Edition AFEU

1. Juli 2025
3 mins read
(c) Helmuth Schönauer

Eine kulturelle Ermunterung an das Feuilleton-Magazin, fallweise Texte als Book on Demand herauszubringen.

1.
Wer wissen will, wie die Tiroler Literatur im Jahre 2025 tickt, sollte vielleicht den Namen einer praktischen Ärztin in Hall in der Internetsuche eingeben.
Daraufhin erscheinen zwei Homepages.
Eine zeigt das Leistungsangebot als Ärztin, eine andere, völlig getrennt von der ersten, das Leistungsangebot an Literatur fernab des üblichen Literaturbetriebs.

Diese doppelte Homepage erinnert daran, dass Literatur eine Holschuld ist und keine Bringschuld. 
Also nicht die Autoren müssen jemandem irgendwas andrehen, was der gar nicht will, sondern das Publikum will etwas lesen, was es für sich selbst braucht.

So ist es logisch, die im Netz Surfenden vor die Alternative zu stellen: Hausärztin oder Roman?

2.
Das Angebot als Hausärztin entspricht dem lege artis, das wir in der Medizin erwarten.

Ähnlich ist das Literaturangebot aufgebaut. In einem Begleittext wird erklärt, dass der Literaturbetrieb ein geschlossener Kreislauf ist, der von Türhütern bewacht wird.
Ohne Zertifizierung durch eine Publikation bei einem sogenannten etablierten Verlag hat keine Autorin Zutritt zur Welt scheinbar relevanter Print-Publikationen.

Dadurch beschränkt sich etwa in Tirol der Zugang zum Literaturbetrieb jeweils fünf literarisch Publizierende. An erster Stelle steht heuer wieder ein Osttiroler Tausendsassa, der seine mit KI verfassten Bücher in Sondersendungen des ORF Tirol gleich selber moderiert.

An dieses Gesetz der Monopolisierung hält sich übrigens eisern das Literaturhaus am Inn samt Literaturlexikon des Brennerarchivs.

Beide blicken in der Manier des Elfenbeinturms vom zehnten Stock des Trakl-Turms auf das Volk herab und entscheiden beim Montagsfrühstück, was für die kommende Woche der ausgedünnten Wahrnehmung von Literatur entspricht und was nicht.

3.
Der Königsweg der Gegenwartsliteratur heißt daher Selfpublishing.
Auf der Autoren-Homepage besagter Ärztin wird eine überzeugende Einladung formuliert.

„Selfpublisher haben keinen Verlag, wobei das eigentlich nicht ganz stimmt. Der Vertrieb wird von einem Verlag übernommen, aber den Rest macht der Autor selbst.
Das heißt, ich habe die Hand darüber, was mit meinem Roman geschieht, bis er die Verkaufsreife hat. Ich schreibe den Roman, gebe ihn ins Lektorat und Korrektorat, beauftrage Coverdesigner. Den Buchblock gestalte ich im Regelfall selbst. Dazu gibt es gute Hilfsmittel. Und dann reiche ich den Roman bei einem Selfpublishingverlag ein, der sich um den Vertrieb kümmert. Allerdings nicht um die Werbung. Um die kümmere ich mich auch selbst.“ 

(Dass hier keine konkreten Namen genannt werden, ist als Aufforderung an das Publikum zu verstehen, sich die gesuchte Literatur selbst zu recherchieren und sich nicht von einem diffusen Institut in den Mund legen zu lassen.)

Hinter dem Produkt Selfpublischer / Book on Demand steckt die Idee, dass unsere Kultur ein paar hundert Jahre lang eine Buch-Kultur gewesen ist.

Wer etwas Relevantes sagen wollte, landete letztlich beim Produkt Buch, das als haptisches Ereignis so gut wie alle Sinnesorgane anspricht.

4.
Ausgelöst durch das Netz hat das Buch mittlerweile den Charakter einer analogen Visitenkarte oder mit Leder angefütterten Speisekarte angenommen.

In entscheidenden Phasen der Argumentation oder bloßen Kommunikation zückt jemand ein Buch und übergibt es dem Gegenüber, um den Diskurs oder die bloße Begegnung zu intensivieren.

Menschen mit Buch schreiben im Netz gleich relevant wie Menschen ohne Buch. Der Unterschied ist freilich, dass sich Menschen mit Buch einer alten Kulturtechnik bedienen, um ihre Gedanken in eine Gedankenkette voller Regale einzuordnen.

Denn ein Buch-Exemplar der Buchmenschen geht analog immer noch an die Unibibliothek in Innsbruck, wo alle Bücher gesammelt werden.

Zur Erinnerung: Alles, was wir von Tirol wissen, wissen wir, weil es in einem Buch an der Uni steht.

5.
Das Alpenfeuilleton beherbergt Menschen mit und ohne Buch. Printpublikationen und Netzauftritt können durchaus unterschiedlicher Provenienz sein.
Die Botschaft von Alpenfeuilleton (AFEU) ist freilich, dass die einzelnen Magazin-Beiträge in einem größeren Kontext zu lesen sind. 
AFEU ist nach dieser Sichtweise auch ein literarisches Magazin, worin Literatur als Begleittext zu potentiellen Büchern erscheint.

Die Anregung für eine „Edition AFEU“ beinhaltet einen dreifachen Wunsch:

– Autorinnen sollen ein Stück Literatur im Alpenfeuilleton abdrucken, um in einen losen literarischen Kontakt mit dem Publikum zu treten.

– Autorinnen sollen die Idee für ihr Buch als ansprechenden  Klappentext in AFEU publizieren.

– Autoren sollen ihre Bücher selbständig als Book on demand realisieren. Als potentielle Werbemaßnahme kann das Label Edition AFEU verwendet werden.

Im Idealfall sucht das Publikum nach der Beantwortung einer bestimmten Frage und bekommt wie im Falle der Hausärztin von Hall zwei Lösungen angeboten:
Alpenfeuilleton oder Edition AFEU.

STICHPUNKT 25|54, geschrieben am 18.06. 2025

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 60 Bücher, u.a.:
* BIP | Buch in Pension | Sechs Bände. (2020-2026)
* Happy Hölle Tirol | Galgenhumor auf der Tirolic. (2026)
* Leck Tirol. | Aus einem kaputten Lokalsender. (2025)
* over-tyroled. | Geheimnisse aus Trash-Tirol. (2024)
* Austrian Beat 2. [Hg. Schneitter, Schönauer, Pointl] (2023)

1 Comment Schreibe einen Kommentar

  1. Interessante Sache, vor allem wenn man bedenkt, wie schwer es für Autorinnen und Autoren mitlerweile geworden ist, noch einen Verlag zu finden. Viele Verlage reagieren gar nicht mehr auf unaufgefordert eingesandte Manuskripte. Ob allerdings die UB in Zukunft dann auch wirklich jedes Büchlein sammelt und archiviert, dass einer oder eine von uns AutorInnen geschrieben hat, ohne Aufmerksamkeit der Literaturöffentlichkeit, sprich Literaturkritik, diese Frage wird man dann erst später beantworten können. Was das Ganze allerdings mit der Praktischen Ärztin in Hall und ihrer Homepage zu tun hat, erschließt sich mir in diesem Artikel nicht. Vielleicht heißt sie Dr. Afeu oder vielleicht auch Dr. Efeu. Dr. Google wird sicher die Antwort wissen.

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