Wenn psychisches Wissen gegen uns eingesetzt wird – und wie wir das erkennen können
Unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte
Mir geht es nicht gut.
Ich habe Probleme, Sorgen und vielleicht sogar Schmerzen.
Nichts von dem, was ich tue, scheint daran etwas zu verändern.
Meine Sehnsüchte, meine Hoffnungen – sie erfüllen sich nicht.
Während ich zusehen muss, wie die anderen erfolgreich an mir vorbeiziehen.
Ich bemühe mich. Ich arbeite härter. Ich halte durch.
Dennoch scheint es nicht zu reichen.
Ich bin frustriert. Ich bin neidisch. Es tut weh.
Ich fühle mich machtlos und hilflos.
Die Welt verändert sich immer schneller,
und diese Veränderungen machen mir Angst.
Ich will mein Leben ändern, ich will mich verändern.
Aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll.
Plötzlich stoße ich auf diesen Text, auf dieses Video.
Jemand erzählt genau darüber.
Es ist, als würde er über mich reden.
Er beschreibt meine Gefühle und Gedanken.
Als wüsste er, in welcher Situation ich mich gerade befinde.
Dann dieses Wiedererkennen.
„Ja, genau so ist es.“
Genauso fühlt es sich an.
Jetzt kann ich es selbst sehen und
fühle mich gesehen.
Da ist jemand, der nicht nur Worte für mein Erleben findet,
sondern auch weiß, wie es sich anfühlt.
Das berührt mich tief.
Irgendwie wird es dadurch ruhiger,
ich werde stiller.
Wir beide wissen, wie das ist.
Zwischen uns fühlt es sich nah an,
weil es nah an meinem Erleben ist.
Es fühlt sich vertraut an,
weil es mir vertraut ist.
Empathie – einfühlendes Verstehen
Es tut gut, wenn sich jemand in uns einfühlen kann und uns versteht. Wenn jemand nicht nur unsere äußere Erscheinung, sondern auch unsere innere Welt wahrnimmt.
Empathie erreicht uns in unserer Tiefe. Sie schafft Nähe und Verbundenheit. Empathie ist wie eine sanfte, innere Berührung. Sie ist heilsam.
Echte Empathie
- will nichts von uns,
- sie gibt Raum
- und ist verständnisvoll.
So weit, so gut.
Doch manchmal wird genau diese Einfühlung auch gegen einen verwendet.
Wenn Empathie als manipulative Strategie benutzt wird
Ich fühlte mich also verstanden. Aber der Text endete damit nicht. Er ging weiter. Dann kamen Sätze wie:
„Genau da stand ich auch. Genau da, wo du jetzt stehst. Ich spürte sie, diese Verzweiflung, diese Hoffnungslosigkeit, diese Angst, diese Leere in mir. Früher habe ich viel gearbeitet, mich abgerackert und bemüht …“
Wieder löste das etwas durchaus Angenehmes in mir aus.
Ich fühle mich nicht mehr so allein mit meinen Problemen und mit meinem Erleben.
Dieser Mensch, er kennt meinen Schmerz.
Er hat ihn selbst erlebt.
Das gemeinsame Erleben verbindet.
Noch kann alles gut sein. Zwei Menschen, die dasselbe erlebt haben, verstehen sich. Wir werden in unserem Erleben abgeholt.
Aber es geht weiter, denn jetzt kommt eine Wendung.
Ich verstehe dich nicht nur – ich habe eine Lösung für dich!
Im Grunde ist das ein zutiefst menschliches Bedürfnis.
Wenn wir leiden suchen wir nach Verständnis.
Aber wir wollen auch eine Lösung.
Ein durchaus berechtigter Wunsch. Doch das kann auch ganz gezielt eingesetzt werden.
„Ich weiß, wie es dir ergangen ist. Mir ist es genauso ergangen. Aber nach jahrelanger Suche habe ich einen Weg gefunden, wie ich das ändern kann. Was ich tun kann.“
Jetzt ist nicht mehr nur Verständnis da,
jetzt wird auch Hoffnung aufgebaut.
