(c) Photo by National Cancer Institute on Unsplash

Mein Leben gehört mir

5 Minuten Lesedauer

Bekanntlich läuft derzeit so etwas wie eine Kampagne, um jene strengen Paragraphen im österreichischen Strafgesetzbuch zu streichen oder doch wenigstens zu mildern, welche Sterbehilfe verbieten (auf Einzelheiten wollen wir uns hier nicht einlassen). Vor ein paar Tagen wurde ich zufällig Zeuge einer einschlägigen Diskussion im Fernsehen. Und da sagte der Verfechter der Sterbehilfe – seinen Namen hab’ ich leider vergessen, bitte um Entschuldigung –, folgenden Satz:

„Mein Leben gehört mir.“

Und er führte Begriffe wie Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit ins Treffen.

Nun ist es so, dass ich in dieser Angelegenheit auf seiner Seite stehe. Ich halte es für äußerst wichtig, dass Menschen die Möglichkeit eingeräumt wird, aus dem Leben zu scheiden, wenn sie sich dazu entschließen. Gerade im Falle einer unheilbaren Krankheit, noch dazu womöglich in hohem Alter muss es diese Option einfach geben. Da geht’s nämlich um die Würde eines Menschen, um einen würdigen Abgang, wenn man so will. Ich sag’ das aus eigener Erfahrung – nicht weil ich selbst schon gestorben wäre (obwohl mich manche für einen schreibenden Zombie halten mögen), sondern eingedenk des Sterbens nächster Angehöriger.

Trotzdem zuckte ich bei dem Satz zurück: Mein Leben gehört mir. So kategorisch hätte ich das niemals ausgedrückt. Mit der angeblichen Eigenverantwortung und der Entscheidungsfreiheit möchte ich mich in diesem Falle erst gar nicht auseinandersetzen. Hier geht es um die Frage, ob unser Leben wirklich uns gehört, ausschließlich uns allein: genau so umfassend, wie das der Herr formuliert hat, und genau so ausnahmslos. Wir wollen einmal annehmen, er sei wirklich derart selbständig, derart eigenbestimmt, wie er den Eindruck erweckt. Aber selbst der tüchtigste self-made man ist doch nicht wirklich self-made, oder? Die Vorstellung ist einfach lächerlich, so eine Art masturbatorischer Parthenogenese. In Wirklichkeit kommt auch er aller Wahrscheinlichkeit nach in einem technisch bestens ausgestatteten Kreißsaal zur Welt, mit der Hilfe von Hebammen und Gynäkologen. In weiterer Folge gibt’s den Mutter-Kind-Pass, und dann Kindergarten, Schule, Universität. Aber selbst wenn unser Genie all das nicht in Anspruch nähme, dann bliebe immer noch der Schutz, den er genießt, von der Polizei über die Justiz bis hin zur Datenschutzverordnung. Strom, Wasser, asphaltierte Straßen. Sollte unser self-made man in weiterer Folge seinem Namen alle Ehre machen und Milliarden scheffeln, so ist auch dies nur möglich, weil die Gesellschaft (a) solches zulässt und (b) seinen Hort schützt.

Und dann will er daherkommen und behaupten, sein Leben gehöre ausschließlich ihm?

Wohlgemerkt: Ich will nicht das Gegenteil behaupten, keineswegs! Ich hab’ noch immer den sarkastischen Tonfall meines Vaters im Ohr, sehe sein süffisantes Grinsen, wenn er die Parole der Nazis wiederholte: „Nicht wichtig ist, dass du lebst, wichtig ist, dass Deutschland lebt!“ Nichts hätte mir besser beibringen können, wie idiotisch so ein Satz ist – und das von Kindesbeinen an.

Aber wenn etwas nicht weiß ist, dann muss es deswegen noch lange nicht schwarz sein. Tatsache ist doch, dass wir den Anderen sehr viel in unserem Leben schulden. Das mag die Familie sein, die nähere Umgebung, die Kommune, bis hin zur viel bemühten Gesellschaft, zum Staat (oder entsprechenden Einrichtungen, zum Beispiel der EU). Diese Schuld ist da, ob’s uns passt oder nicht. Und deshalb hat die Gesellschaft ein gewisses Recht auf unser Leben. Im Extremfall eines Krieges kann dies sogar ganz wortwörtlich zum Tragen kommen: Man denke bloß an Großbritannien und die USA im Zweiten Weltkrieg. Wenn sich die jungen Männer in diesen Demokratien damals auf den Standpunkt gestellt hätten, ihr Leben gehöre ausschließlich ihnen selbst, dann wären wir – meine Generation hier in Österreich – schön dagestanden.

Natürlich, das ist schon klar: Bis zu welchem Maß die Gesellschaft Rechte geltend machen darf, das ist Gegenstand einer andauernden Diskussion. Die Grenze wird sich ständig verschieben, möglicherweise unter heftigen Auseinandersetzungen. Aber einfach so: „Mein Leben gehört mir“? Nein, tut mir leid, so funktioniert das nicht.

H. W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950. Lebt und arbeitet in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für die Gegenwart. Mehrere Bücher. Mehr Infos auf der persönlichen Website.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Vorheriger Text

Piefkothek

Nächster Text

Zeit ist Ordnung

Aktuelles aus Kategorie

Die neue Kreissäge

Lange Zeit wunderte ich mich jedesmal beim herbstlichen Holzschneiden, daß die alte

Natur im Garten

Dieser Sommer hat sie mir in ungeahntem Ausmaß beschert. Der Apfelbaum hängt