Das Eis unter den Füßen

Eine grönländische Chronik.
21. Jänner 2026
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AFEU mit ChatGPT 31
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Dinge erklären zu wollen, die sich der Erklärung verweigern, ist eine menschliche Schwäche. Die Hobokratie gehört zu diesen Dingen. Schon das Wort klingt nach Büchern, die niemand liest, nach Theorien, die in Archiven verstauben, während draußen der Wind die Spuren verweht. Als alles begann – falls es einen Anfang gab, woran ich bis heute zweifle –, dachte keiner von uns an Begriffe. Wir hatten andere Probleme. Zum Beispiel das Problem, einem Menschen zu erklären, warum sein Zuhause plötzlich in einer fremden Vorstellung von Ordnung auftauchte.

Der Wind blies an jenem Tag besonders unangenehm, aber ich glaube, das habe ich bereits erwähnt. Falls nicht: Er war wirklich schlimm. So ein Wind, bei dem man sich fragt, ob es nicht vernünftiger wäre, dort zu leben, wo Palmen wachsen und niemand über Landstreitigkeiten spricht. Ich war auf dem Weg zu Liv. Ich wusste, dass ihr die Nachricht nicht gefallen würde. Sie gefiel niemandem. Sie kam in jener glatten Sprache, die nichts fordert und doch alles meint: von Interesse war die Rede, von Sicherheit, von Verantwortung. Worte, die man benutzt, wenn man vermeiden will, von Macht zu sprechen. Liv mochte nichts, was vorgab, die Welt ließe sich aus der Entfernung besser verstehen.

Als ich ihr sagte, dass in den Vereinigten Staaten erneut laut über uns nachgedacht wurde – nicht offen, nicht offiziell, aber ernsthaft –, nähte sie weiter. Als hätte ich erwähnt, dass das Eis dieses Jahr früher trägt oder später bricht.

„Das Land kann man nicht besitzen“, sagte sie schließlich. Nicht empört. Eher wie jemand, der weiß, dass Wahrheit unabhängig davon existiert, ob sie gehört wird.

Ich hätte argumentieren können. Mit Gesetzen. Mit Geschichte. Mit internationalen Verträgen, die in Hauptstädten wichtiger sind als der Boden unter den Füßen. Mit Verweisen auf Sicherheitsinteressen, Rohstoffe, strategische Lagen, auf den Umstand, dass niemand von Annexion sprach, sondern von Präsenz. Von Schutz. Von Stabilität in unsicheren Zeiten. – Worte, die warm klingen, weil sie nie im rauen Wind gesprochen werden. Aber ich ließ es bleiben. Mir fiel auf, dass all diese Dinge sich immer dann besonders wichtig anhören, wenn man weit genug entfernt ist, um den Frost nicht zu spüren.

Später fragten mich Leute – meistens solche, die zu Besuch kamen und nicht blieben –, wann genau die Hobokratie entstanden sei. Ob es einen Moment gegeben habe. Eine Entscheidung. Eine Konferenz mit Flaggen, Übersetzern und einem Abschlusskommuniqué. Ich enttäusche sie stets.
Es gab keinen Anfang. Es gab nur ein allmähliches Aufhören, an bestimmte Selbstverständlichkeiten zu glauben. Zum Beispiel daran, dass jemand, der weiter weg wohnt, automatisch besser weiß, was hier richtig ist. Oder daran, dass Besitz dort beginnt, wo Beziehung endet. Oder daran, dass Macht ertragbarer wird, nur weil sie höflich formuliert ist. Und ein ebenso langsames Erinnern daran flackerte auf, dass dieses Land schon einmal Gegenstand fremder Begehrlichkeiten gewesen war. Niemand hatte gefragt, wie der Fjord im Frühling riecht.

In der Versammlungshütte wurde viel gesprochen, aber noch mehr geschwiegen. Piitaq sagte, wir müssten vorbereitet sein. Nicht auf Gespräche, sondern auf das Ende der Gespräche. Niemand fragte laut, was das bedeute. Aber alle wussten es.

