5 Fragen, die sich beim diesjährigen "Outreach-Festival" aufdrängen

10 Minuten Lesedauer

Bin ich befangen, weil ich in diesem Jahr beim „Outreach“ mitgearbeitet habe? Kann ich keine kritische und unabhängige Meinung mehr haben, nur weil ich die Texte für die Programm-Broschüre und die PR-Artikel für die Zeitungen geschrieben habe? Ich denke mein Involviert-Sein spielt definitiv eine Rolle und muss thematisiert werden. Es macht etwas mit mir. Es macht mich aber nicht zwingend unkritisch.
Ich kann sogar, ganz im Gegenteil, Aspekte klar benennen, die ich nicht beschreiben könnte, wenn ich nur in der Rolle des Journalisten beim „Outreach“ vor Ort wäre. Ich bin in einer Doppelrolle hier, die es mir ermöglicht, zwischen Schein und Sein, zwischen Wunschtraum und Realität beim „Outreach“ zu unterscheiden. Ich möchte genau dieses Verhältnis in 5 „blitzlichtartigen“ Thesen beleuchten und damit ein paar aus meiner Sicht entscheidende Fragen aufwerfen.
Blitzlicht 1: Beim „Outreach“ wird betont, dass es mehr als nur ein Festival sei. Laut Franz Hackl sind die „Academy“ und das Festival gleichberechtigt. Tendenziell nimmt er wohl die „Academy“ als wichtiger wahr, weil die Arbeit dort nachhaltiger ist. Junge Musiker treffen dort auf erfahrene Dozenten und können sich gleich mal mit spielerischer und musikalischer Weltklasse messen und daran wachsen. Das ist wohl auch die Grundidee schlechthin beim „Outreach“: MusikerInnen sollen gemeinsam Projekte auf die Beine stellen, sich aus ihrer Komfort-Zone herauswagen, ihre eigene musikalische Welt mit anderen musikalischen Welten kollidieren lassen und aufgrund dieser Kollision selbst in Bewegung geraten.

Eines der gelungensten Projekte bisher beim diesjährigen "Outreach": Craig Harris + Strings (Bild: Felix Kozubek)
Eines der gelungensten Projekte bisher beim diesjährigen „Outreach“: Craig Harris + Strings (Bild: Felix Kozubek)

