(c) Helmuth Schönauer

Hilfe, meine Google spinnt!

3 Minuten Lesedauer

Wie immer beginne ich den Tag mit einem Psycho-Selfie. Ich spüle mein Hirn frei von den Träumen der Nacht, worin ich ständig vor einem Schilift anstehen muss, aber nie in die Höhe komme. Ich träume das, seit ich in Pension bin, und der Psychologe, der mich während meiner Rente betreut, relativiert meine Angst, nimmt sie aber nicht ganz weg. Ich solle froh sein, dass ich bei diesem Traum keine Erektion bekomme wie viele andere im Land, die tagsüber traumlos vor dem Schilift stehen müssen. 

Ich werde auch den heutigen Tag nach bestem Wissen und Gewissen gestalten, so wahr mir die Google helfe!
Schon bei der ersten Anfrage, nachdem ich das System hochgefahren habe, kommt der Vorschlag: Meinten Sie Arschbacher?
Ich weiß gar nicht, was ich gesucht habe, aber diese Antwort jedenfalls nicht. 

Kürzlich bin ich mit dem Begriff „deplatformen“ vertraut gemacht worden, jemand ist von einer Plattform geworfen worden, virtuell auf jeden Fall, und keinesfalls von einer Bohrinsel. Ich nehme mich von der Google und deplatforme mich von diesem System, bis sich die Hardware beruhigt hat. Beim Begriff „Arschbacher“ ist nämlich sofort die Lüftung des Gerätes in die Höhe geschossen und hat mich von meinen stringenten Gedankengängen abgehalten. 

Beim nächsten Versuch kommt die Standardfrage meines Systems: Meinten Sie Linz?
Diese Anfrage ist für mich logisch, denn ich schreibe immer, wenn ich nicht mehr weiter weiß, eine These über Osttirol auf, zum Beispiel, dass sie zumindest auf dem Sektor Kriminalliteratur größenwahnsinnig sind. Der Krimischreiber aus dieser Gegend hält sich für einen Lienzer Don Winslow, wiewohl niemand in diesem Bezirk diesen jetzt in Kalifornien lebenden Meister kennt.
Da Lienz wegen der zwergenhaftigkeit nicht in der Google vorinstalliert ist, fragt das System täglich nach Linz. Und ich werde eines Tages über Linz schreiben, wenn mich die Schifahrerei in Tirol vollends ankotzt.

Und nie ist man vor Überraschungen sicher, wenn man kreativ im eigenen Kopf unterwegs ist. Schon seit Wochen fragt mich die Google, meinten Sie Nager?
Ich habe ein paar Gedichte über Bäume und Parks geschrieben, aber muss deshalb gleich Nager als Anfrage kommen? 

Ein Renten-Kollege sagt, dass die Google mittlerweile so gegendert und politisch korrekt ist, dass sie nur mehr wenige Wörter zulässt, ohne nachzufragen.
Diese Nachfragen gehen naturgemäß direkt ins Netz und an die Behörde, wo man mich aber schon seit vierzig Jahren als Schriftsteller kennt.
Ich soll auch bei der privaten Dichterei vorsichtig sein, rät mir der Beamte, der mich einvernimmt. „Die Zeiten können sich rasch ändern. Und wenn die analphabetischen Leser das Ruder übernehmen, dann könnt ihr Dichter eich alle brausen gehen!“

STICHPUNKT 21|09, geschrieben am 25.01. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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