Leseprobe: Tödliches Wien

Krimi von Katja Wilhelm. Ullstein, 2026.
28. Jänner 2026
11 mins read
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Kapitel 1: Draußen vor der Tür

Im Karton kratzte und wimmerte es. Die drei Kätzchen würden bis zum Morgen erfroren sein. Jämmerlich, so wie alles an ihnen. Sie schob den Karton mit dem rechten Fuß noch ein Stück näher an den Müllcontainer, dessen überquellender Inhalt auf baldige Entleerung schließen ließ. Doch deshalb hatte sie die Müllinsel nicht ausgesucht. Die Kätzchen würden sterben, so oder so. Sie waren so wie ihr Leben: hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Mager, zu klein und insgesamt wenig viel versprechend: Damit ließ sich kein Geld verdienen, und schnelles schon gar nicht. Sie schlug den Mantelkragen hoch, blickte sich ein letztes Mal nach möglichen Zeugen ihrer nächtlichen Entsorgungsaktion um und verschwand dann in Richtung ihres Wagens. Hier an dieser Müllinsel konnte man immer parken, jedenfalls zu vorgerückter Stunde. Es war eine der wenigen im Stadtgebiet, der so viel Freiraum zugestanden wurde. Die seltsamsten Dinge hatte sie hier schon gefunden. Da waren die drei Kätzchen, die sie heute hier zum Sterben zurückließ, und all jene, die schon vor ihnen das Zeitliche an dieser Endstation gesegnet hatten, nichts Besonderes. Wahrscheinlich dachten sich alle dasselbe, die hierher kamen, um ihren Müll und alles andere zu entsorgen, was ihnen nicht länger von Nutzen war. Es hätte sie nicht verwundert, irgendwann auch eine menschliche Leiche hier vorzufinden. Müllcontainer plus Parkplatz ergab ein verlockendes Rezept für alle Menschen, die dringenden Bedarf an schneller und diskreter Entsorgung jenseits der Legalität verspürten. Mit jedem Schritt, mit dem sie sich von der abgestellten Schachtel entfernte, wurde das Wimmern und Miauen leiser. Und mit jedem Schritt fühlte sie sich sicherer. Ein Teil von ihr – ein winzig kleiner – wusste, dass es nicht in Ordnung war, was sie hier tat. Aber es war letztendlich eine Frage des Überlebens, und da gab es nur eine Gewinnerseite. Ein paar Schritte noch, dann würde sie wieder im warmen Auto sitzen, die Heizung voll aufdrehen und die Scheinwerfer abgeblendet lassen, bis sie um die Ecke gebogen war. Hier nahm man das mit der Überwachung im öffentlichen Raum ziemlich genau. Fast überall waren irgendwelche Kameras installiert worden. Auch viele private Hauseinfahrten hatten welche. Mangelnde Vorsicht hatte sie schon einmal Lehrgeld zahlen lassen. Mehrmals, um genau zu sein. Drei Anzeigen wegen Tierquälerei hatte sie schon kassiert. Und ein Tierhalteverbot war gegen sie verhängt worden. Es war ihr einerlei. Die Alternativen waren nicht berauschend: Sie bedeuteten entweder, sich ehrliche Arbeit suchen oder zurück in die Heimat jenseits der Grenze zu müssen. Auf beides hatte sie keine Lust. Und das Geschäft mit Rassekatzen boomte, besonders jetzt, vor Weihnachten. Hunde wären noch gewinnbringender, setzten aber einen Garten oder wenigstens einen Schuppen voraus, der vor