sondern in der Flucht in die Welt. Das Ziel ist es, dieser Welt anders zu begegnen, müder, weniger aggressiv, als ein anderer Mensch. Dazu greift sie zu ganz handfesten Bildern: „But you know that a king is only a man with flesh and bones/ he bleed just like you do//“. Solange will die großen Herscher vom Sockel holen und ihre Menschlichkeit betonen. Dazu geht sie eine Art von strategischem Essentialismus ein. Sie wendet sich an „all my niggas in the whole wide world“. Einer von weißer Kultur dominierten Welt setzt sie eine übertonte schwarze Kultur entgegen.
Das Konzept und das Anliegen von „A Seat at the Table“ ist klar zu umreißen. Es ist eine sehr „körperliche“ Platte. Zuallererst fordert Solange tatsächlich, dass verstärkt Schwarze an dem „Tisch“ Platz nehmen und sich nicht vor den mächtigen Weißen marginalisieren und unterdrücken lassen sollten. Der Tisch kann als Metapher gelesen werden, aber auch als realer Ort. Mehr schwarze Menschen sollten an den richtigen Besprechungstischen sitzen und Entscheidungen treffen. Nach der Müdigkeit folgt das Aufbegehren und die Einforderung von Platz in der Kultur und der Politik der Gegenwart.
Aus all den Wirrnissen und Abgründen der Welt, die auch Solange und die Figuren auf „A Seat at the Table“ erleiden, gehen erstarkte Personen hervor, die auf sanfte aber bestimmte, konkrete aber nicht aggressive Weise auf die Umstände der Zeit reagieren und sich dazu in Bezug setzen. Mehr als nur einmal wird auf diesem Album betont, dass sich „glory“ und „magic“ in uns selbst befindet. Entdecken wir diese sind wir bereit die richtige und gewichtige Rolle in der Welt zu spielen, die uns auch zusteht.


Emily´s D+Evolution


Die Musikerin Esperanza Spalding findet wiederum einen anderen Weg. Ihre Figur auf ihrem Album flieht nicht und zieht sich nicht zurück. Sie erfindet sich kurzerhand neu. Veröffentlichte sie zuvor einige Alben, die mehr oder wenige authentische Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählen ,wird sie auf dieser Platte zu „Emily“. Schon in „Good Lava“ weißt sie auf diese Rolle hin. „See this pretty girl/watch this pretty girl flow“. Sie nimmt eine bemerkenswerte Außenperspektive ein. Sie erzählt nicht von sich selbst, sondern von Emily. Von dieser schönen, talentierten Frau. Zugleich wird sie zu dieser. Diese Figur ist maßloser und experimentierfreudiger als es Spalding je war.
Das Album lässt sich vom letzten Track her lesen und interpretieren. Spalding benutzt ein Lied aus „Charlie und die Schokoladenfabrik“. „I want the world, I want the whole world/Give it to me now/ I want it know“. Wie sie das bekommt ist ihr egal. Sie will es einfach. Und sie weiß, dass für sie alles möglich ist. Sie hat die Mittel dazu in der Hand und die notwendige Portion Größenwahn zur Hand. „So let loose“ heißt es in „Good Lave“. Womöglich ist Emily diese Lava, diese sich verflüssigt habende Person, die alles mit ihrer Energie und Macht niederwalzt.
„Schwarze“ Themen sucht man auf dieser Platte vergebens. Es wirkt so als habe Spalding bzw. Emily diese Fragen schon überwunden. Thundercat lacht dem Rassismus und der Kleingeistigkeit ins Gesicht. Solange zieht sich zuerst erschöpft zurück und fordert dann selbstbewusst auf ihre ureigene Art ihren Platz ein.
Spalding hingegen nimmt ihre Vision bierernst. Humor findet sich kaum. Dafür aber übermäßiger Gestaltungswillen und musikalische Radikalität. Der Jazz-Rock-Prog-Funk-Pop-Hybrid ist musikalisch womöglich der kühnste Entwurf der hier beschriebenen Alben. Thundercat begnügt sich oft mit genialen Skizzen und Solange benützt ihr enormes Songwriting-Talent vornehmlich für Soul-Pop-Perlen. Spalding setzt sich aber scheinbar mühelos über Harmonie-Konventionen und Genre-Einengungen hinweg.
Diese „Emily“ gibt sich nicht mit plumpen politischen Bezugnahmen und lautstarker Aggressionen ob der unhaltbaren Zustände zufrieden. Hier muss noch nicht einmal eine Präambel vorangestellt werden um die Aussage deutlich zu machen, dass es sich bei diesem Album um einen gewichtigen Gegenentwurf zu den Repressionen der Gegenwart handelt. Bei Spalding muss man nicht zuerst das „rabbit hole“ durchqueren und eine andere Welt betreten oder aus dem Erschöpfungs-Rückzugsort neue Kraft schöpfen. Hier ist man von Anfang an mittendrin und bekommt es mit einer selbstbewussten, aufmüpfigen und kompromisslosen Frau zu tun, die sich ihren „Seat at the Table“ schon längst erkämpft hat. Emily ist eine Kraft-Figur, die Kraft geben kann.


Fazit


Die „Handlungsanleitungen“ in der gegenwärtigen Musik sind zahlreich. Exemplarisch sind diese drei Platte aus meiner Sicht besonders interessant. Wir können anhand dieser Kunstwerke unsere Rolle und unser Verhalten in der Welt überprüfen, in Frage stellen und neu definieren. Das kann Kunst und muss gute Kunst leisten.
Ganz offensichtlich sind diese dringlichen Fragen die eigenen Identität und die Rolle in der Gesellschaft betreffend derzeit bei schwarzen Musikern virulenter und die daraus entstehenden Alben daher auch hochspannend. Es lohnt sich diese Alben zu hören, ob aus Gründen der „Befragung“ auf diese Thematik hin oder mit rein musikalischem Blick.


Zum Reinhören



 Titelbild: (c) Justin de Noojer, flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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