„Schwanensee“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski gilt als Kultur-Gemeingut. Vermeintlich abgespielt, abgenutzt und totgetanzt ringt Choreograph Marcel Leemann am Tiroler Landestheater dem Ballett-Klassiker aber enorme Spannung und pure Lebensfreude ab.
Klassiker sind einfach Klassiker. Besonders bekannte Werke sickern in das kollektive Kulturgedächtnis ein, Fragmente tauchen immer wieder auf, in allen möglichen Kontexten auftauchende Motive werden zu Aha-Erlebnissen oder gar zu Mitsingthemen.
So verhält es sich auch mit „Schwanensee“: Einzelne Motive aus der ausdrucksstarken Musik sind Gemeingut, ikonische Tanzszenen von maßgeblichen Aufführungen haben sich tief in die Kulturgeschichte eingeschrieben. Dieses Hervorgehoben-Sein von einzelnen Passagen, Augenblicken und Momenten beinhaltet aber auch Kippmomente und Probleme.
Der durchschnittliche Zuschauer scheint in einem solchen Fall nur darauf zu warten, bis diese Szenen neuerlich auf die Bühne gebracht werden, bis das altbekannte Motiv ertönt. Der Rest des Stücks scheint neben diesen Momenten zu verblassen und fast schon unbedeutend zu sein.
Choreograph und musikalischer Leiter von „Schwanensee“ müssen sich also dieser Problematik bewusst sein und gewissermaßen den Gegenbeweis antreten, dass das Werk nicht nur in der fragmentierten Form des Gemeinguts beständig ist, sondern in seiner Gesamtheit und Ganzheit wertvoll ist. Ebendas gelang Leemann und Matthew Toogood bei der Innsbrucker Auslegung von „Schwanensee“ auf fulminante Art und Weise.
Freigelegte Kraft
Dass dafür als geschickter Kunstgriff eigens neue Figuren eingeführt und geschaffen wurden täuschte nicht darüber hinweg, dass „Schwanensee“ im Kern angepackt wurde. In seiner musikalischen Brillanz, in seiner tänzerischen Kraft. Zur Freilegung dieser Aspekte nahm sich Leemann die dafür notwendigen Freiheiten heraus. Auch den womöglich erwartbaren, traditionellen Kostümen wurde eifrig gerüttelt. Doch die Inszenierung geriet nicht modernistisch, sondern aktuell und eben aufgeladen mit der kulturellen Kraft, die „Schwanensee“ wohl einst hatte. Ein wenig beschlich einen das Gefühl, diesen Ballett-Klassiker zum ersten Mal zu erleben.
Der Innsbrucker „Schwanensee“ hielt die Spannung über die vollen zwei Stunden, wusste mit bekannter Motivik und mit fast in Vergessenheit geratenen Teilen zu begeistern. Bunt und frech wir die Inszenierung, aber niemals schrill und auf bloße Showeffekte bedacht. Ein Ballett-Abend, der absolut glücklich machen kann.