Warum mein Körper unsterblich sein sollte

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Maria Himmelfahrt ist ein bemerkenswerter Feiertag – und das in vielerlei Hinsicht. Zum einen religiös. Die Aufnahme Marias in den Himmel, so die offizielle kirchliche Bezeichnung des Festtages, ist das letzte liturgische Fest, das einen heilsgeschichtlichen Zeitpunkt in der Weltgeschichte besitzt. Es handelt sich dabei nicht um eine theologische Idee, sondern um die Überlieferung eines historischen Ereignisses. Zwar gründen die meisten Gedenktage der Heiligen und Seligen auf realgeschichtlichen Ereignissen, die zeitlich nach Maria Himmelfahrt passieren, wie bspw. die Todestage der Apostel und Jünger, jedoch fehlt ihnen diese, alle Menschen aller Zeiten und Orte umfassenden Bedeutung heilsgeschichtlicher, zur Gänze biblischer Geschehnisse, wie sie bspw. die Sternstunden im historischen Leben Jesu beanspruchen (Weihnachten, Beschneidung des Herrn, Epiphanie , Taufe des Herrn, Darstellung des Herrn, Verkündigung des Herrn, Verklärung des Herrn, Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersonntag und Christi Himmelfahrt).
Letzteren ist gemein, dass ihnen unabhängig ihrer oftmaligen Alltäglichkeit und vermeintlichen Banalität der Anspruch zukommt, alles, was da ist, fundamental geändert zu haben: ein 14jähriges, jüdisches Mädchen hat eine Vision im kleinen Nazareth, ein Kind wird während der Volkszählung unter Augustus geboren, ein junger Mann taucht einen anderen jungen Mann in den Fluten des Jordan unter, ein Mann wird mit drei anderen hingerichtet, drei Tage später ist sein Grab geöffnet und leer. Jahre später liegt seine Mutter im Sterben und ist plötzlich weg. Maria Himmelfahrt krönt die Reihe dieser wundersamen Alltagsgeschichten. Anders als andere Herrenfeste (Christkönig, Herz-Jesu, Fronleichnam, etc.), die kulturelle und vor allem dogmatische Programme der Theologiegesichte liturgisch inszenieren, und Marienfeste (Hochfest der Gottesmutter, Unsere Lieben Frau in Lourdes, Unsere Lieben Frau in Fátima, Unbeflecktes Herz Mariä, Mariä Heimsuchung, Gedenktag Unserer Lieben Frau auf dem Berge Karmel, Maria Königin, Maria Geburt, Mariä Namen, Gedächtnis der Schmerzen Mariens , Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz, Unsere Lieben Frau in Jerusalem, etc.), die entweder Maria mit theologischen Titeln versehen (d.h. in Bezug auf Jesus Christus damit wiederum kulturelle und vor allem dogmatische Programme der Theologiegesichte liturgisch inszenieren) und Episoden aus den biblischen Erzählungen, in denen Maria eine Rolle zukommt, eigens herausstreichen, gibt es nur zwei außerbiblische Feste, die sich an Rang und Bedeutung in die Liste von Jesu Sternstunden einreihen lassen, ohne das Jesus in Hinblick auf die Narration (lässt man kurz außer Acht, das er nach dem Konzil von Chalzedon im vierten Jahrhundert immer gleichzeitig auch der allmächtige und allgegenwärtige Gott in persona ist) irgendwie involviert gewesen wäre: Maria Empfängnis und Maria Himmelfahrt. Wenig überraschend bedingen sich beide Feste. Ersteres gedenkt genau jenem Augenblick, in dem Anna von Joachim befruchtet wurde und laut katholischer Morallehre der ureigentliche Beginn des menschlichen Lebens stattfindet. Dieser Moment, Grundstein jedes menschlichen Daseins, das aufgrund der Ausstattung mit einer unsterblichen Seele, ewig andauern wird, bedeutet auch die unweigerliche Verstrickung in einen Mechanismus, der in der Theologie als „Erbsünde“ Geschichte schrieb.
Unredlich heruntergebrochen, kann gesagt werden, dass dieses Konzept der „Erbsünde“ im Narrativ von Adam und Eva eine Erlösungsbedürftigkeit des Menschen begründet. Der Mensch ist demnach von seinem Anbeginn mit Urschuld belastet, m.a.W. erlösungsbedürftig, und ebendiese kann nicht mehr abgelegt werden. „Schuld“ und „Verstrickung“ deshalb, weil die ursprüngliche Natur des Menschen nicht erlösungsbedürftig, ergo von etwas oder jemanden abhängig sein kann, sondern im Abbild Gottes zu vollkommener Freiheit befähigt gewesen wäre. Kurzum versucht das Konzept der Erbsünde erzählerisch zu veranschaulichen, wie Menschen, die von Natur aus frei und autonom von Gott geschaffen werden, so vielschichtig abhängig, unfrei und verstrickt sein können. Es ist jener Teufelskreis der, weil sich jeder Mensch unfreiwillig der Faktizität des Bösen ausgeliefert findet, notwendiger Weise in einem System, das nicht verlassen werden kann, „weitervererbt“ wird. Nun besitzt die Geschichte einen deus ex machina, nämlich mit der Rolle Mariens. Der