Dieser Stick ist meine Lebensversicherung! – Der verschollene Stick des verstorbenen Sektionschefs gibt Rätsel auf.
1.
Im Parlament zu Wien laufen neben den Sitzungen des Nationalrats meistens ein zwei Untersuchungsausschüsse nebenher, damit die Presse etwas zu berichten hat, wenn im Parlament selbst wieder einmal nichts los ist.
In einem aktuellen Ausschuss geht es um einen mächtigen Sektionschef des Justizministeriums, der unter diskussionswürdigen Umständen in einer Donaubucht ums Leben gekommen ist.
Tagelang dreht sich die Einvernahme von Zeugen um einen ominösen Stick, den der Verstorbene immer bei sich getragen hat mit dem Hinweis, dass darauf Daten als seine Lebensversicherung seien.
Was beim Untersuchungsausschuss herauskommt, interessiert mittlerweile niemanden mehr. Aber die Frage nach dem Stick beschäftigt so manche, die ein Geheimnis mit sich herumtragen.
2.
Große Geheimnisträger der Republik sind jedenfalls die Lyriker, wenn sie mit ihren Texten am Rand der Gesellschaft auf und ab spazieren und sich wundern, dass sich niemand für sie interessiert.
Dabei steckt hinter jedem Gedicht ein Geheimnis, das oft so verschlüsselt ist, dass es nicht einmal der Produzent entziffern kann.
Im Fachjargon heißen diese Dinger Einweck-Gedichte, in Erinnerung an den alten Brauch, aus überschüssigem Obst Marmeladen für den Winter einzukochen.
Da mittlerweile nicht nur die Lyrik, sondern auch die Marmeladen digital verarbeitet werden, laufen vermehrt Geheimnisträger im Land herum, deren Gedichte und Einweckrezepte auf einem Stick gut aufgehoben sind.
Manche verschieben ihre Texte auch ins Darknet, was aber bei der Behörde nicht gut ankommt, weil dadurch der Verdacht strafbaren Wissens entsteht.
Und auch die Cloud gilt längst nicht mehr als sicher, seit sich amerikanische Oligarchen über sie an die Weltherrschaft heranmachen.
Und welcher Lyriker will sich schon nachsagen lassen, mit seinem Werkeln amerikanische Konzerne groß gemacht zu haben?
3.
In Tirol gibt es schätzungsweise 400 Menschen, die wegen ihrer fiktionalen Texte als Geheimnisträger angesprochen werden können.
Die meisten davon benützen ungeniert Sozialmedia und Clouddienste, wodurch sie leicht überwacht und verfolgt werden können.
Manche davon haben ein erstaunlich kindliches Gemüt, indem sie glauben, dass die Welt per se gut ist wie ihre Literatur, sodass sie diese nicht schützen müssen.
Das Schicksal des Sektionschefs sollte uns freilich zu denken geben.
Wenn wir nichts auf einem Stick gespeichert haben, sind wir ungeschützt unserem Untergang ausgesetzt.
Und nicht einmal ein Gespräch oder einen Ausschuss würde es über unseren Tod geben, weil wir ja keinen Stick mit Geheimnissen mit uns herumgetragen haben.
Daher der dringende Appell an alle schreibenden Menschen in Tirol.
– Meidet Sozialmedia!
– Legt euch einen Stick zu und breitet eine rätselhafte Aura über euer Werk!
– Redet mit dem Lyrik-Stick, er ist der einzige, der euch versteht!
STICHPUNKT 26|25, geschrieben am 24.03. 2026