(c) Helmuth Schönauer

Piefkothek

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Die wenigsten wissen, dass es früher einmal in jedem Dorf so etwas wie eine Bibliothek gegeben hat. Von außen her wirkten diese wie eine stillgelegte Filiale einer stillgelegten Bank, aber sie hatten statt des Bankomaten einen Schlitz, wo man Bücher einwerfen konnte.
Man glaubt es kaum, auch dieser Schlitz wurde mehrfach im Land von analphabetischen Banden gesprengt, die wegen eines Übersetzungsfehlers den Schlitz für einen Schatz hielten. 

Am Höhepunkt des Lesefiebers hatten die Bibliotheken mehr Zulauf als das Landestheater und waren als kulturelle Einrichtung durchaus mit dem Fußball vergleichbar: Flächendeckend dynamisch. 

Dann haben sich die Bibliotheken selbst erledigt, indem die Einheimischen sich selbst aufgaben und nichts mehr lesen wollten, denn der katholische Einheitsdichter und die abgerundeten Flachkrimis gingen ihnen am Lese-After vorbei. Mit den Kindern gab es noch Bilderbuchkino und Gute-Nacht-Lektüre, aber auch die Kids wollten lieber bewegte Bilder auf dem Tablet, als die ewig verfressene Raupe Nimmersatt. 

Die Seuche schließlich machte auch den Bibliotheken wie allen Kultureinrichtungen den Garaus. Erschwerend kam noch hinzu, dass in Zeiten erhöhten Hygienebedürfnisses niemand die Dreck-Batzen des Vorgängers aus den Seiten des ausgeliehenen Buches herauskratzen wollte. 

„Ins Bett kommt mir kein Buch, das ein Fremder in der Hand gehabt hat!“ – Das Todesurteil für die alte Leihbibliothek. 

Jetzt geht es darum, die leerstehenden alten Bildungskisten mit Dynamik zu erfüllen. Es muss etwas mit Tourismus sein, denn alles andere brauchen die Tiroler nicht. 

In Landhaus-internen Planungen werden bereits neue Modelle geprüft, und es läuft alles auf sogenannte „Piefkotheken“ hinaus.
Die aufgemöbelten Übrigbleibsl der alten Zeit sollen künftig der Verehrung und Würdigung der Gäste dienen. Auf einem Bildschirm im Eingangsbereich läuft in Endlosschleife die Piefke-Saga, um die Tantiemen des Dichters zu sichern und das mittlerweile neue Publikum bei der Stange zu halten.

„Seht her, wir entschuldigen uns, unsere Großeltern waren verrückt, sie haben nicht nur die Welt kaputtgemacht, sondern auch das herrliche Tirol-Bild.“ 

Im Wartebereich ist üppig die Einheitszeitung ausgelegt, die in allen Sparten berichtet, wie sehr das Land den Tourismus liebt und auf ihn angewiesen ist.
An einer zentralen Pudel gibt es selbstverständlich Handdesinfektion und das obligate Schnapsl, während die Kundschaft auf den Bürgermeister wartet. Dieser rutscht auf den Knien in die ehemalige Bücherei und bedankt sich bei jedem Gast einzeln.

Vorbild für diesen gespielten Canossa-Gang ist eine Bittprozession des jungen Bundeskanzlers zum Bayrischen Ministerpräsidenten nach Freilassing, worin er ihn bittet, die Reisewarnung für Tirol aufzuheben. Vor der Lokalität sind Ladestationen für E-Bikes installiert, wo sich die Gäste ihre Unterteile aufladen lassen können, während ihnen gehuldigt wird. 

Weiter hinten in einem unscheinbaren Eck ist der Aushang des Landeshauptmanns angeschlagen: „ Ihr depperten Tiroler müsst zu Hause bleiben und alles tun, dass wir die Reisewarnung wegkriegen! Es geht um die Gesundheit der Betriebe! Eure eigene Gesundheit ist ein angenehmer Kollateralschaden, wenn ihr zu Hause bleibt, damit das Land wieder voll werden kann!“

STICHPUNKT 20|36, geschrieben am 25.10. 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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