Mechanismus erfährt durch ihre Existenz eine Zäsur: Sie ist der einzige Mensch, der über die wahre menschliche Natur völliger Freiheit und Autonomie verfügt. Sie ist, so ihr heilsgeschichtlicher Status, in keiner Weise abhängig oder unfrei. Wenn sie sich bindet, dann aus dem Prinzip Liebe, die wiederum allein auf dem Fundament der Freiheit fußt – anlog zu Gott selbst, der als unendlich freies Wesen dennoch in Liebe eine Beziehung eingeht (vgl. Bibel). Hier sei auf einen wichtigen Punkt verwiesen: innerhalb der katholischen Heilslehre existiert nur ein einziger „nur“ Mensch (ausgenommen Jesus Christus, der Mensch und Gott ist), der im Besitz der eigentlichen menschlichen Natur ist. Sie wird in der Folge jenseits jeder Biologie schwanger und begründet jene Geschichte, die in rund sechzig Jahren verteilt auf ein Gebiet, das flächenmäßig dem Tiroler Unterland gleichkommt, stattfindet und die Erlösung des gesamten Universums beansprucht.
Wer eine schöne Zusammenfassung und Interpretation dazu konsultieren möchte, findet das in der päpstlichen Bulle Ineffabilis Deus von Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854, der dieses Konzept zum Dogma und damit zur unfehlbaren Glaubenswahrheit erklärt hat. Fast hundert Jahre später erhebt die Apostolischen Konstitution Munificentissimus Deus von Papst Pius XII. am 1. November 1950, die bis aufs sechste Jahrhundert zurückreichende Überzeugung, dass Maria – aufgrund ihrer Natur des eigentlichen Menschen – ihren Leib nicht verlassen kann und folglich leiblich in die Himmel Gottes eingehen müsste, analog zu ihrem Sohn (Christi Himmelfahrt). Konkret heißt das: Maria ist nicht gestorben, sie plötzlich mit Leib und Seele weg, ob sie überhaupt gealtert ist, wissen wir nicht. In Maria zeigt sich, laut der katholischen Theologie, was das Resultat der Erlösung ausmacht: die Restauration des ursprünglichen Menschen, bzw. in ihrem Fall nicht Restauration sondern Grundlegung. Nun verlassen wir das religiöse Metier und blicken wir auf diesen Tag mit philosophischen Überlegungen: Maria Himmelfahrt ist eine eigene Anthropologie. Zunächst haben wir Maria. Sie ist laut der religiösen Überlieferung der ursprüngliche Mensch (Adam und Eva haben sich ja laut der Genesisgeschichte schlussendlich verstrickt). Wenn man Adam und Eva als allegorische Narration belässt und ihnen nicht krampfhaft historische Facetten abgewinnen versucht, dann ist das Fazit dieser Geschichte, dass es nie einen Menschen in seiner ursprünglichen Natur gegeben hat. Folglich ist Maria als historische Person, der zeitlich erste Mensch, der überhaupt „wirklich“ Mensch ist, jenseits aller Verstrickungen. Für die westlichen und vor allem östlichen Kirchen beinhaltete nach klassisch aristotelischem Vorbild vollkommenes Menschsein die unzertrennbare Verbindung von Leib und Seele. Dabei ist zu beachten, dass der Begriff Leib nicht allein den materiellen Körper bezeichnet, diesen aber sehr wohl miteinschließt. Die Feste Maria Empfängnis und Maria Himmelfahrt postulieren folglich eine menschliche Natur, die wir in einer gewissen Weise alle verloren haben und zu einer Trennung von Leib und Seele führt. Was esoterische Anklänge zu haben scheint, zeigt sich als nüchterne Analyse zweier, traditioneller kirchlicher Feste. Maria Himmelfahrt ist ein anthropologisches Statement, dass Leib und Seele eigentlich unzertrennlich sind und erteilt damit allen naturalistischen Reduktionen vom Menschen als neurokognitive Maschine eine klare Absage. Dieser Tag bündelt über zweitausend Jahre Philosophiegeschichte des sogenannten „Leib-Seele“-Problems in lieblichen Barockgemälden einer schwebenden Frau. Lässt man sich die Metaphorik, die Inszenierung und den Weihrauch dieses Festes abendlich noch einmal durch den Kopf gehen, bleibt fast der Eindruck, dass im Fall von Maria nicht nur die faktische sondern sogar die begriffliche Trennung von Leib und Seele in Frage gestellt wird. Möglicherweise gibt es nicht Leib und Seele, möglicherweise gibt es nur den einen Menschen. Eine gedankliche Herausforderung bedenkt man die verwesenden Körper in den Gräbern, ohne in das Narrativ der Erbsünde abzugleiten. Was bleibt, ist die Tatsache, dass Leib mehr ist als konzentrierte Materie und Bewusstsein schwer auf einen Ort zurückzuführen ist. Maria war jedenfalls plötzlich weg, das steht fest, zumindest seit 1954. Ein spannendes Fest mit zentralen philosophischen Fragestellungen jenseits eines mythologischen Hokuspokus.

Titelbild: (c) publicdomainpictures

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