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Glauben

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Es ist schon einige Zeit her, da ging’s mir gar nicht gut, und so fand ich mich in der Ordination eines Facharztes wieder. Der stellte mir zu Beginn der Untersuchung eine Menge Fragen, wie das so üblich ist.

„Ich glaub’ schon“, antwortete ich auf eine davon.

„Glauben tut man in der Kirche“, schnappte er zurück.

Na ja.

Bloß wiederholte sich das einige Male, und da riss mir in meinem angeschlagenen Zustand denn doch die Geduld.

„Hören S’ auf“, fuhr ich ihn ungewöhnlich heftig an, „vom Glauben versteh’ ich mehr wie Sie.“

Was ihn trotz seines forschen Auftretens stutzen ließ; mein Tonfall vermutlich mehr als meine Worte.

Aber es stimmte schon: Übers Glauben hatte ich sicher mehr nachgedacht als er. Als Autor eines einschlägigen Buches (Nicht zu glauben, 2006) wird man hierzulande ja dauernd in Diskussionen verstrickt. Und da kommt ein Argument so sicher wie’s Amen im Gebet:

„Sie glauben doch auch. Alle glauben wir.“

Gemeint ist damit der Glaube an die Wissenschaft. Wenn die Physik sagt, Materie bestehe aus Molekülen und die wieder aus sausenden Atomen, dann müssen wir das glauben. Wissen tun’s die wenigsten unter uns.

Und gemeint ist damit weiters: Wenn wir an sausende Atome glauben, dann können wir genau so gut an die Dreifaltigkeit glauben, an die Transsubstantiation, oder an den Papst und die Bischöfe und die Unauflöslichkeit der Ehe, kurz: an die ganze katholische Theologie.

Letzteres ist natürlich eine intellektuelle Abkürzung, ein Kurz-Schluss, das ist leicht zu sehen. Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache mit dem Glauben an sich. Übersehen wird da – geflissentlich? –, dass wir das Wort glauben in verschiedenen Bedeutungen verwenden. Ich hab’ bisher mindestens vier ausgemacht.

Erstens der Glaube im religiösen Sinne: Der verlangt von uns, auch noch das Unwahrscheinlichste zu glauben, selbst wenn’s nicht die geringste Evidenz gibt. Man spricht vom sacrificium intellectus.

Dann gibt’s zweitens den Glauben, den wir der Naturwissenschaft entgegenbringen, der Technik und der Medizin. In diesem Falle ist der Glaube jedoch gut abgesichert durch Erfahrungswerte. Wir haben gelernt, dass die Voraussagen in solchen Disziplinen mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit eintreffen. Unser tägliches Leben baut darauf auf: Wir leben im dritten Stock eines Wohnhauses, welches normalerweise nicht zusammenbricht; wir fahren mit dem Bus; wir überqueren in selbigem eine Brücke – und so weiter, und so fort. In all diesen Fällen steht der Glaube keineswegs im Widerspruch zur Vernunft, ganz im Gegenteil: Es wäre ausgesprochen unvernünftig, nicht zu glauben!

Im Alltag bestätigt sich das auf eine weitere Weise: Denn unser Zusammenleben beruht ebenfalls auf sehr viel Glauben. Wenn ich jemanden anrufe und ein Treffen um drei Uhr nachmittags im Café Katzung ausmache (natürlich vor oder nach Corona), dann glauben wir einander. Warum? Ganz einfach: aufgrund unserer Erfahrung, nicht nur miteinander, sondern mit so vielen anderen Menschen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte.

Wie vernünftig dieser Glaube ist, zeigt sich noch an einem anderen Umstand: Irgendwo im Hinterkopf, ganz klein und ganz versteckt, kalkulieren wir trotz allem die Möglichkeit ein, dass etwas schief gehen könnte, ja sogar – im Falle eines bis dahin unbekannten oder wenig bekannten Menschen – die Möglichkeit einer Unehrlichkeit. Die mag uns vielleicht überraschen, aber erschüttern wird sie uns nicht. Und warum? Aufgrund der Erfahrung.

Aktuell handelt es sich um eben diese Art des Glaubens, wenn wir uns mit Konträren streiten: welchen Quellen, welchen Autoritäten wir glauben sollen, und welchen nicht.

Um die Aufzählung zu vervollständigen, seien zwei weitere Bedeutungen des Wortes glauben angeführt: Nämlich drittens als Vermutung – „Ich glaub’, ich hab’ mir einen Schnupfen geholt.“ In diesem Sinne hab’ ich das Wort bei unserem Herrn Doktor verwendet. Viertens gibt es noch den Glauben an Werte. Ich glaub’ zum Beispiel, dass Menschen einander helfen oder sich zumindest das Leben nicht schwerer machen sollen, als es ohnehin schon ist. Das ist keinesfalls selbstverständlich: siehe unsere Wirtschaftsliberalen. Begründen kann ich meinen Glauben letztlich nicht – es gibt keinen Beweis, höchstens Indizien.

Inzwischen waren die Untersuchungen an ihr Ende gekommen.

„So“, sagte der Herr Doktor, „jetzt schicken wir Sie noch zum CT, dann sehen wir weiter.“

„Glauben S’?“, lag es mir auf der Zunge zu fragen.

Aber das hab’ ich mir dann doch verbissen.

H. W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950. Lebt und arbeitet in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für die Gegenwart. Mehrere Bücher. Mehr Infos auf der persönlichen Website.

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