Anna machte Notizen. Sie sagte später, sie schreibe nicht für Lösungen, sondern für den Fall, dass jemand behaupten würde, alles sei überraschend gekommen.

Die Hobokratie – wenn man sie so nennen will – war nie als Gegenentwurf gedacht. Sie war eine Verdichtung. Wir ließen Ämter weg. Wir ließen formale Besitzansprüche weg. Aber wir ließen nicht die Einsicht weg, dass Macht kaum je fragt, ob sie willkommen ist. Und dass Gewalt immer eine Möglichkeit bleibt, wenn sie eben höflich vorbereitet wird. Wir ließen die Vorstellung weg, Verantwortung ließe sich delegieren wie eine lästige Aufgabe an jemanden mit besserem Englisch.

Stattdessen geschah etwas Merkwürdiges: Die Leute dachten länger nach, bevor sie sprachen. Und kürzer, bevor sie handelten. Wer blieb, blieb nicht aus Pflicht, sondern aus eigenem Willen. Und wer ging, tat das ohne Theater. Wandern war kein Verrat. Vielleicht war das der eigentliche Kern: Niemand wurde festgehalten, weder durch Gesetze noch durch moralischen Druck sowie Versprechen von Sicherheit.

Natürlich funktionierte nicht alles. Manchmal war es chaotisch. Manchmal wünschte ich mir klare Zuständigkeiten, besonders nachts, wenn Flugzeuge über uns hinwegzogen – tiefer als nötig, lauter als gewohnt. Niemand sagte, dass sie etwas bedeuteten. Aber niemand glaubte das wirklich. Einmal dachte ich ernsthaft, wir würden von der Welt überrollt werden. Nicht mit Panzern, sondern mit Papieren. Mit freundlichen Angeboten. Mit dem Tonfall wohlmeinender Überlegenheit.

Anna kam vorbei und brachte Suppe. Wir sprachen darüber, ob man sich vorbereiten könne auf etwas, das immer als Vernunft daherkommt. Sie sagte, das Problem sei nicht Gewalt an sich. Das Problem sei, dass sie aus der Ferne plausibel wirkt. Dass sie in Washington anders aussieht als hier, wo sie den Boden berührt.

Es gibt diesen Gedanken, der einen verfolgt wie ein hungernder Hund. Bei mir war es der Gedanke, dass Menschen Besitzansprüche auf Orte erheben, an denen sie nie gefroren haben. Wo sie nie im Wind standen. Wo sie nie nachts wach lagen und sich fragten, ob das Eis halten würde – oder ob es sich langsam, unaufhaltsam zurückzieht, während in fernen Parlamenten von Chancen gesprochen wird.

Ich meine das nicht böse. Die meisten dieser Menschen sind vermutlich anständig. Sie haben Kinder, Termine, Lieblingscafés. Aber sie sitzen an Schreibtischen und zeigen mit Fingern auf Karten, als wären das Spielbretter. Und irgendwo zwischen zwei Linien entsteht dann Eigentum. Die übrige Welt schaut zu, räuspert sich, schreibt Stellungnahmen – und weiß nicht recht, was sie sagen soll, weil alles schon entschieden klingt.
Als ich Liv fragte, ob sie Angst habe, sagte sie zunächst nein. Dann schwieg sie lange.

„Nicht um mich“, sagte sie schließlich. „Um das Land. Um das, was Gewalt mit unseren Beziehungen macht.“

Sie sagte, Besatzung zerstöre zuerst keine Häuser. Sie zerstöre Bedeutungen. Danach bleibe vieles stehen, aber nichts sei mehr dasselbe. Und das Eis würde sich dann wohl anders anhören, bevor es bricht.  Damit war für sie die Sache erledigt.

Für mich leider nicht.