Diese Erschütterung und Erweiterung des eigenen musikalischen Vokabulars führt konsequenterweise zur Weiterentwicklung der eigenen Musiksprache und der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Trotz allem: Bekommt das Publikum beim Festival selbst etwas davon mit? Ist es wirklich so interessiert an den Prozessen im Hintergrund, von denen es ja größtenteils nichts weiß? Weiß das Publikum damit umzugehen, wenn einige Aspekte eines Konzertes nicht aufgehen und kann es dieses punktuelle Scheitern auf die sich noch in Bewegung befindlichen Prozesse zwischen Musikern und musikalischen Welten rückbinden?
Blitzlicht 2: Die Fallhöhe beim „Outreach“ ist hoch. Während bei manch anderem Festival auf Nummer-Sicher gegangen wird, ist es damit bei diesem Festival nicht weit her. Barockmusik meets Modern Jazz? Absolut kein Thema. Darf soll und muss es geben. Und wenn Martin Nitsch bei seinem (grandiosen!) Konzert nicht nur seine jazzige und komplexe Seite, sondern auch seine Vorliebe für geradlinige Rock-Riffs zeigt dann ist das absolut kein Problem. Schließlich ist das hier eigentlich kein reines Jazz-Festival. Vielleicht vielmehr, wie es Franz Hackl immer mal wieder meint, ein Musikfestivals. Musik ist Musik. Solange sie Substanz hat und qualitativ hochwertig ist.
Das führt natürlich dazu, dass Jazz nicht mehr als Musikrichtung verstanden werden darf. Rein zu vermuten, dass beim „Outreach“ Jazz erweitert und neu gedacht wird, wäre zu kurz gegriffen. Manchmal dient er auch nur als Haltung, als Idee, als eine Grundhaltung der musikalischen Abenteuerlust und dem Experiment gegenüber. Dabei geht natürlich der viel beschworene „rote Faden“ manchmal verloren. Die Einheit wird der Vielfalt geopfert. Dogmatisch geht es bei diesem Festival nur sehr selten zu.
Aber: Kann das Publikum damit umgehen? Versteht es die Intention dahinter, die wiederum an „Blitzlicht 1“ anschließen kann: Musikalische Welten sollen kollidieren, sich gegenseitig beeinflussen. Letztlich soll ein neuer ästhetischer Raum entstehen, in dem alles möglich ist. Ist das Publikum aber geduldig genug zuzuhören, wie dieser Ort temporär immer wieder geschaffen wird? Oder möchte es ihn schon als fertigen Vorschlag vorgesetzt bekommen?
Blitzlicht 3: Hier schließe ich direkt an Blitzlicht 2 an. Wenn die Fallhöhe so hoch ist, muss das Publikum akzeptieren, dass diese Fallhöhe überhaupt erst erreicht werden soll. Will das Publikum nicht stattdessen Projekte sehen, die vollständig funktionieren? Will es sich mit (noch) vorhandenen Schwächen auseinandersetzen, die nicht mehr vorhanden wären, wenn die aufeinander treffenden MusikerInnen mehr Zeit für das gemeinsame Projekt gehabt hätten? Hat es sich das Publikum nicht verdient, statt Skizzen vollständig ausformulierte Projekte zu hören?
Franz Hackl,  Dave Taylor, John Clark (Bild: Felix Kozubek)
Franz Hackl, Dave Taylor, John Clark: Gute, alte Freunde! (Bild: Felix Kozubek)

