Tirol definiert sich

16. März 2026
1 Minute Lesezeit

… stets zu allererst als Tourismusland. Und das, seit die ersten Engländer ehedem entdeckten, dass man Berge schön finden könne — kurz nachdem Goethe noch möglichst schnell durchgereist war, um den hier hausenden Räubern zu entgehen. Die Definition als einzigartiges Tourismusland hat sich zwar überlebt, denn Geld macht man mit Tourismus inzwischen auch anderswo und verdient es hierzulande ebenso gut mit Industrie und Entwicklung. Aber sei´s drum. Eine ewigwährende konservative Regierung hat halt gewisse Klammermechanismen und Fixierungen, die schwer zu lösen sind.

Weiters ist Tirol – natürlich!, denkt man – ein Sportland. Besonders ein Wintersportland. Und das, seit am Arlberg das Wedeln erfunden wurde und damit endlich in der bäuerlich toten Saison einkommensmäßig und erotisch befriedigende Arbeitsplätze geschaffen wurden. Aus der Berichterstattung in Tiroler Leitmedien lässt sich schließen, dass Sport auch heute noch Hauptbeschäftigung wie Hauptinteresse eines jeden Tirolers sein muss. (Die Tirolerin darf – in diesem einen Sektor gleichberechtigt — auch mit.) Nicht-sportliche oder nicht einmal sportinteressierte Tiroler*innen scheint es nicht zu geben, sonst würde man nicht so viel Papier und Sendezeit darauf verschwenden.

Eine weitere Selbstdefinition: Tirol ist Bauernland. Auch wenn nur noch ein paar mickrige Bevölkerungsprozent diesen Beruf (meist nebenbei, finanztechnisch als Hobby bezeichnet) ausüben, kommt doch der Landwirtschaftsminister traditionell aus Tirol. So schaut dann auch seine Politik aus: nebenberuflich bis hobbymäßig. Und weil er schon längere Zeit im Osten des Landes lebt, kennt er auch nur noch die Bauernschaft rund ums Marchfeld, und von Umweltschutz hat man dort bisher wenig gehört.

Aber Tirol wäre eigentlich mehr. Tirol ist zum Beispiel Literaturland. Allein schon die Vielsprachigkeit und der Eigensinn in den Tälern bilden einen unerschöpflichen Quell von Wörtern und Klängen und Erfahrungen, die die Sinne schärfen und das Einheitsdeutsch und die Einheitsthemen der Massenliteratur weit hinter sich lassen. Und im Verhältnis zur Bevölkerungszahl gibt es hierzulande wahrscheinlich ebenso viele Verlage und Schriftsteller wie Tirol-Molkereien. Auch lesen viele Tiroler:innen so regelmäßig, wie sie Milch trinken.  Es fehlt nur die Lobby, welche die Qualität heimischer Literaturprodukte am Markt hervorheben würde. So rackern die gut 400 gelisteten Tiroler Literaturproduzent:innen halt oft wie die Bergbäuer:innen unerkannt und unbedankt vor sich hin und verkaufen ihre besten Produkte kleinweise im Hofladen.

Nun gibt es aber erstmals eine Art Literarische Frühjahrsmesse, bei der neueste Tiroler Sprachprodukte aus dem ganzen Land vorgestellt werden.

Die Tiroler Literaturszene erweist sich dabei als quicklebendig. Und sie beschäftigt sich nicht ausschließlich mit Tirol, wie manche glauben möchten, sondern mit der ganzen Welt. Da wird geboten: Lyrik bis Schauspiel, Slam Poetry bis Roman, auch heimische Kinderliteratur …

Gehen Sie also auf Entdeckungsreise im unbekannten eigenen Land!

Woche der Tiroler Literatur, 16.-22.3.2026

Zum Programm und zu den Autor:innen:

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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