Wir identifizieren uns. „Dir ist es so ergangen wie mir. Wenn ich es genauso mache wie du, dann kann ich auch so erfolgreich, so glücklich, so zufrieden werden.“
Das entfacht meine Neugier. Jetzt will ich wissen, was die Lösung ist. „Was muss ich tun, um das auch zu erreichen?“
Das Versprechen
Doch die ersehnte Lösung ist noch nicht in Sicht. Zunächst kommt der Weg, den du gegangen bist. Du erzählst, wie schwierig er war. Aber dann hast du „DAS“ gefunden oder „DAS“ erkannt. Und plötzlich wird alles viel einfacher.
Es braucht nicht viel, nur diese Methode, diese Technik, diesen Kurs, dieses Produkt oder diese Community.
Die Werbung
Der Ton verändert sich abermals. Noch bevor ich weiß, worum es wirklich geht, erfahre ich:
- es hat dir nicht nur geholfen, sondern dein Leben verändert.
- Es ist wissenschaftlich fundiert und erwiesen.
- Es hat nicht nur dir, sondern bereits vielen anderen geholfen.
Ich sehe Erfahrungsberichte, die beschreiben, wie lebensverändernd das war. Ich sehe Erfolgsgeschichten und viel Dankbarkeit.
Auch du schaffst das!
Jetzt geht es wieder zurück zu mir.
Du schreibst:
Wenn ich es geschafft habe,
dann kannst du es auch!
Jeder kann es schaffen.
Dieses Wissen, diese Methode, dieses Produkt, dieser Kurs – es ist alles, was man braucht.
Es wird zunehmend enger. Wir merken es jedoch nicht, da unsere Aufmerksamkeit nicht auf uns selbst, sondern woanders hingelenkt wird.
Die psychische Einengung
Dann wird es noch enger. Denn dieses Wissen, es ist:
- exklusiv,
- begrenzt und
- gilt nur jetzt.
Eine einmalige Chance, die mir da geboten wird!
Aber ich muss mich schnell entscheiden.
- Es gibt einen Countdown, der anzeigt, wie lange das Angebot noch gültig ist.
- Eine Begrenzung, wie viele daran teilnehmen können, z. B. „Nur die ersten hundert, die sich anmelden!“
- Eine kaum auszuschlagende Verbilligung, wie: „Nur noch heute um 30 Prozent verbilligt!“
Spannung kommt auf. Es wird Stress und Druck aufgebaut.
Ein wenig durch Neid verstärkt. So wird beschrieben:
– wie viel jemand mit dieser Methode bereits abgenommen hat.
– wie viel Geld diese Technik dem Verfasser oder seinen Kunden bereits eingebracht hat und
– wie viele Menschen so ihre Ziele verwirklicht haben …
Oft wird auch noch Gier erzeugt. Mit dieser Methode wirst du angeblich „nie wieder arbeiten, leiden oder Angst haben müssen“.
Eine einmalige Chance, die es so nie wieder gibt!
Dieses Wollen, diese Neugier, Hoffnung, Exklusivität, Spannung, Neid und Gier führen uns in eine psychische Einengung.
Die Realität ist nicht so sexy
Wer seriös arbeitet, kann solche Versprechen nicht machen. Es gibt keine einzig wahre Lösung, die jeden zum Erfolg bringt. Veränderung bedeutet meist harte Arbeit. Es gibt Rückschritte, wir müssen immer wieder neu schauen, verstehen und durchhalten.
Das hat für uns keinen so hohen Reiz.
Die Realität erscheint uns oft weniger erstrebenswert. Sie entspricht nicht unseren Wünschen in Momenten, in denen es uns nicht gut geht. Dann wünschen wir uns eine schnelle, einfache und erfolgreiche Lösung. Wenn uns das jemand anbietet, haben wir Hoffnung, was uns sofort ein gutes Gefühl vermittelt.
Die dunkle Seite des Verständnisses
Wir alle haben Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte. Genau das wird in der Werbung aufgegriffen. Um unsere Aufmerksamkeit in bestimmte Bahnen zu lenken.
Und es funktioniert, keine Frage.
- In der positiven Form öffnen wir uns und werden empfänglich.
- In der negativen Form wird eine negative Emotion wie Angst in uns ausgelöst, aber gleichzeitig wird eine schnelle und einfache Lösung angeboten, die uns wieder ein positives Gefühl vermittelt. Die Angst, die gerade aufgeworfen wird, wird uns auch wieder genommen, wenn wir …
Werden wir emotional angesprochen, reagieren wir meist schneller und sind weniger kritisch.