neugierigen Blicken geschützt war. Hunde bellten außerdem, was unangenehme Fragen nach sich zog. Allerdings waren derzeit ohnehin überwiegend kleine Hunderassen angesagt. Sie könnte durchaus über eine Erweiterung ihres profitablen Geschäftsmodells nachdenken. Ein Käfig würde reichen. Die Muttertiere brauchten nicht viel, um zu werfen und am Leben zu bleiben. Solange, wie sie das taten, blieben sie bei ihr. Dann wurden sie entsorgt. Sie hatte schon Tiere auf der Autobahn ausgesetzt, in Säcke gestopft und mit Steinen beschwert in Flüssen versenkt, aus dem fahrenden Auto geworfen und im Wald an Bäumen angebunden. Auch erstickt, in der Badewanne ertränkt und das Genick gebrochen hatte sie ihnen, wenn es die Umstände erforderten. Schwache und kranke Viecher konnte man gleich lebendig verscharren, das sparte einen Arbeitsschritt. In ihrer Heimat warf man sie auf den Mist oder erschlug sie mit einer Schaufel. Dieser Akt der Gnade hier und heute, in dieser klirrend kalten Winternacht zwei Wochen vor Weihnachten, war eher so etwas wie ein unbewusster Appell an die Reste ihrer Menschlichkeit. Auch wenn es damit nicht weit her war: Sie zeigte damit guten Willen, wenn auch kein gutes Herz. Das war schlecht fürs Geschäft und daher früher oder später auch schlecht für sie. Aber in letzter Zeit hatte sie immer öfter über »Karma« nachgedacht. Sie wusste, was es bedeutete. Und sie war abergläubisch genug, um eine Häufung solcher Zeichen nicht als bloßen Zufall abzutun. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte ihr Auto. Sie war in Gedanken, aber sie war wachsam. Ein kriminelles Leben lehrte einen, die Augen auch im Dunkeln offenzuhalten. Ihr Instinkt riet ihr zur Vorsicht. Also schaute sie nach rechts und links, bevor sie die Straße überquerte. Um diese Uhrzeit – es war fast Mitternacht – war hier wenig los. Die meisten Menschen waren schon zu Hause bei ihren Liebsten. Oder zumindest in ihren eigenen vier Wänden. Sie teilte sich ihr Loch mit dutzenden mehr oder weniger reinrassigen Katzen und deren Würfen und einem geistig minderbemittelten groben Klotz, der wahlweise eine ausgewachsene Version ihres kleinen Bruders war und ihr immer noch an der Kittelschürze hing, wie damals am elterlichen Hof, wenn ihn der Vater mit dem Gürtel verprügelt hatte. Oder er stieg zu ihr ins Bett und wollte Liebe. Egal, wen von diesen beiden jämmerlichen Gestalten sie heute in ihren vier Wänden antreffen würde: Betrunken waren beide. Sie fischte die Autoschlüssel aus der Tasche ihres Mantels und wollte ihn eben ins Schloss der Fahrertür stecken, als sie hinter sich ein Geräusch vernahm. Sie kam nicht mehr dazu, sich umzudrehen. Die Flasche traf sie mit voller Wucht am Kopf. Sie sackte augenblicklich zusammen, Augenlider und Finger zuckten noch ein paar Mal. Dann hauchte sie ihren letzten Atemzug aus, dessen feine Nebelschwaden von der eiskalten Winterluft gierig absorbiert wurden. Die Gestalt, die blitzschnell scheinbar aus dem Nichts gekommen war, tauchte ebenso schnell wieder in dieses hinein und verschwand.

