Wohnungskünste

20. Jänner 2026
2 mins read
(c) Helmuth Schönauer

Nicht alle Künste sind für Mietwohnungen geeignet.

Man wird in Tirol zehntausend mal eher eine sportlich interessierte Person antreffen als eine künstlerisch tätige.

So erklärt es sich, dass quasi innerhalb von wenigen Stunden 70.000 Freizeittickets verkauft werden, aber es schier unmöglich ist, 70 Abonnenten für eine Veranstaltung für das Landestheater anzusprechen.

Abseits von diesem öffentlichen Outing ist jedoch der Anteil an künstlerisch herum werkenden Menschen in ihren Kleinwohnungen sehr hoch.

Viele üben nach der Arbeit noch ein paar Einheiten Musik, Tanz oder Sprechtheater, ehe die aktive Kunst in passive übergeht. Denn gerade bei älteren Jahrgängen stehen noch jede Menge Lautsprecher herum, die oft Tag und Nacht in Betrieb sind, um den regionalen ORF-Sender abzuspielen, für den man Zwangsgebühren bezahlen muss. Gleichzeitig ist dieser Sender bestens geeignet, die üblichen Nachbarschaftsgeräusche hinter dünnen Wänden zu überlagern.

Je nach sozialer Stellung entfalten die künstlerischen Tätigkeiten mehr oder weniger erträgliche Geräusche.

Gefürchtet und als Wohnungsterror schlechthin empfunden ist nach wie vor das Klavier, das ein Mehrparteienhaus mit einem einzigen Durchlauf der „Schule der Geläufigkeit“ in den Wahnsinn zu treiben vermag. 
Vor allem das ständige Wiederholen zerbrechlicher Kadenzen, die nicht und nicht gelingen wollen, treibt zuerst die Nachbarn in die Psychose, ehe diese dann die übende Person selbst befällt.

Zu diesem brachialen Musikansatz muss man sich noch die allgemein brutale Sensibilität Tirols hinzudenken, was Kunst betrifft.

Nicht viel besser ergeht es jenen armen Schweinen, die als Co-Mieter in einer Wohnanlage sitzen müssen, um sich das Gebläse einer übenden Blasmusik-Einzelperson anzuhören.

Egal ob die Töne aus Holz oder Blech sind, sie sind brutal, wenn sie als einzelne Riffs mit der angeblich so menschlichen Atemluft zuerst gegen die eigenen Wände und in der Folge gegen die Ohren der Anwohner dahinter geschleudert werden.

Aber auch harmloses künstlerisches Herumprobieren kann zum Wahnsinn führen, wenn dieses halb digital, halb analoge Treiben auf die Umwelt trifft in Gestalt von Lichtinstallationen.

Gerne blinken die Balkone des Proletariats durch billige Leuchtimportware mit der Pisten-Befeuerung des Flughafens um die Wette. Während der Flughafen freilich seine Nachtruhe einhält, lassen die privaten Balkon-Befeuerer ihr Werk die Nacht über durchglühen.

Die Bewohner ganzer Straßenzüge werden dadurch gezwungen, eine Schlafmaske zu tragen, wenn es um das Überleben der horizontale Körperlage geht. 

Im sogenannten Studentenblock hingegen werden meist aufbauende Fitness-Rituale gepflogen, die durchaus künstlerische Züge aufweisen.

Jemand aus einem niedrigen Semester wirft jeden Tag für zwei Stunden die Töpferscheibe an, um darauf pädagogisch wertvolle Skulpturen zu formen, die später einmal im Schuldienst zum Einsatz kommen sollen. Freilich hat diese Scheibe eine Unwucht, was sie Geräusche entwickeln lässt, die einer Bauknecht im Endstadion des Schleuderns sehr nahe kommen.

Aus einem anderen Stockwerk werden Ballettübungen an vertikalen und horizontalen Übungsstangen gemeldet. Die einen hüpfen stundenlang an der Pole-Stange herum, um für den Auftritt im Nachtclub zu trainieren, die anderen lehnen sich an die Ballettstange für den abendlichen Auftritt als Komparsen im Landestheater. ‒ Und alle an der Optimierung des Körpers Arbeitenden springen zwischendurch auf das Laufband, das man zwei Stockwerke nach unten durchrauschen hört, weil es unrund läuft.

Die einzigen, die wirklich wissen, wie man Kunst human und umweltverträglich pflegt, sind die sogenannten Höhlenzeichner.
Sie sitzen, ermüdet vom aufrechten Gang, gebeugt an ihren Papieren und zeichnen still vor sich hin.

In Interviews sagen sie manchmal, dass sie von der Kunst der Neandertaler inspiriert seien. – Jedenfalls arbeiten sie leise, wenn man vom Knistern des Papiers und dem Nachspitzen der Grafitstifte absieht.

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 60 Bücher, u.a.:
* BIP | Buch in Pension | Sechs Bände. (2020-2026)
* Happy Hölle Tirol | Galgenhumor auf der Tirolic. (2026)
* Leck Tirol. | Aus einem kaputten Lokalsender. (2025)
* over-tyroled. | Geheimnisse aus Trash-Tirol. (2024)
* Austrian Beat 2. [Hg. Schneitter, Schönauer, Pointl] (2023)

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