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A True Story aus Tirol

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Einst lebte eine Frau in Tirol, die sich ein eigenes Geschäft in den Kopf gesetzt hatte. Weil sie sehr emsig und ihr Handel erfolgreich war, gründete sie bald darauf ein zweites Geschäft. Und später noch eines und noch eines. So wurde mit der Zeit ein richtig großes Ding daraus und eines der stärksten Unternehmen des Landes. Heute zählt man knapp 300 Filialen und 900 Millionen Euro Umsatz. Jährlich. Und noch immer ist die Firma fest in Familienhand. Der kleine Konzern genießt einen tadellosen Ruf. Kritische Berichte findet man kaum.

Doch es existiert ein Projekt, das kein so gutes Licht auf die Firma wirft. Obwohl es die Verantwortlichen so darstellen. Es geht um Image und Prestige. Oder doch um’s Geschäft?

Das in den Himmel gewachsene Handelsimperium möchte sein Kerngeschäft erweitern und in eine branchenfremde Zukunftstechnologie einsteigen. Die Firmenchefs, drei Brüder, haben sich eine Wasserstoff-Produktionsanlage in den Kopf gesetzt. Kostenpunkt: 13 Millionen Euro. Kein Klacks, auch nicht für einen Familienkonzern mit 6000 Mitarbeitern. Der Plan: die firmeneigene LKW-Flotte mit sauberem Wasserstoff statt dreckigem Diesel durchs Land fahren zu lassen und überschüssige Energie zur Beheizung von Firmengebäuden zu nutzen.

Die Energieproduktion aus Wasserstoff ist en vogue. Ob sie auch effizient und ausgereift ist, ist zumindest nicht eindeutig. Für die Produktion braucht man jedenfalls viel Strom. Und Wasser. Und Kalilauge, die in riesigen Tanks gespeichert werden muss.

Hier beginnt die Herausforderung: der Standort der Anlage, der ursprünglich in der Nähe eines Umspannwerks geplant war, befindet sich nun in unmittelbarer Nähe des Naturdenkmals „Völser Gießen“. Das ist ein Gebiet in der Nähe des Inns, auf halbem Weg zwischen Kematen und Völs. Der „Gießen“ ist nicht nur ein Naherholungsgebiet für den Menschen, sondern auch ein wichtiger Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten. Es handelt sich um ein regelrechtes Naturjuwel mit Au-artigen Landschaftsbild und einem durch Schilfgürtel und Bäume verlaufenden Flüsschen. Das Gebiet wurde außerdem durch Renaturierungsmaßnahmen aufgewertet.

Der seit 1990 bestehende Schutzstatus ist auch vom Amt der Tiroler Landesregierung im Jahr 2012 eindrücklich bestätigt worden: eine sogenannte strategische Umweltprüfung hat ergeben, dass das Gebiet um den „Völser Gießen“ als Grün- und Freilandzone in seiner traditionellen Form „besonders schützens- und erhaltenswert“ ist.

Aufgrund der rechtlichen Widmung musste sich im Herbst 2019 der Gemeinderat in Völs mit der Sache beschäftigen. Die Gemeinde organisierte dazu auch einen Infoabend, bei dem die Bevölkerung über die Wasserstoff-Pläne in Kenntnis gesetzt wurde. Eine riesige Anlage mit Produktionshallesamt Laugentanks, Wasserstofflagerdepot. Dazwischen irgendwie eingezwängt: das Naturdenkmal, das durch eine quer hindurch verlaufende, mit Rohrleitungen versehene Brücke direkt beeinträchtigt würde.

Diese Vorstellung schmeckte etlichen Bürgern nicht. Die Politik war dennoch bemüht, die Bedenken mit dem Hinweis auf „Ausgleichsflächen“ zu zerstreuen. Die Sache schien damit erledigt. Im Gemeinderat stimmte niemand gegen die Umwidmung einer Schafswiese in „Sonderfläche“, die für den Bau der Wasserstoff-Anlage erforderlich ist. Auch die Grünen hatten keinen Einwand.

Nach der Bauverhandlung am 4. März erfolgte bereits am 12. März  der Spatenstich für die Anlage: ein PR-Termin, gerade noch rechtzeitig vor der Quarantäne, ohne Maske und Mindestabstand, dafür mit Politprominenz. Neben dem Firmenchef und seinem technischen Projektleiter waren auch der Völser Bürgermeister Ruetz und Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler, beide ÖVP, mit dabei. Offensichtlich hatte die Eile einen Grund: der Projektstart war vor drei Jahren für 2019 angekündigt worden.

Fakt ist: am 12. März 2020 lag für die Anlage kein positiver Baubescheid vor. Auch kein negativer, sondern überhaupt keiner. Der Baubescheid der Gemeinde Völs mit der Aktenzahl 030-0/793-2019 wurde am 19. März 2020 ausgestellt. Ausgestellt vom Bürgermeister, dem Mit-Spatenstecher.

Die fehlende Baugenehmigung ist aber vermutlich kein Einzelfall. Wer hierzulande in die Nähe eines solchen Naturdenkmals baut, braucht auf jeden Fall auch eine naturschutzrechtliche und eine wasserrechtliche Bewilligung. Ob es diese Bewilligungen für die Wasserstoff-Anlage gibt, ist unklar Noch ist am Gießen kein Bagger aufgefahren, viele Bürger fühlen sich trotzdem überrollt. Sie sind verärgert, dass man ihnen statt einer denkmalgeschützten Au jetzt eine Wasserstoff-Anlage vor die Nase setzen will.

Du siehst die Sache ganz anders und befürwortest das Projekt? Dann schreib uns an texte@afeu.at.

Der Stadtkater erzählt garantiert keine Schnurren, sondern Geschichten, die das Leben schreibt. Tragisch, komisch, hintergründig, tiefgehend. Er ist: Der Wahrheit auf der Spur.

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