Mit dem Latein am Ende?

23. Feber 2026
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Foto von Luca Tosoni auf Unsplash

Wissen ist immer nützlich. Wissen wir. Breites Allgemeinwissen ist zudem flexibel anwendbar. Wissen wir ebenfalls. Aber manches Wissen altert und neues Wissen wird vordringlich. Wie zum Beispiel Latein versus EDV und Internetgebrauch. Momentan nützen EDV Kenntnisse und richtiger Social Media Gebrauch sicherlich mehr als Latein. Nützt Latein überhaupt noch irgendwem? Oder aber, anders gefragt: Muss denn alles unmittelbar von Nutzen sein? Oder, noch anders gefragt: Was müssten wir eigentlich wirklich wissen?

Unsere Vorväter hatten lokale meteorologische Kenntnisse, mit denen heute nicht einmal Bergfex mithalten kann. Die brauchten keine Lawinen- und Gewitterwarnungen, generiert aus komplizierten Berechnungen, die am Handy abzulesen sind. In diesem Bereich sind wir also verdummt, dafür hätten unsere Vorväter kein Handy bedienen, geschweige denn entwickeln können. Sollte aber einmal der Empfang ausfallen, wäre es doch wieder gut, die Kenntnisse der Vorfahren zu besitzen.

Unsere Großmütter hatten pflanzenkundliches Kompetenzen, mit denen sie alle gängigen Krankheiten zu behandeln wussten. Heute gehen wir mit unserem Schnupfen zur Apotheke. Da brauchen wir keine Kräuter mehr zu kennen und zu sammeln. Fällt allerdings einmal die pharmazeutische Lieferkette aus, wäre es vielleicht gar nicht schlecht, noch ein bisschen Kräuterwissen bewahrt zu haben.

Die Motorenbauer entwickelten vor hundert Jahren Elektromotoren, welche dann ad acta gelegt und erst kürzlich wieder aus der Schublade geholt wurden. Viele andere Erfindungen und Patente ruhen noch in den Schubladen, teils versteckt, teils vergessen. Wer weiß, was an Altem man da einmal als sehr nützlich wiederentdecken wird?

Zurück zu Latein: Zugegeben, es ist unnütz, man kann damit nicht einmal mehr gesellschaftlich punkten (außer höchstens noch mit der Aussprache des lateinischen C als K, und nicht als Z). Es nützt erwiesenermaßen nicht wesentlich fürs Erlernen lebender Sprachen. Jeder Dummdödel kann sich heute lateinische Zitate und den Inhalt der Metamorphosen bei Bedarf aus dem Internet holen. Dasselbe gilt natürlich auch für Musik, Bildende Kunst, Literatur und vieles andere. Weshalb dann eigentlich noch in Ausstellungen gehen, Musik hören, Bücher lesen? Vielleicht, weil es Spaß macht? Weil es uns in eine andere Welt eintauchen lässt?

Wie wär´s also, statt abzuschaffen, mit MEHR Unnützem? Mit einem breiteren Angebot an Wahlfächern, aus denen die Schüler — ihren Neigungen gemäß – sich ihre Bildung aussuchen könnten? (Natürlich erst, nachdem sie Schreiben, Lesen, Sprechen, Zuhören, Rechnen, ethisch-soziale Basics beherrschen, versteht sich.) — Jeder Zeit ihren Fächerkanon, jedem Schüler seine Lieblingsfächer – breit gestreut und ein Leben lang, wenn nötig, auch nach Nützlichkeitserwägungen stets ergänzbar?

Ich stelle mir viele neue Lehrangebote vor, wie: Latein ergänzt durch die Kulturgeschichte Europas; Deutsche Literatur und Medienkunde ergänzt um Rhetorik und Soziolinguistik; ein Fach Schöne Künste und Ästhetik mit diversen musischen Modulen zur Auswahl; Philosophie, Ethik, und Religionen (Plural!) in allen Facetten; Psychologie ergänzt um den Umgang mit KI und Krisen,  Fremdsprachen in breiter Auswahl, Sport ergänzt um Robotik und humanmedizinisches Grundlagenwissen, Naturwissenschaften und deren Methodik quer durch alle Bereiche des heutigen Fächerkanons, Angewandte Mathematik und formales Denken samt EDV auf dem neuesten Stand …

Ach, was wäre das schön, daraus schon als Jugendlicher seine Lieblingskurse wählen, das eine auf Basiswissen zu beschränken, anderes vielfach erweitern zu können? Und das sogar ein Leben lang, so wie in Finnland?  Schüler, Lehrer und Eltern träumen seit Jahrzehnten von einem derart offenen, flexiblen Schulwesen. Da würden manche in der Schule sogar Überstunden absitzen! Bekommen haben sie als Placebo allerdings immer bloß Schulversuche

So wird es auch diesmal sein. Man versucht zaghaft etwas. Und dann lässt man es eben wieder bleiben. Also, liebe Lateiner: Keine Angst vor der Zukunft. Nolite timere! Die Vergangenheit ist dem österreichischen Schulwesen inhärent und unabänderlich eingeschrieben. Und es gibt wenig so Vergangenes wie Latein.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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