Einige Kilometer Luftlinie entfernt steckte in diesem Augenblick Gruppeninspektorin Hilde Attensam gerade den Schlüssel ins Sicherheitsschloss ihrer kleinen, aber feinen Zweizimmerwohnung, öffnete die Tür und knipste das Licht an. Sie blickte auf die Uhr. Fast Mitternacht! Wenn das so weiterging, würde sie ihr neues privates Engagement schneller bereuen, als sie es ohnehin befürchtet hatte. Oder kommen sehen, wie ihre Mutter Vorahnungen wie diese immer genannt hatte. Hilde Attensam war Ermittlerin bei der Mordkommission Wien, und sie war seit knapp drei Jahren einer Spezialeinheit zugeteilt, die von Kolleg*innen den wenig schmeichelhaften Spitznamen Soko »Reha« verpasst bekommen hatte. Und der Schuh passte leider, wie Hilde notgedrungen zugeben musste. Sie war der Sondereinheit nicht ganz freiwillig beigetreten. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie als mehr oder weniger brauchbarer Wanderpokal durch sämtliche Abteilungen des Wiener Polizeiapparats geschleust worden. Ihr Vorgesetzter war jetzt Major Cornelius Metz, der vor drei Jahren wieder in den aktiven Dienst zurückgekehrt war, nachdem er zwei Jahre lang wie ein Fast-Obdachloser in seiner Gartenlaube dahinvegetiert hatte. Im Gegensatz zu Hilde hatte er eine gute Entschuldigung für seinen psychischen Ausrutscher gehabt: Seine Frau hatte sich vor seinen Augen mit seiner Dienstwaffe den Kopf weggeschossen. Da konnte man schonmal die Kontrolle verlieren. Hilde hatte lediglich ihr Temperament nicht unter Kontrolle gehabt. Aber das Herz, das sie hatte, schlug nun einmal für Tiere. Und der Hundeführer, der schuld an ihrer Versetzung in die Soko »Reha« gewesen war, hatte es ganz sicher nicht anders verdient. Vor versammelter Mannschaft hatte der dumme Arsch damit geprahlt, wie er bei über 30 Grad im Schatten genüsslich dabei zusah, wie sein Diensthund im Auto langsam ohnmächtig wurde. Sogar Wetten hatte er angenommen, wie lange das Tier durchhalten würde. Hilde hatte all ihrem Zorn freien Lauf gelassen und ihn spätabends in der Umkleide abgepasst. Ein gezielter Schuss aus dem Taser hatte ihn außer Gefecht gesetzt. Zwei Rollen Gorilla-Power-Tape hatten den Rest erledigt. So hatte er, an seinen Spind getaped, die Nacht verbracht – hilflos, bewegungsunfähig und dem Spott der Kolleginnen und Kollegen ausgesetzt, die ihn erst am nächsten Morgen fanden und befreiten. Natürlich nicht, ohne ein paar Erinnerungsfotos zu knipsen. Leider wollte auch die Dienstaufsicht Hilde Attensam nach diesem Zwischenfall erledigen. Aber die Polizeigewerkschaft hatte die besseren Karten. Und genügend Menschen hatten die grauenhaften Handyvideos gesehen, um Hildes Aktionismus einigermaßen zu rechtfertigen. Eventuell hatte auch jemand damit gedroht, die geleakten Aufnahmen der gequälten Kreatur der Presse zuzuspielen. Der Preis für ihre Kooperation und ihr Stillschweigen war die Versetzung ins Team Metz gewesen. Was ursprünglich als Outsourcing-Projekt für gestrandete Desperados gedacht war, entpuppte sich jedoch als Winning Team. Der Dritte in ihrem Bunde war Kevin Wiesinger, ein passionierter Hacker, der über die allerbesten Verbindungen ins Innenministerium verfügte. Auch er war angezählt gewesen, als er zu Metz und Hilde in die Soko versetzt worden war. Erstaunlicherweise hatte sich das milde belächelte Außenseitertrio zu einem wahren Dreamteam für heikle Mordfälle entwickelt. Insgesamt sechs Morde hatten sie inzwischen aufgeklärt. Und Hilde dachte nicht ohne Stolz daran, dass ihre Menschenkenntnis und ihre speziellen Interessen nicht ganz unerheblich zu deren Aufklärung beigetragen hatten. Auch ihre neueste Bürde samt Würde hatte sie ihrer Arbeit in der Soko »Reha« zu verdanken. Konrad Hardenberg, eine Zufallsbekanntschaft vom Tiefriedhof, wo Hilde am liebsten ihre freie Zeit verbrachte, hatte sie großzügig in seinem Testament bedacht. »Gutes tun für Tiere in Not« sollte sie mithilfe der stolzen Summe, die er ihr treuhänderisch vermacht hatte. Und Hilde war wild entschlossen, seinem letzten Willen Folge zu