Jetzt ist das Spiel mit den psychischen Impulsen eröffnet
Es gibt also etwas, das mir hilft.
Es ist nicht gerade billig.
Es kostet sogar einiges.
Ein erster Zweifel regt sich in mir.
Genau hier greift die negative Empathie ein. Noch bevor ich dem Zweifel folgen kann, wird er aufgenommen und umgedreht. Er bekommt einen neuen Rahmen. Dieses Wissen, dieses Produkt – es ist so exklusiv. Es gibt nichts Vergleichbares. Sein Wert ist im Grunde unbezahlbar!
Bevor ich diese scheinbare Exklusivität hinterfragen kann, wird der Zweifel an meinem Zweifel genährt.
Denn: Sind wir uns das nicht wert?
Es ist eine Investition in uns selbst. In eine bessere Zukunft. Eine Investition, die sich hundertfach rentieren wird.
Mein Gefühl und meine kritischen Gedanken werden gegen mich verwendet. Das ist die negative Form der Empathie.
- „Warum so misstrauisch?“ – Vielleicht weil es zum Misstrauen wäre?
- „Warum nicht einfach einmal vertrauen?“ – Vielleicht wäre es besser, das Angebot zu überprüfen?
- „Wer jetzt nicht zuschlägt ist dumm.“ – Werde ich abgewertet, wenn ich nicht kaufe?
Das Gemeine daran ist: Es wirkt.
Die psychischen Impulse, die uns vor dieser Entscheidung schützen würden, werden durch negative Empathie außer Kraft gesetzt.
Was passiert eigentlich, wenn ich „Ja“ sage und es wirkt dann nicht?
Wir zahlen, aber was, wenn es nicht wie versprochen wirkt?
Wenn es uns nicht hilft?
Meist gibt es zwar ein Versprechen,
aber keine Geld-zurück-Garantie.
In solchen Momenten wird die Verantwortung meist umgedreht.
Es liegt nicht am Weg,
am Kurs
oder am Produkt!
Der Fehler liegt bei dir!
- „Du hast etwas falsch gemacht!“
- „Du wolltest es nicht wirklich. Da gibt es noch Blockaden, die du dir ansehen solltest.“ – Vielleicht im nächsten Kurs?
- „Du warst nicht diszipliniert oder bemüht genug!“ – Vielleicht schließt du dich unserer Gruppe an?
- „Bei den anderen klappt es ja auch!“
Wenn wir viel in etwas investiert haben, fällt es uns schwer, es loszulassen.
Daher greifen spätere Manipulationen dann auch relativ gut. Dadurch wird die Bindung weiter verstärkt und wir bleiben in diesem System gefangen. Wir sollen noch mehr investieren.
Es ist also gar nicht so leicht, da wieder auszusteigen. Am besten wäre es, gar nicht erst einzusteigen. Aber warum sind wir so empfänglich für solche Manipulationen?
Warum wir so empfänglich für Manipulationen sind
Manipulationen greifen unsere Bedürfnisse auf.
- Gerade wenn es uns nicht gut geht, wünschen wir uns eine schnelle Lösung. „Was muss ich tun, damit sich das ändert?“
- Wir wollen nicht unbedingt durch schwierige Prozesse gehen, sondern sie hinter uns lassen. „Was muss ich tun, damit es aufhört?“
- Wenn wir selbst nicht wissen, wie es geht, wünschen wir uns die Antwort von jemand anderem. „Was soll ich tun?“
Wenn wir beginnen, diese inneren Prozesse besser zu verstehen, verändert sich oft schon etwas. Wir werden klarer, ruhiger und weniger anfällig für äußere Versprechen.
Mit genau solchen inneren Zusammenhängen beschäftige ich mich meinen Texten.
Echte Hilfe oder Manipulation?
Es gibt viele Hilfsangebote. Gerade in dieser Zeit sind sie sehr gefragt. Nicht jedes Angebot ist schlecht oder manipulativ. Werbung, um ein Produkt sichtbar zu machen, hat durchaus ihre Berechtigung. Dennoch wird der Markt geradezu mit unseriösen Angeboten überschwemmt. Wenn wir also auf ein „besonders attraktives Angebot“ stoßen, lohnt es sich, ein wenig genauer hinzusehen.
Denn es geht nie nur um das Produkt, es geht immer darum, was es in uns auslöst.
Achten Sie gut auf sich.