Wachsende Entfernung

2. Feber 2026
1 Minute Lesezeit
Foto von NASA auf Unsplash

Wir entfernen uns zunehmend von der Welt. Das ist so bequem und fühlt sich so sicher an. Denn die Welt birgt Gefahren und Mühsal. Doch wir haben in Wahrheit schon fast keine Ahnung mehr von dem Raum, in dem wir uns tatsächlich bewegen. Wir scrollen durch millionenfache Bilder von der Welt, ja. Aber wir riechen, fühlen, ertasten sie kaum mehr.

Wir unterhalten uns per vorgefertigter Emojis und Likes, doch wie sich eine Umarmung anfühlt, erleben wir selten. Wir verleben unsere Zeit, irgendwie verfangen im World Wide Web, während draußen das Gras wächst und die Sonne gebrochen durch die Dreifachverglasung scheint. Es ist fein warm im geschützten Innenraum, natürlich. Aber natürlich ist das nicht. Natürlich wäre der ukrainische Winter, doch den würden wir 21 Grad-Verwöhnten nicht überstehen. Wir haben uns glücklich abgeschottet, in Sicherheit gebracht vor der bösen Welt ringsum.

Doch sollte uns einer den Strom abdrehen wie den Ukrainern, wären wir dieser Welt plötzlich hilflos ausgesetzt. Wer von uns hätte noch Kartoffeln, Karotten und Kohl in einer Miete für den Winter gelagert? Wer wüsste, wie einen Erdofen konstruieren, einen Fisch fangen, ohne Grillanzünder Feuer machen? Wie einen notdürftigen Unterstand aus Ästen und Moos bauen? — Wir würden die Anleitung natürlich am Handy finden, sofern das Internet noch funktionierte … 

Das Leben ist in unserer hochtechnisierten Zivilisation kompliziert und für den Einzelnen unbeherrschbar geworden. Und droht nun der Menschheit mit der KI womöglich gar das endgültige Aus fürs eigene Denken, das Überflüssig-Werden, eine Alzheimer-Pandemie?  Existiert unsere Zivilisation dann am Ende nur noch auf einer unwirtlichen digitalen Oberfläche statt auf dem Boden der Tatsachen?

Leute wie Elon Musk träumen davon, sich statt auf ein Leben auf der Erde auf eines am Mars vorzubereiten, oder sie lassen sich nach dem Tod tiefgefrieren und erwarten das Auftauen in einer noch besseren, noch sichereren Welt. Aber eine solche Entfernung von unserem altgewohnten unperfekten Erdenleben erscheint dann selbst den meisten technikbegeisterten Zivilisationsverwöhnten allzu groß.

Also strengen wir uns besser ein wenig mehr an. Nehmen wir halt auch Fehlerhaftes und Unsicherheit in Kauf. Suchen wir wieder Bodenhaftung. Glauben wir keinem, der behauptet, es sei so viel bequemer und sicherer, das Leben durch Gadgets ersetzen zu lassen. Denn, ja, das reale Leben, Überleben und Zusammenleben ist mühsam und gefährlich. Aber vielleicht wären wir lebendiger, wenn uns mal einer – nur für ganz kurz, nur so als Test – den Strom abdrehte, um unseren Blick vom Display wieder auf die reale Welt und die paar Meter ringsum

zu richten.

Lektüre-Vorschläge zum Thema: Hartmut Rosa:“ Resonanz“, „Unverfügbarkeit“ und auch das neuerschienene Buch „Situation und Konstellation“, alle bei Suhrkamp.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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Martin Senfter Pandroid Magazin (c) Martin Senfter
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