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Nicht für die Schule, für das Lernen leben wir!

7 Minuten Lesedauer

Eine Frage, die sich jeder Schüler früher oder später stellt: „Wozu muss ich das alles lernen?“. Eine Frage, die sich jeder Erwachsene früher oder später stellt: „Wozu habe ich das alle gelernt?“. Wenn wir nicht „für die Schule“ sondern „für das Leben“ lernen, warum schlägt sich dieser Umstand kaum im Lehrplan nieder? Nicht jeder Mensch wird die Frage in ähnlicher Weise beantworten, welches Wissen im späteren Leben wirklich weiterhelfen kann. Von einer schrittweisen Annäherung verstaubter Lehrpläne an die Lebensrealität der Menschen würden trotzdem alle profitieren. Alle, die noch die Schulbank drücken müssen.

Lifelong Learning!

Es wird in Bildungskreisen gerne strapaziert, das Lebenslange Lernen. Eigentlich ist es eine Nonaned-Tatsache, dass der Mensch ein Leben lang lernt – lernen muss! Trotzdem wird darüber so oft diskutiert, dass kaum Zeit dafür bleibt, darüber zu diskutieren, was der Mensch ein Leben lang lernen muss. Dabei soll es nicht darum gehen, das eine Unterrichtsfach gegen das andere Unterrichtsfach aufzuwiegen. Schulen in Österreich geben nach wie vor reichlich Orientierungswissen mit auf den Lebensweg. Was auf der Strecke bleibt ist konkret anwendbares Wissen, das in tagtägliche Lebenssituationen weiterhilft. Um solche Inhalte müssen Lehrpläne sinnvoll ergänzt werden. Wenn es sein muss auch mittels neuer Unterrichtsfächer.

Aus dem Leben:

Wer eine Zeitung aufschlägt, wer im Internet surft, wer den Fernseher oder Radio aufdreht wird unweigerlich damit konfrontiert. Ernährungstipps, Diäten, Kochrezepte, Lebensmittelkunde und neueste Trends prasseln auf uns ein. War gestern das Fett böse, steht heute der Zucker am Pranger. Waren letztes Jahr noch Chia-Samen im Trend, wird heuer Regenwald für tausende Avocado-Plantagen abgeholzt. In der Schule spielen Ernährung, Kochen und Haushaltsführung eine untergeordnete Rolle. Man könnte argumentieren, dass Kinder und Jugendliche nicht so früh, mit solchen Inhalten konfrontiert werden müssen. Den eigenen Haushalt schmeißen die Eltern und Kochen kann im Notfall auch die „goldene Möwe“. Welchen Stellenwert hat praxisbezogener Ernährungsunterricht in unserem Schulsystem wirklich und welchen Stellenwert sollte er haben?

„Ernährung und Haushalt“ – der Status quo!

Ob man ein Fach nun „Ernährung und Haushalt“ nennt oder „Ernährung und Sport“ oder ganz anders, sei dahingestellt. In der österreichischen Mittelschule wird das Fach jedenfalls als „Ernährung und Haushalt“ unterrichtet, auch in der Lehrerausbildung trägt das Fach diesen Namen. Als Pflichtfach ist es nur an Mittelschulen im Fächerkanon verankert. An manchen Gymnasien wird es als freies Wahlfach angeboten, an manchen Berufsbildenden Höheren Schulen ist es in verschiedenen Kombinationen im Lehrplan verankert. Immerhin knapp zwei Drittel der Unterstufenschüler in Österreich besuchen eine Neue Mittelschule und kommen in den Genuss dieses Unterrichtsfaches. Das andere Drittel dagegen hat keinerlei oder nur sehr wenige Berührungspunkte mit Ernährung und Haushalt.

Wie soll die Zukunft aussehen?

Ein großer Entwicklungsschritt wäre es, das Unterrichtsfach „Ernährung und Haushalt“ einer breiteren Masse an Schülern in Österreich zugänglich zu machen. Mit einem freien Wahlfach oder einmaligen Inputs über Vorträge schulfremder Experten wird man der Wichtigkeit dieses Anliegens nicht gerecht. Hier muss sich die österreichische Bildungspolitik mehr trauen. Warum wird „Ernährung und Haushalt“ an Neuen Mittelschulen unterrichtet und an allgemeinbildenden höheren Schulen nicht? Weil mehr Schüler aus der Neuen Mittelschule eine Lehrausbildung anstreben? Sollte das der Grund sein, degradiert man dieses Unterrichtsfach zum reinen Mittel zum Zweck. Die Zweckmäßigkeit eines Unterrichts in „Ernährung und Haushalt“ für Schüler im Alter von 10 bis 14 Jahren, darf durchaus hinterfragt werden. Die wenigsten Kinder in diesem Alter werden aktives Interesse an Themen dieses Fachbereiches entwickeln. Dieses Interesse kann natürlich durch adäquat gestalteten Unterricht angefacht werden, weshalb das Alter nicht als Argument gegen dieses Fach verwendet werden sollte. Sinnvolle wäre allerdings eine Ausweitung und zusätzliche Schwerpunktsetzung für Oberstufenschüler. Je näher mich das Alter an eine mögliche, eigene Haushaltsführung heranbringt, desto eher kann ich Tipps und Tricks dafür gut gebrauchen.

Das wichtigste Fach überhaupt?

Auch wenn einige Schüler den Wert eines Unterrichtsfaches „Ernährung und Haushalt“ zu ihrer Schulzeit nicht anerkennen werden, wird sich das Aha-Erlebnis ein paar Jahre später einstellen. Voraussetzung dafür ist ein Unterricht, von dem die Schüler nachhaltig profitieren können. Dabei gibt es einige Dimensionen, die man theoretisch planen kann, die praktisch aber nicht steuerbar sind. Es wird vom jeweiligen Lehrer, von der jeweiligen Lehrerin abhängen, von den genauen Inhalten, von der Klassengröße, von den infrastrukturellen Gegebenheiten vor Ort, ob ein Unterricht für „Ernährung und Haushalt“ funktioniert. Wer immer noch an umfangreiche Reformen in der österreichischen Bildungslandschaft glaubt, darf zurecht als naiver Träumer abgestempelt werden. Zu viele Interessensvertreter zerren an zu vielen Fallstricken in zu viele verschiedene Richtungen. Aber die kleinen Schritte vorwärts sind möglich. Die kleinen Schritte vorwärts können langfristig zu wichtigen Veränderungen beitragen. Eine Reform des Unterrichts für „Ernährung und Haushalt“ wäre jedenfalls ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Es wäre utopisch zu glauben, dass dieses Unterrichtsfach in naher Zukunft den Fächerkanon heimischer Bildungsanstalten als „wichtigstes“ Fach überhaupt anführen wird. Halb so wild, schließlich leben wir, um zu lernen!

Politischer Mensch. Ausgeprägtes Bewusstsein für Umwelt, Ökologie und Gerechtigkeit. Hat Politikwissenschaften studiert. Arbeitet aktuell in der Politik. Auf Landesebene. Interessiert sich für Weltpolitik. Schreibt gerne Analysen.

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