Alljährlich wieder einmal der Bachmannwettbewerb, während der Rest der Welt in anderweitigen Realitäten und deren Interpretationen versinkt. Manche halten solche Literaturwettbewerbe für eine ziemlich sinnlose Übung für eine kleine Minderheit Kulturgesättigter. Denn was hört man da? Bloß widersprüchliche Meinungen einiger sogenannter Expert*innen, Wissenschaftler*innen zu ein und demselben Textstück. Und natürlich macht die Präsentation der Vortragenden auch viel aus. Eigentlich alles nicht viel anders als bei einer Deutsch-Matura. Nur halt mit Fernsehen.
Belletristik bietet doch sowieso nichts anderes als Fake News. Und davon hätte man eh genug — ganz ohne Buchhandel, Büchereien und Bachmannpreis. Doch irgendwie lechzt der Mensch offenbar genau danach — nach alternativen Wahrheiten, egal in welcher Form.
Also: Was hat man nun davon, sich einem literarischen, fiktionalen Text zu widmen, ihn zu zerpflücken und über die Pflückreste zu debattieren? Vielleicht: Über sich selbst etwas Neues zu erfahren und über jemand anderen, der denselben Text ganz anders versteht? Vielleicht: Zwischen den Zeilen zu lesen und dahinterliegende Absichten zu erkennen und über deren Lauterkeit zu debattieren? Vielleicht: Einen neuen Blickwinkel auf die Wirklichkeit zu gewinnen, unbekannte Menschenbilder kennenzulernen, ungewohnten Situationen zu durchleben? Vielleicht: Anderen Ansichten zu demselben Sachverhalt gelassen zuzuhören und sich dann eine eigene Meinung zu bilden?
Man könnte natürlich ebenso gut Trump-, XI Jinping-, Kickl- oder Putin-Äußerungen (die Vorschlagsliste ließe sich unendlich verlängern) auf Gehalt, dahinterstehende Intentionen und die Wirkung auf einen selbst durchleuchten und mit anderen besprechen. Doch deren Texte hört man sowieso jeden Tag. Und Gesprächspartner darüber finden sich nicht oder sind immer dieselben. Also dann lieber Bachmann-Wettbewerb.
Da wiederholt sich wenigstens nicht ständig der gleiche Text, und es gibt sogar noch sowas wie positive Überraschungen.