Ein perfektes Beispiel dafür ist das „Barock-Projekt“ von Franz Hackl und Julia Moretti. Es ist ein kühnes Projekt, mit einer irrsinnigen Fallhöhe. Ein Barock-Ensemble trifft auf Posaune, Trompete und Modern Jazz. Zwischen den tänzelnden Leichtsinn der Barockmusik mischen sich immer wieder auch groovende Passagen, die an Bebop und Modern-Jazz erinnern. Höfisch geprägte Musik trifft sich mit dem ganz bestimmten Groove von New York.
Das funktioniert in den besten Momenten ganz hervorragend. Es gibt aber auch Augenblicke, in denen das ganze wie eine Andeutung wirkt. Ganz so, als würde hier lediglich aufgeworfen und skizziert, in welche Richtung man diese Experiment noch weiterdenken und weiterentwickeln müsste, damit es vollständig funktionieren würde. Positiv formuliert: Beim „Outreach“ werden Fragen aufgeworfen, Vorschläge gemacht. Das Publikum darf sich keine fertigen Antworten erwarten. Nur: Möchte sich das Publikum Fragen vorgesetzt bekommen oder möchte es fix-fertige überzeugende Antworten vorgesetzt bekommen?
Blitzlicht 4: Das „Outreach“ versteht sich auch als eine Art Freundeskreis. Franz Hackl geht es dabei darum, gemeinsam mit alten Bekannten, Weggefährten und Freunden zu wachsen. Er schätzt es, diesen dabei zuzusehen, wie sie sich über die Jahre entwickeln. Das ist zweifellos schön, setzt aber auch voraus, dass sich das Publikum auf diese Wachstums- und Veränderungsprozesse einlässt und an diesen überhaupt erst interessiert ist.
Oberflächlich betrachtet könnte das Publikum vermuten, dass sich die Acts und MusikerInnen über die Jahre zu sehr wiederholen. Das Publikum ist an Festivals gewöhnt, an denen die Programmierung der Acts und das Programm an sich im Vordergrund steht. Die Prozesse im Vorfeld und im Hintergrund sind ihm vermutlich weniger wichtig. Kann das „Outreach“ im Festivalprogramm die Wichtigkeit dieses über die Jahre gewachsenen Freundeskreises vermitteln und überzeugend darlegen? Letztlich interessiert das Publikum dabei vor allem eines: Die Argumentation auf musikalischer Ebene.
Blitzlicht 5: Natürlich werden Jahr für Jahr auch MusikerInnen eingeladen, die nicht aus diesem Netzwerk und aus diesem Freundeskreis stammen, den sich Franz Hackl über die Jahre in New York und anderswo aufgebaut hat. In diesem Jahr waren und sind das vor allem (die fantastische!) Filippa Gojo und Yaron Herman. Sollen diese Acts integriert werden und sollen sie fortan Teil dieses erweiterten Freundeskreises werden?
Müssen sie sich dann, spätestens bei ihrer nächsten Einladung, auf den „Outreach-Gedanken“ einlassen und ebenfalls Projekte erarbeiten, die mit der Fallhöhe in Blitzlicht 2 konform gehen? Oder dürfen und sollen sie weiterhin ihr klar ausformuliertes Konzertprogramm spielen? Unter Umständen brächte diese relative Klarheit und relative Sicherheit des Konzertprogrammes das Festival in eine andere Balance. Musik wird nicht automatisch uninteressant, nur weil sie nicht Gefahr läuft, teilweise zu scheitern. Es ist denkbar, dass das Publikum auch euphorisch auf vollständig ausformulierte ästhetische Konzepte reagiert.
Ich muss abschließend feststellen, dass ich das „Outreach“ liebe! Genau deshalb weil es diese (und weitere hier nicht formulierte) Fragen gibt, die es aufwirft. Auch nach über 20 Jahren sind diese hier gestellten Fragen noch offen. Meiner Meinung nach nicht, weil sie noch nicht gestellt wurden, sondern weil klar ist, dass eine klare Beantwortung dieser Aspekte einige der großen Stärken des „Outreach“ in Frage stellen würde.
Ihr habt übrigens heute ab 19:00 die Möglichkeit, euch euren eigenen Reim auf das „Outreach“ zu machen. Es lohnt sich! Ich erhebe nicht den Anspruch darauf, die richtigen Fragen gestellt zu haben. Es sind lediglich die Fragen, die sich mir im Verlauf des bisherigen „Outreach-Festivals“ aufgedrängt haben. Es ist gewünscht und höchstwahrscheinlich, dass ihr ganz andere Fragen an das Festival habt – und damit ist auch schon eine maßgebende Stärke benannt.

Titelbild: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. Die hier gestellten Fragen sind treffend, die Antworten mögliche von vielen…
    Das Outreach-Festival in Schwaz ist freilich immer noch eine Bereicherung – allein deshalb, weil es exitiert. Aber nach 20 Jahren umfängt es auch ein wenig der Mief des Abgestandenen, trotz aller ehrenwerten Bemühungen innovativ sein zu wollen. Gibt es sowas wie Stillstand im Innovativen? Es drängt sich nach 20 Jahren die Vermutung auf, Outreach ist die Sommerfrische von Franz Hackl und seinem engen musikalischen Freundeskreis, der sich im Jahreswechsel ein paar Musikfreunde dazu einlädt… Das Publikum ist zwar immer wieder gefordert und kann fallweise Blitzlichter des Jazz (und mehr) erleben. Aber das Publikum scheint von Outreach auch in die Rolle der notwendigen und gelittenen Staffage verwiesen zu sein: Outreach ist vornehmlich die Bühne dieses Hackl’schen Freundeskreises, dem Jahr für Jahr mit sehr viel Subventionen des Steuerzahlers ein angenehmer Sommer beschert wird. Und das Publikum darf zuhören… Das ist auch eine (vielleicht zu sehr) elitäre Form eines Festival-Ansatzes.
    Erwin Schwaiger

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