Schöne Bescherung

Herbert K. nutzt Weihnachten.
30. Dezember 2025
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Gar allzu früh hatte Herbert K. die Macht der Sprache auf so nachdrückliche Art und Weise kennen gelernt, dass er diese Lektion sein Lebtag lang nicht mehr vergessen würde. Vorweihnachtszeit. Dreist und schwersatt überdeckten die Hochnebel Tag für Tag die Niederungen und Seen, bis endlich durch das sehnsüchtig erwartete Adriatief ganz Kärnten sein Braun mit dem unschuldigen Weiß des glitzernden Schnees bis zum nächsten Frühjahr verbergen konnte.

Der kleine Herbert, noch zu jung um das Schreiben und Lesen zu lernen, kauerte auf der Küchenfensterbank und verlor sich im Anblick des schillernden Balletts der tanzenden Schneeflocken. Advent. Mit Radio Kärnten. Heimatlieder, Karl Heinrich Waggerl, besinnliche Weisen. Im Zusatzherd flackerte das Feuer und die Mutter fabrizierte mit schmerzendem Rücken die fünfte Sorte Weihnachtskekse, Husarenkrapfel; damit sich die Skepsis der Großmutter nicht schon beim Herumstierln im Keksteller, sondern erst beim spitzmundigen Verkosten mit einem gequälten „Danke“ als alljährliches, kulinarisches Urteil über den Familientisch legte.

Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Weihnachtsduft. Weihnachtslied. „Wer klopfet an? Oh zwei gar arme Leut´! Was wollt ihr denn? Oh gebt uns Herbert heut´!“ Was sangen die dort im Radio? Der kleine Herbert traute seinen Ohren nicht. Die sangen von ihm! Die suchten ihn! Herbertsuche! Das war der Beweis! Der endgültige Beweis. Maria und Josef und das Christkind! Sie suchten ihn! Herbertsuche!

Hastig kletterte der kleine Herbert von der Fensterbank und lief zu seinem Großvater.

„Opa! Horch! Das Christkind sucht mich!“

„Wie kommst du denn darauf, Herbert?“ fragte der Großvater und nahm ihn auf den Schoß.

„Da! Im Radio! Horch! Die singen Gebt uns Herbert heut´

„Nein, oh nein“, antwortete lachend der Großvater, „Nein, oh nein, das kann nicht sein! Die suchen nicht dich, Herbert, sondern eine Herberge, eine Unterkunft!“

Und da zerbrach etwas im kleinen Herbert. Was sollte eine Welt, in der nicht einmal mehr die Weihnachtslieder stimmen, in der ihn das Christkind nicht mehr sucht? Hatte da etwa gar sein älterer Cousin recht, der hinter vorgehaltener Hand felsenfest behauptete, dass es das Christkind in Wirklichkeit nicht gab, sondern dass dies alles nur von den Großen vorgetäuscht wurde? Woran sollte er da noch glauben, außer an sich selbst?

Zumindest der Großvater hatte ihn nicht belogen und der kleine Herbert beschloss von nun an ganz genau aufzupassen, was dieser über Weihnachten wusste und erzählte. Zunächst nur die ganz alten Geschichten von früher, als alles noch so viel besser und einfacher war. Aber allmählich, als Herbert K. zum jungen Burschen herangereift war, fesselten ihn zunehmend die alljährlich zu später Stunde aus der Tiefe hervor drängenden Erinnerungen des Großvaters. Der Opa. Der Held. Wie er in jungen Jahren, als alle am Heiligen Abend wieder schafherdenbrav in die Mette trabten, um dem lateinisierenden Pfarrer die Mythen von Jungfrauengeburt samt Kometenschweif als zweifelsfreie Wahrheit abzukaufen, da stapfte er mit Gleichgesinnten bei klirrendem Frost in den Wald bis zur Oberen Lichtung und feierte dort im Schein der Fackeln mit den Kameraden das Julfest. Mit Liedern und Gedichten. Wintersonnwende. Germanisch. Edel. Fest verwurzelt in der Erde Heimat. Wenn ihnen dann, am Nachhauseweg, noch ein paar Slowenen über den Weg gelaufen wären …

Noch heute waren diese Erinnerungen für Herbert K. ein ganz wichtiger Teil seiner persönlichen Weihnachtserzählung. Aber – und das hatte Herbert K. mittlerweile glasklar erkannt – kann man die über Generationen gewachsenen, religiösen Traditionen nicht so einfach abschütteln und im Märchenbuch der Geschichte entsorgen.

Nein, man musste sie umwandeln, sich einverleiben. Mit blinkenden Weihnachtspartys, x-mas Karaoke, Lichtshows, Glühwein und Gratispunsch. Bis die Zeit reif ist für eine neue Erzählung. Für seine Erzählung.

Herbert K. der König. Der vierte König. Neben Caspar, Melchior und Balthasar.

H wie Herbert. H wie Herodes.

Und Friede den Menschen auf Erden.

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