Schwindelfrei

Herbert K. und der Moment der Wahrheit.
30. April 2026
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AFEU mit ChatGPT 43
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Wismarer Bucht. Der Buckelwal. Ein Ökotheater der Sonderklasse. Derartig verrückt, dass nicht einmal die Paradegrünen auf diesen Hype aufgesprungen sind. Okay, was sollten sie auch tun? Gruppenschwimmen, Algen umarmen, oder sich am Wal festkleben? Waltag ist Zahltag! Breit grinsend stellte sich Herbert K. vor, wie die ganze grüne Bande mit ihren Händen am verwesenden, stinkenden Walfischbauch klebt. Sozusagen back to the roots. Zurück ins Meer. „From the river to the sea, Timmy must be free!“

Herbert K. musste unwillkürlich lachen. Einmal mehr ein gelungenes Wortspiel! Diese Verknüpfung aus Palästina, Israel und Ökowahn. In einem Satz drei Statements! Herbert K., der König der Parolen. Ein Spruchmacher, kein Sprücheklopfer. Da konnte ihm niemand das Wasser reichen. Quasi aus dem Nichts scharfzüngig pointierte Zusammenhänge zu kreieren, die bisher weder aufgedeckt noch vorhanden waren. Einzelfälle sozusagen.

Aber dieses Mal war er leider zu spät dran. Medial war diese Geschichte schon gegessen. Schade. Da wären noch so mancher Sager drinnen gewesen: Walprogramm, Walversprechen, Walbeobachter, bis hin zum Walausgang … egal. Denn wenn dieses Vieh krepiert, dann kann sich alles, was bisher nett und lustig war, ganz schnell in sein Gegenteil verkehren, und aus einem witzigen Kalauer erwächst der Vorwurf herzloser Tierquälerei.

Nein, Herbert, nein. Hände weg von Pferden und anderen Tieren.

Die Japaner hätten da ohnehin schon längst gewusst, was sie mit diesem Wal machen würden. Oder aus ihm. Die kennen da keine falschen Sentimentalitäten. Rein kulinarisch sind die Asiaten durchwegs Allesfresser: Insekten, Schlangen, Spinnen, Hunde. Schon allein aus diesem Grund brachten keine zehn Pferde Herbert K. in einen dieser Sushiläden oder ein sogenanntes Chinarestaurant. Man weiß da ja nie genau, was man wirklich vor sich am Teller hat.

Andererseits bewahrt einen eine derartige Einstellung davor, aus jedem Bären ein Bärchen und aus jedem Wolf ein Wölfchen zu machen. Im Endeffekt – auch wenn das niemand gerne hört – landet auch das Ja-natürlich-Schweinchen am Rost.

Die Natur kennt keine Plüschtiere. Diese Vermenschlichung der Tiere führt in letzter Konsequenz nur zu degenerativer Verweichlichung. Das stand für Herbert K. außer Frage. Lieber ein ehrlicher Schlachter als all die Pferdeflüsterer, Robbenschützer und Krötensammler. Man muss ein Tier nicht quälen. Aber Mensch bleibt Mensch und Tier bleibt Tier.

Nur weil ein Wal grunzt und brummt, ist das noch lange kein Gesang, keine Musik. Darüber brauchte er nicht zu diskutieren. Wirkliche Musik war schon immer ein Instrument der Macht. Man muss sie nur richtig einsetzen. Zum gemeinsamen Feiern, zum Trauern, zum Kämpfen und Siegen. Musik schafft Identität, Zusammengehörigkeit. Und nichts funktioniert da besser als der deutsche Schlager. Zwei glatt, zwei verkehrt, und das Bierzelt kocht. Bei einem zünftigen Marsch kann man gar nicht anders, als im Gleichschritt mitzumarschieren.

Tanz und Musik, das Handwerkszeug der kulturellen Usurpatoren. Auch wenn Herbert K. alles andere als ein Musiker war, braucht man kein begonnenes Philosophiestudium um das zu verstehen. Infiltration verlangt nach Raffinesse. So wie es der Putin gemacht hat. Öl, Gas und Unterhaltung. Blond, sexy, akrobatisch und mit einem Bühnenauftritt, dass sämtliche hardcore Emanzen vor Wut erblassen. Mit einer, in aller Verruchtheit, engelhaft auftretenden Sängerin aus Krasnojarsk. Geboren im tiefsten Sibirien. Die slawische Antwort auf Rock’n’Roll und Jazz. Helene Fischer. Millionen hingebungsvoller Fans und ausverkaufte Stadien. Ein Feldzug der reinen Emotionen. Chapeau Vladimir! So macht man das!

Bewundernd begann Herbert K. zu recherchieren. „Russische Sänger und Tänzer im Westen“. Gespannt scrollte er durch die Beiträge. Ein Video. Schwarz-Weiß. Ballett. Schwanensee. Und gerade als Herbert K. schon weiterklicken wollte, offenbarte sich dieser göttliche Tänzer in all seiner Eleganz, seiner makellosen Schönheit und Kraft auf der Bühne. Diese Ausstrahlung, diese Körperbeherrschung, diese Anmut! Zutiefst erregt starrte Herbert K. auf den Bildschirm. Absolute Perfektion. Eine erotische Symbiose aus Musik und Bewegung in ekstatischer Harmonie. Dazu dieses Wagnis von Kostüm: Eine aufreizende Weste und ein Hauch von Hose. Eng, anschmiegsam. Jeden Muskel bis hin ins Zentrum lustvoll betonend. Ein Zauber. Magie. Verführung. Aus trockenem Mund entrang sich Herbert K. ein tiefer Seufzer. Er wollte mehr. Er wollte alles. Jetzt!

Rudolf Nurejew. Atemlos.

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