Immer öfter wird das Einschlafen vor dem TV bedrohlich.
1.
Mein erstes Sandmännchen habe ich Mitte der 1980er Jahre im Interhotel „Hotel Stadt Halle“ in Halle an der Saale gesehen.
Ich musste bei einem Kongress die Zeit bis zum nächsten Auftritt überbrücken und zappte mich durch den DDR-Einheitskanal. Das heißt, ich schaltete das TV-Gerät zuerst ein, schaute, und schaltete es dann aus.
Man hatte mir empfohlen, auch im Hotelzimmer daran zu denken, keine Geheimnisse preiszugeben, weil das ganze Hotel ordentlich verwanzt war.
So blieb es bei einem kleinen Furz, der mir entfuhr, als das Sandmännchen betörend zu singen begann.
Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit,
Wir sehen erst den Abendgruß,
Ehe jedes Kind ins Bettchen muss,
Du hast gewiss noch Zeit!
Sandmann, lieber Sandmann, hab nur nicht solche Eil,
Dem Abendgruß vom Fernsehfunk
Lauscht jeden Abend Alt und Jung,
Sei unser Gast derweil!
Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht,
Nun schnell ins Bett und schlaft recht schön,
Dann will auch ich zur Ruhe gehen,
Ich wünsch‘ euch gute Nacht!
2.
Tatsächlich hatte ich während meines eigenen Auftritts im Mehrzweckraum des Hotels ganz schön mit dem Schlaf zu kämpfen, obwohl ich gut vorbereitet und dadurch wahnsinnig witzig war.
Aber der Sozialismus ist eben ein Luder, wurde mir gesagt, vor allem, weil Humor darin nicht vorkommt.
Als ich wieder im Westen war, habe ich das Sandmännchen sofort wieder vergessen, zumal ich als angehender Hofrat an ausgefeilten Einschlaftechniken während der Dienstzeit geschult war.
Auch als die DDR aufgab und vom Westen übernommen wurde, dauerte es noch Jahre, bis ich mitbekam, dass das Sandmännchen neben dem Ampelmännchen das einzige Kunstwerk war, das die DDR überleben durfte.
3.
In letzter Zeit besuche ich fallweise eine ehemalige Nachbarin aus meinem Stockwerk, die jetzt in einem Altersheim ist.
Nach dem Abendessen um fünf ist sie ziemlich aufgeregt und aufgeräumt, sodass wir jetzt schon ein paar Mal um sechs gemeinsam das Sandmännchen geschaut haben.
Wir verabschieden uns jedes mal grußlos, weil sie immer sofort einschläft.
Ich lösche dann das Fernsehgerät, das man auf den Kanal „rbb“ (Rundfunk Berlin Brandenburg) einstellen muss, um kurz vor sechs in den Genuss der Sendung zu gelangen.
Als pensionierter Hofrat schlafe ich wie ein Tier, sodass das Sandmännchen reine Kunst ist, die ich mir manchmal hineinziehe, wenn ich mich an Dramaturgie, Langsamkeit und Betulichkeit entrückter Figuren erfreuen will.
Alles ist handgemacht, und vor allem der Bart des Sandmännchens, der an den Vorsitzenden Walter Ulbricht gemahnt, ist ergreifend.
Sollte ich wider Erwarten einmal nicht einschlafen können, zappe ich durch die Kanäle, bis ich auf jene orangene Frisur treffe, die momentan die ganze Welt am Einschlafen hindert.
Ziemlich bedrohlich wirkt das alles, wenn man zu lange vor dem TV wach ist.
STICHPUNKT 26|10, geschrieben am 24.01.2026