Obwohl das Landesmuseum schon fertig ist, baut das Land immer noch daran herum.
Wer sich beim Flanieren durch das ziemlich desillusionierende Zentrum von Innsbruck gehen lässt, wird in der Museumstraße momentan auf zwei sogenannte Höhepunkte stoßen.
Gleich zu Beginn scharrt das Gebäude der Tirol-Werbung mit allen Fenstern um Aufmerksamkeit, um aus dem Label „Tirol“ demnächst goldene Nächtigungszahlen heraus zu melken. Und in der Mitte der Museumstraße prunkt in voller Wahrheit das Tiroler Landesmuseum hinter einem Bauzaun hervor.
Dieses Museum der Wahrheit besteht zur Zeit aus einem Bauzaun, einem Gerippe aus dem vorvorigen Jahrhundert und einer nordseitigen Bodenplatte, auf der man demnächst einen modernen Trakt errichten wird.
Manche halten diese Installation aus Baumaterialien für ein künstlerisches Projekt, das bereits vollkommen ist.
Als Tiroler Künstler fühlt man es mit seinen kritischen Sensorien, dass das Museum eigentlich schon jetzt fertig ist. Mehr als die Bodenplatte gibt es nämlich auch in Zukunft nicht zu sehen.
Die Bodenplatte widmet sich in der Baugrube genau jenem Niveau, das von der Tiroler Kunst allgemein erwartet wird. Diese soll nämlich bodenständig (bodenplattig) sein und ungefähr auf Grundwasserniveau mit der Umgebung kommunizieren.
Zwei Gründe sprechen dafür, den Bau einzustellen und in ein dauerhaftes Provisorium überzuführen.
– Alles, was über die Bodenplatte hinausragt, wird Kosten verursachen. die den Budgetplan sprengen. Noch wäre man also im grünen Bereich.
– Alles, was dereinst im Museum gezeigt werden soll, kann man schon jetzt im Netz begutachten. Es besteht also später kein Grund, in das Gebäude zu gehen, um irgendwelche Führungen im infantilen Hausmeister-Ton über sich ergehen zu lassen.
Der Museum-Boom ist generell in ganz Europa vorbei. Für ein wirklich geiles Museum gibt es in Tirol keine relevanten Kunstwerke. Und die konservativen Schaustücke sind alle schon am Bergisel, im Zeughaus oder im Volkskundemuseum untergebracht.
Und wenn wirklich einmal etwas Besonders ausgestellt werden soll, wie etwa eine Skulptur von Alois Schild oder eine Brache von Lois Weinberger, so sind diese Werke auf der Bodenplatte besser aufgehoben als im Gebäude.
Womit wir wieder beim Tirol-Haus am Anfang der Straße wären.
– Seit Jahrzehnten wird Kultur in Tirol mit Tourismus gleichgesetzt.
– Was nicht irgendwie an einen Lift oder ein Bett erinnert, ist kein Kunstwerk.
– Daher fließt auch die Kreativität des Landes ausschließlich in den Tourismus, der in der neuen Bude für Tirol-Werbung „state of the art“ aufbereitet wird.
Was übrig bleibt, also die Hobelspäne, soll dann offensichtlich ins Museum kommen, um irgendwie die Räume dort zu bespielen.
Tirolernde denken beim Museum eben immer noch an ein Gebäude, nie an den Inhalt.
Wenn es keinen Inhalt gibt, genügt folglich auch die Bodenplatte und so fort.
Diskussionen über Kunst werden mit der gleichen Rhetorik geführt wie über Tourismus. Erst wenn man in einem Museum übernachten könnte, wäre es wirklich etwas mit Kunst.
Noch ein letztes Argument für die Bodenplatte:
In der Romantik hat man manchmal künstliche Ruinen errichtet, weil man den Hauch von Vergangenheit spüren wollte, aber nicht wusste, was man mit einem fertigen Gebäude anfangen sollte.
So eine romantische Ruine zu sein ‒ das wäre ein gutes Konzept für das Tiroler Landesmuseum.
STICHPUNKT 26|16, geschrieben am 17.02.2026