Die Kunst, den Moment zu l(i)eben

2 Minuten Lesedauer

Es gibt Momente die ein Kapitel beenden. Seitenumbrüche des Lebens. Die teilen. In vorher und nachher. Wenn Vergangenes Geschichte wird und die Zukunft zum Geheimnis, das gelüftet werden will. Solche Momente ziehen Sekunden in die Länge, bis sie sich komplett verlieren, im Nichts auflösen und letztlich völlig stehen bleiben. Wenn zwei Menschen aufeinander treffen. Nackt. Verletzlich. Keine Schutzmauer sie trennt. Keine Maske die Wahrheit verbirgt. Dann kann ein solcher Moment entstehen. Ein Seitenumbruch des Lebens. Der teilt, beendet und doch beginnt. Ein Moment der einnimmt. Körper. Geist. Und Seele.
Anfänge sind selten planbar. Es passiert. Unvorhergesehen. Ohne Vorwarnung. Aus heiterem Himmel. Du siehst dein Gegenüber, zum aller ersten Mal. Dein Blick wird enger, fokussierter. Umliegendes verblasst, verwischt. Wird zum unbedeutenden Schleier. Dein Atem verlangsamt, gewinnt an unbewusster Tiefe. Distanzen verzerren sich, schaffen ungeahnte Nähe. Im Kopf wird es still. Dein Herz beginnt zu pochen. Im Bauch, ein leichtes Ziehen. Innerlich ein sanftes Beben. Der Anfang ist getan. Der erste Schritt gegangen. Man blickt einander in die Augen. Still und leise. Vertrauen entsteht, noch bevor das erste Wort gesprochen ist. Keine Scheu ist vorhanden. Kein skeptisches Überlegen. Die Kanäle sind offen, eine Ebene ist gefunden.
Die Gespräche sprudeln. Geheimnisse werden geteilt. Man will einander erzählen. Von sich selbst. Von früher. Fröhliches Lachen, verständnisvolles Nicken, eine sanfte Berührung begleiten den Diskurs. Die Gedanken entstehen wie von selbst. Worte formen sich, verlassen den Körper. Zwei alte Freunde unterhalten sich. Unvoreingenommen. Ganz natürlich. Die Zeit verrinnt. Stunde um Stunde. Weil Zeit keine Rolle spielt, bei einer Begegnung die Kapitel beendet und Momente schafft, die teilen. In vorher und nachher. In Seitenumbrüche des Lebens. Momente die für sich selbst stehen. Sich selbst genügen. Ungeahnte Höhen, weit über den Dächern jeglicher Fiktion.

Bild: Dirk Kruse/pixelio.de

 

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Default thumbnail
Vorheriger Text

Ich bin der Welt abhanden gekommen!

Default thumbnail
Nächster Text

„Oni Wytars“ in Innsbruck: Die (Un)möglichkeit einer Konzertkritik

Aktuelles aus Kategorie

Vor dem Winter

Die Hennen wuseln noch am Eingang zur Voliere herum, manche rennen wieder

Erschöpft

Der alte Mann saß irgendwo in ländlichen Italien am Straßenrand.