Man graut sich vor den bunt gekleideten Menschen, die als Paare, womöglich noch Ton in Ton gewandet, mit stumpfem Blick im Gleichschritt gen Gipfel marschieren. Alle wollen dort hinauf. Man bleibt stehen und wird von einem lauten Menschenrudel überholt. Man ahnt, dass eben der Bus aus dem Tal angekommen sein muss, aus dem die Wandervögel herausquellen wie der Brei im Märchen. Leute strömen heraus und ergießen sich über die Gegend. Egal, wo man hinwandert, es ist schon jemand vor Ort. Man will nicht eine dieser Kreaturen auf zwei Beinen sein, die denken, sie bräuchten keine Rücksicht nehmen auf andere, geschweige denn auf die Ruhe der Natur. Sie schwatzen lautstark, bewegen sich mit schwerem Rucksack auf breiten Pfaden, beinahe im Gleichschritt, Marsch!, hinauf zum Ziel und einer bewirtschafteten Hütte. Dort angekommen, wischen sie sich das unappetitliche Schweißwasser vom angestrengten Rotgesicht. Oder sie lecken es ab und setzen ihre PVC-Flasche an, um das köstliche gratis Bergwasser, das sie kurz vorher aus dem Brunnenrinnsal gezapft haben, in ihre ausgetrockneten Kehlen rinnen zu lassen. Die Jüngeren unter ihnen haben anders vorgesorgt und laben sich am Red Bull- Gesöff oder ähnlichen hippen Fitnessdrinks.
Fast keine anderen Lebewesen zu entdecken. Kaum Insekten, weder Vögel noch Bären. Die haben sich gut versteckt oder sind schon ausgestorben vor lauter Schreck. Immerhin ein paar Fische in den angelegten Fischteichen. Ein Angler, der seinen Touristenschein erworben hat. Ob die Fischlein anbeißen bei dem Geschrei allüberall? Überm See kreisen einige Libellen. Immerhin. Oder sind das Mini-Drohnen, eingesetzt vom Touristenmarketing. Eine totgetretene Nacktschnecke am Boden. Das wars an Getier.
Je später der Vormittag, desto voller die Ufer am Badeweiher. Am Rand einige blühende Seerosen, schön anzublicken. An den zugänglichen Ufern befinden sich zwei Oasen der grölenden Unruhe. Visavis wogt Schilf im sumpfigen Gestrüpp. Einige Stege, die von jungen Schwimmern benutzt werden, um schreiend mit krachenden Saltos ins kleine Gewässer zu springen. Man stellt sich die Ruhe frühmorgens vor, nachts, oder gar im Winter. Die einzige Zeit für den See, um aufzuatmen. Jetzt im Sommer ist er am Ersticken. Wohin mit den ganzen menschlichen Ausscheidungen? Der Weiher krepiert leise vor sich hin und kippt bald einfach um vor Erschöpfung.
Man kann auch seinen Urlaub im dortigen *** Hotel verbringen, mit dem Luxus des eigenen, abgeschlossenen Badestegs, scheinbar weg von den Massen.
Ein kaum erträglicher Hitzetag mit über 35°. Auch der Weiher mutiert zu einer lauwarmen Moorbrühe. Spätnachmittags füllt sich der schmale, vor sich hin verrottende Hotelsteg mit nach anstrengender Tour verschwitzten Wandervögeln. Sie wollen sich im Weiher erfrischen, springen ungeduscht hinein wie alle hier, und bald sitzt man dort genauso dicht an dicht wie Passagiersardinen in enger Charterflugdose. Tuch an Tuch, ohne Rücksicht auf Nähe. Intimität im Hotelzimmer vergessen. Es wird nicht freundlich miteinander kommuniziert. Man flackt geräuschvoll ohne Worte nebeneinander. Höflichkeit ist in Ermangelung einer Garderobe einfach ins Schilf geschlittert. Wann ist die Freude aus diesen Steingesichtern entwichen, fragt man sich. Was haben sie noch zu erwarten? Ein bisschen den allseits touristischen Berg erklimmen, ein paar Züge schwimmen und sich abends in der Halbpension den Bauch vollschlagen. Das Ankreuzeln auf der Fressliste ist das Highlight des Abends. Aber auch dort, im alpenländischen Speisesaal mit dem Charme einer Wartehalle, beäugen sie sich misstrauisch und können es kaum erwarten, den Ober an den Tisch zu beordern und sich am Bier oder überteuerten Wein zu laben. Eine Stunde später wanken satte und bierselige Menschen ins Zirbenholz – Zimmer und schalten den Fernseher an. Das wars und gute Nacht!
Nun können sich Berge und Weiher bis zum nächsten morgendlichen Touristenanpfiff erholen. Dann geht das tägliche Prozedere wieder von vorne los.
Man kann fast Mitleid bekommen mit der Natur.
Oder dem ganzen Zirkus fernbleiben.