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Skandal! Text tötet kein Schwein

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Manchmal weiß man nicht, was man noch schreiben kann. Wozu man überhaupt einen Stift in die Hand nehmen soll. Wer schreibt, ist ohnmächtig. Gefangen in seiner Unfähigkeit, mit wirkungsvolleren Mitteln zu kämpfen als mit Worten. Papier ist geduldig, Handydisplays leider nicht. Was nutzt es, sich die Seele aus dem Leib zu schreiben, wenn doch nur drüber hinweggescrollt wird? Die Welt bleibt die gleiche. Es ist ein Dilemma, ausweglos.

Tiroler Supermarktkette stoppt Verkauf von Tönnies-Schweinefleisch, lautete zuletzt eine Schlagzeile. Tönnies? Ein Ungeheuer von einem Schlachthof in Nordrhein-Westfalen, so groß wie ein Tiroler Dorf, mit einem Dutzend Werkshallen und eigenem Fußballstadion für Mitarbeiter. Am Hauptsitz des Unternehmens in Rheda-Wiedenbrück arbeiten 6000 Menschen. Im Marketingsprech des Konzerns hört sich das so an: Tönnies verfügt über eine Schlachtkapazität von 3.500 Tonnen Fleisch.

Täglich! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. 3.500 Tonnen, das sind 3,5 Millionen Kilo Fleisch. Ein Kilo sind in etwa fünf bis sieben große Schnitzel. 26.000 Schweine müssen dafür geschlachtet werden. Tag für Tag. Und das ist nur die Spitze des Schnitzelbergs. Tonnenweise landet Tönnies-Fleisch im Müll. Und nicht nur da.

Die Tiroler Supermarktkette hat sich von Tönnies beliefern lassen. Wie lange, ist nicht bekannt. Woher die Tiere von Tönnies stammen ebensowenig. Vermutlich werden sie aus halb Europa zusammengekauft, unwürdige Tiertransporte inklusive. Man rechtfertigt sich damit, von Tirol aus, das Fleisch lediglich für Wurstproduktion verwendet zu haben. Die Frage ist aber gar nicht, wofür das Fleisch verwendet wurde, sondern ob es moralisch vertretbar ist, Geschäfte mit Tönnies zu machen. Noch dazu für einen Betrieb, der sich Regionalität und Qualität auf die Fahnen heftet.

Tönnies steht für viele für ein krankes System, für die rücksichtslose Ausbeutung von Tieren und von Menschen. Profitgier steckt dahinter. Wer sich von so einer Sau treiben läßt, hat womöglich selbst keine Skrupel. Man geht davon aus, dass die Masse der Konsumenten kauft, was angeboten wird. Hauptsache billig. Das ist das Kalkül, und die Politik spielt mit, anstatt diese Perversion zu stoppen. Es braucht aber mehr als nur klare Regeln für die Herkunftsbezeichnung von Fleischprodukten.

Der massenhafte Corona-Ausbruch bei Tönnies hat die Schweinerei des Agrarsystems sichtbar gemacht. So wie bisher kann es nicht weitergehen, die Fleischproduktion ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Folgen für den Klimawandel sind ebenso verheerend. Die Verwicklung von Tiroler Betrieben zeigt, wie Konzerngesteuert die Lebensmittelbranche ist. Tönnies macht Milliarden, Tirol schneidet mit. Wer lokale Produkte will, sollte besser am Bauernmarkt einkaufen und die wohlklingende Werbung der Supermärkte in den Wind schlagen.

Die Welt im Großen wird sich aber nicht so schnell ändern. Diese Erkenntnis ist bitter, das Gefühl der Ohnmacht zum Verzweifeln. Wozu überhaupt noch einen Stift in die Hand nehmen, wenn morgen weitergewurstelt wird? Diese Frage stelle ich mir ernsthaft. Mit Vernunft ist die Welt nicht zu ändern. Die, die es könnten, machen einfach so weiter. Das ist die eigentliche Schweinerei.

Der Stadtkater erzählt garantiert keine Schnurren, sondern Geschichten, die das Leben schreibt. Tragisch, komisch, hintergründig, tiefgehend. Er ist: Der Wahrheit auf der Spur.

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