Denkmaldichtung arbeitet im Verborgenen

17. März 2026
1 Minute Lesezeit
(c) Helmuth Schönauer

Gedenkort Reichenau – Innsbrucker Stadtsenat beschließt zweite Bauphase und sichert Finanzierung.

Rund um den 80. Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden europaweit diverse Denkmäler überprüft, restauriert oder gar neu errichtet.

Für Innsbruck bedeutet dies, dass bis Ende 2026 ein Erinnerungsprojekt am Innufer umgesetzt wird.
Die Erinnerungskultur knüpft an das Lager in der Reichenau an. 
Das Gedenken soll vom Gewerbegebiet der Stadt in eine belebtere Gegend am Inn verlegt werden.
8.500 Pflastersteine werden verlegt und formen eine Welle. Sie stehen symbolisch für jene Menschen, die im Lagerkomplex Reichenau inhaftiert waren. 

Ergänzend entstehen eine Website und ein Audioweg, die Besucherinnen und Besucher durch die Geschichte des Ortes führen.

Das Projekt ist von allen Parteien gutgeheißen und hat auch während des Entstehungsdiskurses kaum nennenswerte Widerstände erfahren.

Daher noch einmal drei wesentliche Komponenten des künstlerischen Diskurses.

1.
Gesellschaftlich relevante Themen sollen unter anderem auch durch analoge Hotspots für alle Sinne des Erinnerns errichtet sein.
Diese Hotspots, üblicherweise Denkmäler genannt, müssen stets überprüft und in Schuss gehalten werden, sowohl in materieller Hinsicht, als auch was die intellektuelle Relevanz betrifft.
Als Faustregel gilt, dass quasi in jeder Generation mit den künstlerischen Mittel der Gegenwart das Thema aufgegriffen, revidiert oder ergänzt werden soll. 
Im Idealfall regt das Denkmal das Thema an, und dieses revanchiert sich, indem es das Denkmal mit „Spirit“ versorgt.

2.
Die bisherige Gedenkstätte für das Lager Reichenau war, zynisch formuliert, geradezu ideal.
Quasi als Nebenprodukt des Recyclinghofs aufgestellt verwucherte es am Stadtrand bis hin zur fast vollkommenen Verdrängung.
Kein Denkmal der Stadt hat diese Stimmung besser treffen können als dieses versteckte Denkmal, das bestens die Kunst des Verdrängens zur Schau stellt.
Dieses Ur-Denkmal sollte also bestehen bleiben, um auch in Zukunft zeigen zu können, wie Vergessen geht.

3.
Hinter jedem Denkmal, hinter jedem Hotspot der Erinnerung steckt so etwas wie Denkmal-Dichtung.
In einem Mix aus Prophetie, Elegie und Diplomatie werden in der Denkmal-Dichtung Sätze formuliert, die man auf ein Denkmal schreiben könnte, wenn es denn realisiert wird.
Diese Denkmal-Sätze haben im Idealfall die Kraft, auch ohne Denkmal bestehen zu können.

Die modernen Denkmal-Sätze sind oft als Emoticon ausgelegt und werden zuerst auf einer App auf Vorrat angeboten, ehe sie dann nach und nach von den Usern durchforstet und durch Anwendung abgearbeitet werden. 

Manchmal sind auch noch Denkmal-Emoticons als reiner Text im Umlauf.

So habe ich beispielsweise für den Fall, dass jemand ein Denkmal, aber keinen Dichtungssatz dafür hat, einen Vorrat von etwa dreihundert Inschriften angelegt, die sich im Notfall auch als Grabinschriften verwenden lassen.

Die drei Highlights dieser Sammlung:
– Da staunst du was
– Alles erledigt
– Nichts mehr zu machen

STICHPUNKT 26|21, geschrieben am 04.03.2026

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 60 Bücher, u.a.:
* BIP | Buch in Pension | Sechs Bände. (2020-2026)
* Happy Hölle Tirol | Galgenhumor auf der Tirolic. (2026)
* Leck Tirol. | Aus einem kaputten Lokalsender. (2025)
* over-tyroled. | Geheimnisse aus Trash-Tirol. (2024)
* Austrian Beat 2. [Hg. Schneitter, Schönauer, Pointl] (2023)

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