Die Zeit und ihre Wahrheit

19. Jänner 2026
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Foto von Oberon Copeland @veryinformed.com auf Unsplash

Die Wahrheit ist ein Kind ihrer Zeit. Wer sagte das noch gleich? Wir googeln schnell mal: Lincoln, Francis Bacon, Brecht? Die ungefragt sich einblendende KI gibt eine Kurzzusammenfassung mit ein paar potenziellen Urhebern des Zitats. Jetzt weiß ich, es muss heißen „eine Tochter der Zeit“, okay, ich hatte die Genderfrage aus alter Gewohnheit diesmal falsch eingeschätzt. Zudem erklärt mir der Chatbot gleich die Bedeutung, falls ich das Zitat nicht verstanden haben sollte: Die Wahrheit entfaltet sich langsam; sie ist das Ergebnis von Beobachtung, Erfahrung und Geduld, nicht von Machtansprüchen.“ Schau an, schau an. Trump hat bei Google doch noch nicht ganz durchgegriffen.

Aber wenn ich dann Genaueres über Aulus Gellius wissen will, dem dieses Zitat unter anderem zugeschrieben wird und von dem ich mein Lebtag noch nie gehört habe, dann gehe ich weiter auf das gute alte Wikipedia, das jetzt doch glatt schon 25 Jahre auf dem Buckel hat und immer noch Überraschungen birgt.

Ja, wenn ich verbrieftes Wissen meiner Zeit suche, die Wahrheit, die zwar ständig im Fluss und niemals fertig ist, aber dennoch keine Lüge sein soll, dann finde ich es in Wikipedia.

Dabei war WIKIs Geburt vor 25 Jahren alles andere als ein freudig von allen erwartetes Ereignis. Bei den Lehrern brach Panik aus, denn plötzlich konnte jeder Schüler aus diesem Teufelswerk abschreiben, ohne erst selbst nachdenken zu müssen! Inhaltsanagaben plus fertig mitgelieferte Interpretationen der Klassiker ersetzten die mühsame Lektüre, Lateinische Textübersetzungen und mathematische Formeln fand man perfekt vorgefertigt, Physikerklärungen ganz ohne approbiertes Lehrbuch! Der Allwissenheitsanspruch der Pädagogen geriet schwer ins Wanken!

Und dann gab es fehlerhafte Einträge. Die Wahrheit war in Gefahr! Schließlich konnte dort jeder Beliebiges eintragen, alles behaupten, oder?

Und heute, 25 Jahre später? Eine ganze Menge Leute hat sich inzwischen bereit gefunden, nicht nur Einträge zu verfassen, sondern auch das Eingetragene zu überprüfen, zu ergänzen, zu korrigieren. Die WIKI ist nicht mehr wicked, sondern durch tausendfache Peer-Review verlässlicher geworden als so manche Fachzeitschrift. Was wüsste denn heute die KI ohne die Millionen WIKI-Beiträge? Wo könnten Studenten quellenbasierte Aussagen so schnell nachschlagen? Die Wahrheit, die heute durch Fake-News und frei fantasierende Chatbots auf so wackeligen Füßen steht – bei Wikipedia lebt sie noch und kann sich täglich weiterentwickeln. Kein Kind der Propaganda wie die kurzzeitigen Fake-Wahrheiten der Mächtigen auf anderen Kanälen, sondern eine wahre Tochter ihrer Zeit — durch ständigen ethisch sauberen, ehrenamtlichen, unbezahlten Faktencheck.

Wir wünschen dir, liebe WIKI, also noch viele weitere gesunde Jahre und feiern dich und deine Administratoren statt mit einer Torte mit einer dicken Spende! Lass dich nicht unterkriegen von den Feinden der Wahrheit!

Ausnahmsweise fantasiert da ja nicht einmal der KI-Chatbot, dem zu dir zwar nur eine Kreis-Definition einfällt: „Wikipedia ist ein freies, webbasiertes Mehrsprachen-Lexikon, das auf dem Prinzip des Wikis basiert und von Freiwilligen erstellt wird“. Aber wenn du die KI dann nach der Wahrheit fragst, dann kommt doch, wie ehemals von den Schülern, die von dir unverstanden übernommene Antwort: Die Wahrheit entfaltet sich langsam; sie ist das Ergebnis von Beobachtung, Erfahrung und Geduld, nicht von Machtansprüchen.“

Schau an! Vielleicht lernt auch die KI doch noch einmal was Richtiges, indem sie von dir abschreibt!

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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