 In den Versammlungen kehrte eine Frage immer wieder zurück, leise, hartnäckig: Was tun wir, wenn jemand kommt und behauptet, es besser zu wissen – und genug Macht hat, das durchzusetzen?

Die übrige Welt würde reagieren. Betroffen. Besorgt. Mit Erklärungen. Und dann weitermachen. Auch das wussten wir. Und warum fühlt sich dieser Besitz oft realer an als das Leben derer, die hier bleiben wenn die Kameras weg sind?

Ein Besucher sagte einmal, Eigentum sei notwendig, um Verantwortung zu sichern. Ich dachte lange darüber nach und kam zu dem unbequemen Schluss, dass hier genau das Gegenteil zutraf. Diejenigen, die glaubten zu besitzen, konnten jederzeit verschwinden. Ihre Verantwortung endete meist dort, wo der Rückflug begann. Zurück blieb das Eis. Und wir.
Die Hobokratie entstand nicht aus Rebellion. Sie entstand aus der nüchternen Einsicht, dass Nähe verwundbar macht, aber Abwesenheit gefährlicher ist. Dass jemand, der bleibt, mehr zu verlieren hat – und deshalb ernst genommen werden sollte.

Jahre später fragte mich eine Frau, ob die Hobokratie ein politisches System sei. Ich sagte nein. Ob sie eine Ideologie sei. Wieder nein. Dann fragte sie, was sie denn sei, und ich sagte: eine Übung. Täglich. Übung darin, Macht nicht zu mögen, auch wenn man sie haben könnte.
Liv sagte einmal, das Schwierigste sei nicht, ohne Regierung zu leben, sondern ohne Schutzmacht. Ohne das beruhigende Gefühl, dass im Notfall jemand eingreift.

Vielleicht war genau das unsere Lage: Wir standen auf dem Eis und wussten, dass niemand garantiert, dass es hält.

Der Wind weht immer noch. Das Eis ist auch noch da, obwohl es dünner wird. Aber die Art, wie wir darüber nachdenken, hat sich verändert. Die Welt schaut genauer hin als früher. Nicht aus Verständnis. Aus Interesse.
Wir sind vorsichtiger geworden. Nicht ängstlich. Wach.

Neulich fragte uns jemand, was wir tun würden, wenn tatsächlich Soldaten kämen.

Liv antwortete nicht sofort. Dann sagte sie nur: „Bleiben.“

Sie bot ihm Tee an und fragte, ob er je einen grönländischen Winter erlebt habe.

Er sagte nein.

Damit war das Gespräch beendet.

--- ein Schnappschuß

In die Mitte der 50iger Jahr geboren in Solbad Hall,
nach der Geburt verwechselt.
Humanisiert und romantisch verseucht von Kennedyanern an der Sill und vom Föhn.
Durch die Galerie St. Barbara kultiviert. Ab Mitte 70iger Jahre erste Lesungen zwischen mittelalterlichen Mauern und neuer Autobahn. Galerie „Erdbeben“
Buchhändler im In- und Ausland. „Der Brenner“ kennengelernt.
Inneneinrichter im Aus- und Inland.
Schule für Dichtung bei Ide Hintze und Anne Tardos.
Schwimm- und Schilehrer.
Erste Übersetzungsversuche 1980 in England für Linton Kwesi Johnson, von seinem Verleger vereitelt
Seit 1990 literarische Beiträge für diverse Druckmittel in und um Wien (Stuhlprobe, Dazwischen, Morgenstean, Etcetera, Dum) sowie graphische Beiträge für poetische Londoner Veröffentlichungen.
2001 Welturaufführung „Knoblauch & Weihrauch“ (eine Liturgie des Geldes) in Mödling,
Lesungen bei und mit „Labyrinth“, „Klopfzeichen“, im Literaturhaus Wien, in Prag und St. Pölten und andernorts..
Seit über 30 Jahren lebhaft in Wien ---

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