Literaturpflege – eine anerkannte Dienstleistung? 

13. Jänner 2026
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(c) Helmuth Schönauer

Befragt nach den Plänen für das neue Jahr sagen eine Direktorin für Pflegewesen und ein Schriftsteller übereinstimmend: „Weitermachen wie bisher!“

Tatsächlich haben beide Berufe Gemeinsamkeiten, die leicht Ursache für Verwechslung sein können.

1.
„Der Patient kackt ins Bett und bekommt einen Preis. Die pflegende Person trägt das Preisgut aus dem Raum und kriegt vor dem Zimmer ein Duschgel.“
So ein Bild würde entstehen, wenn man den Literaturbetrieb mit dem Pflegebetrieb gleichsetzen wollte.
Dabei geht es es bei Literatur und Pflege um Dienstleistungen, die ein Wirtschaftsmensch knapp zusammenfassen könnte mit der Formel:

Literatur und Pflegebedürftigkeit erhöhen gleichermaßen das Bruttoinlandsprodukt BIP.

Bei genauerem Hinsehen sind Pflege- und Literaturbetrieb ähnlich strukturiert.

In der Literaturszene spuckt der Autor etwas aus, und das Literaturpersonal hält ihm die Leibschüssel unter, damit ja kein Wort verlorengeht.

Der Autor kriegt einen Preis, wenn er besonders brav gewesen ist.

Das herumstehende Personal freilich geht leer aus, während es sich in Autorenpflege verzehrt.

So gibt es allein in Tirol zweitausend Bibliothekarinnen, die für ein Lächeln in der Literatur arbeiten.

Im Pflegesektor wird ebenfalls oft still und unbedankt zu Hause von den Angehörigen gearbeitet.

Man stelle sich vor, das Pflegepersonal würde den Patienten Preise überreichen, damit die Arbeit lustiger ist.

– Schlaganfall der Woche
– großer Alzheimer von Mühlheim
– Theodor-Fontane-Darmverschlus
– Franz-Kafka-Hirnschlag
wären solche Preise, die man vergeben müsste. 

Dabei würden die Jurys in eigenen Jury-Clustern entlohnt. Diese Jurys könnten dann ebenfalls wieder wie in der Literatur eigene Preise bekommen, Großer Staatspreis für Pflegekräfte-Jury etwa.

2. 
Über die Dienstleistung Literatur wird gebetsmühlenartig das Märchen erzählt, wonach Literatur die Demokratie fördere und das Lebensgefühl intensiviere, während der vom Schicksal getroffene Pflegekunde seine benötigte Dienstleistung mit großem Aufwand und in Demut irgendwie erheischen muss.

In den Medien ist dann meist von einem Pflegekräftemangel die Rede, während niemand von der Autorenschwemme redet.

3.
Der für kurze Zeit auch in Innsbruck lehrende Germanist Stefan Neuhaus hat ganze Generationen von Bibliothekarinnen geprägt mit dem Leitsatz: „Literatur ist Vermittlung“.
Darunter ist zu verstehen, dass Literatur an und für sich tote Materie ist.
Erst wenn sich jemand damit beschäftigt, indem er etwa ein Buch aus dem Regal nimmt, wird sie „greifbar“ und kann vermittelt werden.
Literatur, die nicht vermittelt wird, ist demnach tot. 
Literatur ist eine Dienstleistung und kein Produkt.

Auf die Pflege übertragen: ihr Charakter als Dienstleistung ist unbestritten. 
Für den Patienten stellt sich die Frage, ob Literatur und Pflege gleich lindernd auf den eigenen Allgemeinzustand wirken.

Es könnte ja sein, dass jemand durch bloße Literatur gepflegt werden kann. Dann müsste man aber auch das beteiligte Personal adäquat bezahlen.

Für die Literatur hieße es, die Bibliothekarinnen müssten die Orden kriegen, nicht die Autoren.
Ebenso müsste in der Pflege das Personal hofiert werden in der Hoffnung, dass wie in der Literatur auch jene versorgt werden, die keine Zusatzversicherung haben.

STICHPUNKT 26|03, geschrieben am 07.01.2026

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 60 Bücher, u.a.:
* BIP | Buch in Pension | Sechs Bände. (2020-2026)
* Happy Hölle Tirol | Galgenhumor auf der Tirolic. (2026)
* Leck Tirol. | Aus einem kaputten Lokalsender. (2025)
* over-tyroled. | Geheimnisse aus Trash-Tirol. (2024)
* Austrian Beat 2. [Hg. Schneitter, Schönauer, Pointl] (2023)

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