Neuzeitliche Schwärmereien

30. März 2026
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Foto von gustaf von zeipel auf Unsplash

Früher war es ein Wort, das ungebremste — wenn auch nicht immer klug durchdachte — Begeisterung signalisierte, wenn man „schwärmte“, und war meist pubertierenden Jugendlichen vorbehalten. Heute ist Schwärmerei aber in vielerlei Hinsicht nur noch negativ besetzt. Denn Schwärme wie Schwärmerei bauen sich, haben sie einmal ein passendes Biotop gefunden, rasend schnell – heute vorwiegend bei Erwachsenen, die es eigentlich besser wissen müssten — zu tödlichen Massenphänomenen auf.

Wir kennen das Phänomen ja aus der Biologie: Schwärme sichern im Tierreich das Überleben. Weniger intelligente Individuen brauchen so keinen Anführer, und sind trotzdem erfolgreich, wenn auch mit Kollateralschäden für sich und andere Arten: In Afrika fressen Heuschreckenschwärme alle paar Jahre ganze Landstriche kahl. Bei unserer Gattung sind es nun aber nicht mehr klug selbstorganisierte Massen, sondern geldgierige einzelne Anleger, die als „Heuschrecken“ die Massen Unbedarfter in ihre Fänge locken und über Betriebe herfallen, um diese bis aufs Gerippe kahlzufressen.

Sobald der Mensch schwärmt, wird es also kritisch. Und er hat auch schon allerlei Hilfsmittel für seine Schwärmereien ersonnen.

 Im Krieg vernichten seit neuestem Drohnenschwärme ganze Länder und töten wahllos die eigene Gattung – man spricht dann gerne, wenn man es nicht sinnlose Selbstvernichtung oder Menschheitsverbrechen nennen will, von „Irrläufern“ und „Kollateralschäden“. Dabei sind die großflächigen und tiefen Schäden durchaus beabsichtigt und dienen keineswegs dem Überleben der Gattung Mensch, sondern wieder bloß dem Komfortgewinn einzelner Machtgeier.

Auch im virtuellen Raum beherrschen inzwischen Schwärme das Geschehen. Da senden Trolle und vollautomatisierte Bots millionenfach Desinformations-Schwärme aus, um Leitungen und Gehirne mittels erfundener Gerüchte, Propaganda und Fake News lahmzulegen. Allein Facebook löschte nach eigenen Angaben zwischen Juli und September des vergangenen Jahres 1,1 Milliarden gefälschte Konten. Und das ist nur ein Bruchteil der alles zerfressenden Info-Schwärme, die dort kursieren.

Kurzum: Wohin man schaut, sind es Schwärme und Schwärmereien aller Art, mit denen ein paar Mächtige und Profiteure uns dumme Herdentiere in jeder Hinsicht in die Scheiße reiten. Sie befördern jegliches Schwärmen der übelsten Art – nach Steve Bannons bewährtem Motto: „flood the zone with shit!“  Und leider führt das bei der Menschheit keineswegs zu jener Schwarmintelligenz, die unser Überleben als Gattung sichern würde, sondern eben nur in die — Scheiße.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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