leisten. Vor ein paar Jahren noch – vor ihrer Versetzung in die Mordkommission und zu Metz – wäre das Geld rasch Geschichte gewesen. Sie hatte ein veritables Konsumrauschproblem gehabt, und sie fand erst jetzt den Mut und den nötigen Abstand, um das Problem als solches zu erkennen. Mit Schaudern, aber auch mit einem klitzekleinen Tropfen Wehmut im halbvollen Glas ihrer Erinnerungen, dachte sie an das geheime Lager voller gehorteter Designer-Klamotten zurück. Sie war damals nicht nur hart am Wind einer drohenden Privatinsolvenz gesegelt, sondern auch hart am Rande der Legalität. Erst Kevin und seine digitale Schnüffelnase, die er in alles steckte, was ihm interessant oder verdächtig erschien, hatten sie in die richtige Richtung gelenkt. Wäre sie heute noch dieselbe Hilde von damals, wäre ihr das Geld schneller zwischen den Fingern zerronnen als Eis im Sommer in der brütend heißen City. Sie streifte sich die Schuhe von den Füßen und rieb sich die Fußballen. Kurz hatte sie überlegt, ob sie in Uniform zum ersten Vorstandstreffen gehen sollte. Das Tierheim, für das sie sich nach peniblen Recherchen (unter Zuhilfenahme von Kevins besonderem Talent) entschieden hatte, war ihrer Anfrage zurecht mit Misstrauen begegnet. Es passierte nicht allzu oft im Nonprofit-Bereich, dass eine gute Fee vor der Tür stand und Geldsegen versprach. Hilde war nicht unbedingt der Archetyp einer guten Fee. Sie war mit knapp 1,80 Meter groß für eine Frau. Und die breiten Schultern, die nahtlos in nicht minder breite Hüften übergingen, ließen sie wuchtiger erscheinen, als sie tatsächlich war. Sie wirkte plump und wenig ansprechend auf Leute, denen sie zum ersten Mal begegnete. Und genau hier kam ihr der Zauber der Uniform immer sehr gelegen. Doch wie hätte es ausgesehen, wenn sie heute bei dieser Sitzung, wo man sie ohnehin schon mehr als neugierig erwartet hatte, auch noch im Vater-Staat-Einheitslook erschienen wäre? Stattdessen hatte sie sich für ihren guten Hosenanzug von Donna Karan (dem für alle Fälle) entschieden, schwarze Wildlederpumps mit Blockabsatz und eine weiße Bluse mit Mao-Kragen, die sie in ihrem Lieblings-Vintage-Laden im zweiten Bezirk erstanden hatte. Das Teil war bügelfrei und von Armani Privé. Mehr Argumente waren nicht nötig gewesen, und schon hatte ein kleiner Rückfall Hildes makellose Zero-Shopping-Bilanz ein wenig getrübt. Ihre schulterlangen mausbraunen Haare, in denen der Grauanteil inzwischen dramatisch überhandnahm, hatte sie im Nacken zusammengebunden. Eine andere Frisur als diese gab es nicht. Der Vorstand des Vereins »Kalte Schnauzen e. V.« hatte Hilde sehr skeptisch begrüßt. Später an diesem Abend, als man anstelle des naturtrüben Apfelsaftes aus heimischer Gärung Kaffee mit Schuss kredenzte und zu Selbstgebackenem übergegangen war, hatte ihr der Kassenwart, ein pensionierter Buchhalter mit einer Schwäche für schneeweiße Königspudel, auch gesteckt, warum. Vor einigen Jahren war schon einmal jemand aufgekreuzt, der dem Verein, der sich zu 100 Prozent aus Spenden finanzierte, eine größere Summe in Aussicht gestellt hatte. Wochen- und monatelang hatte der Vorstand sich abgemüht, um Baupläne und Genehmigungen einzuholen und alle anderen bürokratischen Hürden zu nehmen, um den Neubau, dessen Finanzierung in scheinbar greifbarer Nähe war, auf Schiene zu bringen. Doch die vermeintliche Erbin von damals hatte sich als dreiste Schwindlerin entpuppt. Und all die Bemühungen, die schlechten, teils elenden Haltungsbedingungen der Tiere zu verbessern, als leere Kilometer. Hilde fand Vorsicht immer gut. Sie war im Schatten ihrer Vorzeichen großgeworden. Und die meisten menschlichen Interaktionen – beruflicher und privater Natur – hatten sie gelehrt, dass man mit ihr gut beraten war. Mit Vorsicht hatte man nie das Nachsehen. Gerade, als sie sich in ihrem Badezimmer genüsslich eine Wanne einlaufen lassen wollte, klingelte ihr Handy. Hilde war kurz verärgert, aber dann fiel ihr ein, dass um diese Uhrzeit nur ein Mensch bei ihr anrufen würde: ihr Chef, Cornelius Metz.

