Deutschrap #1 – Technik

11 Minuten Lesedauer

An dieser Stelle wird in Zukunft unregelmäßig (sprich wonn‘s eich und mi zahd) eine Kolumne über Rap erscheinen. Und hier wird es sich speziell um Rap in der sexiesten Sprache der Welt drehen. Die Sprache die zierliche Wortkreationen wie „Schmetterling“, oder das nach unbändigbarer Erotik schreiende „Lebensabschnittsgefährte“ herausgebracht hat. Eine Sprache die von Namibia bis Schleswig-Holstein die Herzen verzaubert, sich schon zwei Mal fast als Weltsprache durchgesetzt hat und gegenwärtig für „Hell“ in „Hellas“ sorgt. Unser Deutsch.
Aber ganz im Ernst. Deutsch ist eine harte, präzise, kompromisslose Sprache, die nicht allzu leicht rhythmisch und melodisch gebändigt und in Lieder verpackt werden kann. Daher imponiert es mir umso mehr, wenn jemand es schafft spielerisch Herr über diese herrische Sprache zu werden, die kaum Raum für Unfug lässt. „Ich mach ein Lied aus dem Leid, indem ich die Buchstaben dreh‘“, rappt der Münchner Ali As in seinem 2014 erschienenen Track „Sonnenmaschine“ und ich möchte diese Zeile nur zu gern als Beispiel missbrauchen um zu veranschaulichen, was ein Rapper mit der deutschen Sprache machen muss. Man muss sie so lange verbiegen, bis sie was hergibt. Man muss Worte aufbrechen, neu ordnen, die Fragmente sinngebend zusammenfügen. Man muss mit der Sprache spielen.
Nicht nur die Liebe zur Sprache habe ich von Deutschrap mit auf meinen Weg bekommen. Auch die Inhalte dieser Musik haben mich seit meiner Kindheit gewissermaßen miterzogen. Bushido lehrte mich 2003 sparsam mit meinen Ressourcen umzugehen, als er uns allen mitteilte, dass nur „eine Kugel reicht, damit du weißt wie hart Beton ist.“ Heute studiere ich Umwelt- und Bioressourcenmanagement. Haftbefehl, Celo & Abdi und Schwesta Ewa zeigten mir, dass ich Frankfurt, eine der reichsten Metropolen Europas, während meinen Deutschlandreisen wohl lieber meiden sollte und nahmen dadurch dem Außenministerium das nervtötende Erstellen etwaiger Reisewarnungen ab. Bis heute habe ich mich nie aus dem Frankfurter Flughafen rausgetraut. Deutschrap, du hast mir so vieles gegeben. Isch liebe disch.
Ich möchte euch dieses, oft so uneinladend wirkende, Genre näherbringen. Deshalb werde ich bei dem Grundlegendsten beginnen. Dem Äußeren. Der Hülle, die über den Inhalt des Songs gestülpt werden muss, um ihn attraktiv wirken zu lassen. Reime. Strophenaufbau. Flow. Diese lyrischen Stilmittel sind, wie bei schulischen Gedichtanalaysen, die ersten Anhaltspunkte die einem zur Verfügung stehen, um tiefer in die Materie des Liedes eindringen zu können. An ihnen orientiert man sich um den Weg hinein zu finden. Achja, vorneweg: Ich möchte in diesem Artikel die technische Entwicklung des kommerziell erfolgreichen Raps im Allgemeinen veranschaulichen, natürlich gibt es Ausnahmen und dafür sollte man auch dankbar sein, da sie ständig dem gesamten Genre neue Wege aufzeigen und es von unten herauf revolutionieren.

Den Einer benutzt heute keiner

Begonnen hat alles mit dem Einer. Die erfolgreichsten Rapper waren ursprünglich die, die versucht haben ansprechende Inhalte in Versform zu packen. Die Zeilen wurden dann meist mit einsilbigen Reimen à la Kaffee – seh‘ (Fanta 4 in „Die Da“, 1992) beendet. Heute reicht das nicht mehr. Spätestens seit dem unaufhaltbaren Erfolg Kollegahs (letztes Album erhielt am ersten Tag in Deutschland Goldstatus mit über 115.000 verkauften Einheiten) hat sich der deutsche Mainstreamrap ganz klar den Reimen gewidmet. Sogar ein Doppelreim reicht nicht mehr aus, es müssen mindestens drei, vier, fünf Silben gereimt werden, um seinen, meist irrelevanten, Standpunkt zu vertreten. Der Inhalt rückt in den Hintergrund, die Technik nach vorne. Rap, der eigentlich als politisches Sprachrohr den Weg in unsere gesellschaftliche Mitte fand (mittlerweile eine der erfolgreichsten Musikrichtungen), verkommt im Mainstream zum lyrischen Penis(=Reim-)längenvergleich. Und trotzdem finde ich es irgendwie geil.

„Alte Homies bitten mich ihn‘n anstandshalber Geld zu leih’n
Doch alles, was ich pumpe, sind die Langhanteln aus Elfenbein
Ich kann ihn’n da nicht helfen, nein, die Schlampen sah’n die Felgen schein‘
An den Pirelli-Reifen und ertranken fast in Selbstmitleid“ 
-Kollegah in „Flightmode“, 2014

Viel faszinierender als mehrsilbige Reimkombos, ist der sogenannte durchgezogene Reim. Er stellt für mich die Königsklasse des Raps dar. Während es bei solch langen Reimketten, wie in dem eben angeführten Track von Kollegah, kaum über vier Zeilen hinausgeht, versucht man hier den Reim über mehrere Zeilen, eine ganze Strophe, manchmal sogar ein ganzes Lied lang aufrecht zu erhalten. Ein Beispiel:

„Das geht an alle, die mich nicht kennen und alle, die mich kennen
Ich bin nich‘ Cory Gunz, doch ich komme mit der Cannon
Irgendwas geschah, wie auch immer sie es nennen
Trip, ich bin jetzt digital wie die Bilder, die sie scannen
Ich krieg das Signal und fang an zu rennen
Ich bin immer noch nicht da, doch kann jetzt langsam was erkennen
Ihr wollt nich‘ dafür bezahl‘n, ihr wollt alles nur noch brennen
Ich als Künstler hab‘ die Wahl: harte Arbeit oder flennen
Komm, wir müssen uns verein‘ und die Masse nicht mehr trennen
Denn so viele können allein all die Lasten nicht mehr stemmen
Informieren uns weltweit über Sachen, die uns hemmen
So verliert sich unser Schrei, zwischen Masten und Antennen
Könntet ihr das Licht dimmen? Jemand sollte die Gesangskabine dämmen
Ich steh‘ auf den Dämmen, um das Land zu überschwemmen
Ich verschwende meine Zeit nich‘ mehr mit Schach oder Backgammon
Ich mach‘ Business, wenn die anderen noch pennen“
 
-Motrip in „Kennen“, 2012
 

Das was Motrip hier präsentiert, mag zwar auf den ersten Blick einfach aussehen, ist es aber ganz und gar nicht. Motrip reimt hier nämlich nicht nur die Enden seiner Zeilen nach dem gleichen Schema, er versucht auch jeweils das Ende der ersten Zeilenhälfte an die folgenden anzupassen. Und auch hier sieht man: Es geht in erster Linie um Unterhaltung. Und natürlich ganz klischeetreu um Selbstinszenierung.
Natürlich gibt es noch zahlreiche andere Reimtechniken, doch derzeit dominieren die oben genannten Schemata das Genre. Ab und an verirrt sich noch ein Kreuzreim in das Game, aber den hat man ohnehin Länge mal Breite im Deutschunterricht durchgekaut.

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