(c) Almuth Mota / www.byhand.at
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Leseprobe: Königin Herzenslust

Märchen über Mut und Liebe.
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Selten sieht ein Mensch die Wesen des Himmels, denn wir schauen ja eher auf den Boden, auf dem wir gehen, als in die Bäume über uns. Der kleinste Vogel, der hierzulande lebt, ist von unten auch recht unscheinbar, nur oben auf dem Kopf trägt er die schönsten schwarzen, roten und goldenen Streifen. Wenn die Königin einen Brief schreibt – und sei es nur ein Blatt -, dann kann es sein, dass dieser schon schwerer wiegt als ein ausgewachsenes Wintergoldhähnchen.

Einst wuchs auf der Wiese eine riesige Linde. Ihr Stamm war stark und teilte sich in fünf dicke Äste, ihre Blätter leuchteten in sanftem Grün. In diesem Baum hielt sich oft ein Goldhähnchen auf und fand eine ganze Welt im Gewirr der zahlreichen Zweige und im Schutz der Blätter.

An einem Sommertag kam unvermittelt ein heftiger Sturm übers Land. Der kleine Gefiederte im Laub konnte nicht mehr in den nahen Wald flüchten, wo die launigen Böen weniger zu spüren sind. So blieb er nahe am Stamm sitzen und hielt sich mit seinen kleinen Krallen, so fest er konnte.

Der Wind nahm stetig zu und brauste über die Wiese, als wolle er alles mitnehmen, was sich nicht im Boden verkrochen hatte. Sein warmer Atem blies einmal von hier nach dort, dann wieder von dort nach hier und mit einer solchen Kraft, dass selbst die große Linde davon gebeutelt wurde. Fast zwei Tage und Nächte vergingen, ehe der Sturm sich wieder beruhigte und es endlich sanft zu regnen begann.

Alles atmete auf, auch der Baum und der erschöpfte Vogel in seinen Zweigen.

Da sagte das Wintergoldhähnchen stolz zu seiner Linde: Fast wärst du fortgeblasen worden. Ist es nicht gut, dass ich dich die ganze Zeit so fest gehalten habe?“    

aus: „ „Königin Herzenslust – Märchen über Mut und Liebe“. gesammelt und bearbeitet von Frau Wolle Karin Tscholl www.frauwolle.at

Das Wintergoldhähnchen
Wann und wo ich diese Geschichte gehört habe, weiß ich leider nicht mehr. Es könnte sogar sein, dass ich sie erfunden habe. Wer eine Geschichte mit ganz anderen Figuren, aber der gleichen Essenz lesen möchte, findet sie in dem Buch „Es war 1001 Mal – Märchenreisen durch Leben und Welt“,Tyrolia Verlag, Innsbruck 2015, unter dem Titel „Wer pflügt?“.


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(c) Tanja Quasdorf

Karin Tscholl

Karin Tscholl, auch bekannt als Frau Wolle, ist seit 1995 hauptberufliche Märchen- und Geschichtenerzählerin für Erwachsene.

Sie hat 8 Bücher und 4 Geschichten-adventkalender veröffentlicht und ist bisher in 14 Ländern aufgetreten.

Ihre Leidenschaft gilt dem Finden und Teilen alter Volksmärchen, die etwas Überraschendes bieten.

Frau Wolle verlässt sich dabei auf die Kraft des gesprochenen Wortes, sie malt mit Sprachlust reiche Bilder.

„Kein Wort zu viel und keines zu wenig” danach strebt Karin Tscholl und erzählt nur Geschichten, die ihr selber auf der Zunge brennen. www.frauwolle.at

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