»Wer ist gestorben?«, fragte Hilde daher sogleich, und begann mit einer Hand, sich die soeben abgestreiften Socken wieder anzuziehen, während sie mit der anderen das Handy davon abhielt, sich im luxuriös duftenden Badewasser zu ertränken.

»Es gibt tatsächlich Arbeit für uns, Kollegin«, sagte Metz am anderen Ende der Leitung.

»Ist Kevin schon informiert?«

»Ist er. Können Sie mich abholen?«, fragte ihr Chef. Den Dienstwagen durfte Hilde fahren. Eine posttraumatische Belastungsstörung wie die seine und der mörderische Wiener City-Verkehr vertrugen einander nicht wirklich gut.

»Geht klar, Chef. Ich bin in 15 Minuten bei Ihnen«, antwortete sie knapp.

»Ähm, ich schicke Ihnen die Adresse«, sagte Metz nach kurzem Zögern.

»Wozu, ich weiß, wo Sie wohnen«, sagte Hilde und wollte schon auflegen.

»Ich, ähm, bin nicht zu Hause. Jedenfalls nicht bei mir«, rückte Metz schließlich mit der Sprache heraus.

Für einen kurzen Moment verspürte Hilde einen Stich in ihrer Brust, dort, wo ihr Herz verortet war. Das, das nur für Tiere schlug. Offiziell zumindest. Aber sie ließ sich nichts anmerken. In ihrem Alter noch in den Chef verknallt zu sein, der obendrein im Vergleich zu ihr ein heißer Feger vor dem Herren war: Peinlicher konnte es fast nicht werden. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis den am Boden zerstörten Witwer wieder jemand aufrichten und angemessen trösten würde.

»Bis gleich dann«, sagte Hilde nur und legte das Handy weg. Anziehen ging mit zwei freien Händen deutlich schneller. Ausziehen vermutlich auch. Und schon wurmte sie wieder der Gedanke an Metz und eine andere Frau. Vermutlich war es Betty. Die blonde Streifenpolizistin und er hatten sich gut verstanden. Und sie war nun, da sie bei einer Spezialeinheit ihre eigene Karriere verfolgte, keine unmittelbare Kollegin mehr von Metz. Oder seine Untergebene, was ein Techtelmechtel immerhin ethisch und moralisch vertretbar machte. Emotional hatte Hilde noch ein wenig daran zu kauen. Aber auch dieses Ungemach würde sich legen. Sie hatte ja jetzt eine Aufgabe abseits ihres Berufes. Und wissen konnte man nie: Vielleicht würde sie dort auch ihre Berufung finden?

Es machte Hilde Attensam nichts aus, zeitlebens draußen vor der Tür zu stehen und anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben lebten. Die Beobachter*innen dieses Spektakels, das hatten schon berühmte Philosophen aus dem hohen Norden die Menschheit gelehrt, blieben immer allein. Und Hilde kannte ihren Platz und die Aufgaben, die mit der Position des ewigen Außenseiters einhergingen. Nachdem sie die praktischen Schnürboots, die zu ihrer Uniform gehörten, angezogen und sich die Autoschlüssel geschnappt hatte, warf sie einen letzten kritischen Blick in den Spiegel. Aus diesem blickte ihr nun Hilde der Cop entgegen. Diese Person stand aufrechter da als jene, die kurz zuvor in ziviler Kleidung zur Tür hereingekommen war. Sie wirkte souverän, fast selbstbewusst. Und wenn man ganz genau hinsah, konnte man sogar ein zufriedenes Lächeln erkennen, das ihre Mundwinkel umspielte. Es gab einen neuen Fall. Es gab etwas zu tun. Sie wurde gebraucht. Gruppeninspektorin Hilde Attensam meldete sich wieder zum Dienst. Und der heimliche Rockstar in ihr, den niemals jemand zu Gesicht bekommen würde, trat gerade wieder ins Rampenlicht. Hilde war wieder »On Stage«.


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Katja Wilhelm

Katja Wilhelm, Jahrgang 1975, studierte Klassische Archäologie und Ur- und Frühgeschichte an der Universität Innsbruck. Nach ihrem Abschluss war sie beruflich in verschiedenen akademischen Bereichen tätig. Seit 2021 lebt und arbeitet sie hauptberuflich als freie Texterin und Autorin in der Nähe von Innsbruck. 

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