Ein globales Menü für viele Geschmäcker

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Für die diesjährige „À La Carte Globalization“ hat Hackl ein delikates, vielgängiges Menü zusammengestellt, von dem sich manches genüsslich schlürfen, anderes nur schwer kauen oder vielleicht gar nicht schlucken lässt. Es geht dem Jazz sei Dank politisch zu, und da soll auch gar nicht alles so leicht konsumierbar sein.
Begonnen hat das Festgelage gestern, am Donnerstag, mit einem enormen Aufgebot an Blech und einer politischen Ermahnung. Enden wird es am Samstagabend mit einer nicht ganz leicht verdaulichen Trump-Satire. Wenn die Künstler dürfen, sind sie schon auch politisch. Dazwischen finden sich Exotica und Skurrilitäten nebst ein bisschen tradtioneller Kost, Resteverwertung und Schmankerl aus der Ecke „regional und bio“.

Der Jazz als Utopie

Eröffnet hat nebst der üblichen Politikerriege ein wahrhaft Politischer: Craig Harris, an der Posaune, vor allem aber als um keinen Kommentar verlegener Dirigent, führte mit einer internationalen Big Band seine jüngste Kreation „Breathe“ auf, die an das Zersplittern der Gesellschaft – besonders der amerikanischen, die ihren Race Bias immer noch nicht überwunden hat – gemahnt.
Würde eine Gesellschaft doch nur funktionieren wie diese Brass-Band, denke ich irgendwann: Ein chaotischer Haufen, in dem sich doch alle gegenseitig respektieren, in der man sich auf eine Grundharmonie geeinigt hat, aber auch Ausreißer gewähren lässt. Wenn sich die Dinge ineinander fügen und alle an einem Strang ziehen, dann (scheinbar) spontan und ohne viel Gehabe. Wer an individualistischen Anwandlungen leidet und unbedingt ein Solo spielen muss, ist nur eine Bereicherung. Manchmal mault einer zurück, Dialoge und Konversationen enstehen, bis ein Dritter meint, dass er jetzt auch mal was zu sagen hat.
Und auch der große Chief, Craig Harris himself, ist keine humorlose Führungsgestalt, sondern hat seinen Platz im großen Ganzen – beizeiten zückt er sogar seine Posaune und mischt sich fröhlich unters Volk. Da ist bei Künstlern wie Politikern selten und erfrischend.
So wie sie sich hier darstellt, ist Kunst, ist Musik, vielleicht der einzig wirklich gewaltlose Protest, weil sie nicht mit dem Finger zeigt und anklagt, sondern einfach still und leise, oder, wie hier, laut und selbstbewusst ein Gegenmodell hinstellt. „Breathe“, einfach atmen, ein und aus, und dann etwas Produktives damit machen – zum Beispiel ein Saxophon spielen.
Denn das diesjährige Outreach heißt auch „Creating Tomorrow’s Hope“ und so werden neben Musik auch Gedichte von Franz Schuh performt – zwischen Zynismus und Pathos kontempliert er über die Hoffnung. Und kommt zum Schluss, dass „es alles, was man hoffen kann, schon gibt – man muss es nur glauben und/oder kaufen“. Zum Beispiel Festivalkarten…

Fusionsküche: Jazz, Folk, Klassik…

Was darauf folgt, ist quasi „vegetarisch“, also unpolitisch, ohne Blut und ohne Protest. Lucia Cadotsch macht mit ihrem Projekt Speak Low Musik, die so schön ist, dass man sie am besten gar nicht essen sollte. Sie zeigt, wie der Jazz zwischen Kurt Weil und Schottischen Volksliedern die zartesten Blüten treibt. Unvergleichlich ist Cadotschs Stimme, die immer in luftigen Höhen und Regenwolken schwebt, während ihr Kontrabassist Petter Eldh tut was er kann, um die Sache ein bisschen zu erden. Das Tenorsax dazu klingt, als würde es ein Colin Stetson spielen: Oft mehr Folk als Jazz. Das ist spannend und wunderschön. Am 13. November ist das Konzert auf Ö1 nachzuhören.
Mozart’s Nightmare im Anschluss gab dann noch einen üppigen Vorgeschmack auf die zweite Schiene, die da heißt: Verkochen, was aus der österreichischen Hoch- und Volkskultur übrig geblieben ist. Mozart aufjazzen heißt das. Für Mozart selbst wäre das wohl kaum ein Albtraum, Pianist Wegscheider erinnert an Milos Formans durchgeknallten Amadeus – vielleicht aber für das Publikum der Salzburger Festspiele, wer weiß. Ich würde das Outreach in jedem Fall vorziehen.
Mit Indian Air wird dann noch das Exotik-Thema angerissen – Sitar inklusive.
Jetzt heißt es Selbstbedienung: Abendkarten sind noch für beide verbliebenen Tage zu haben, je € 39, aber mit sehr vernünftigen Ermäßigungen für Studenten, Senioren, Ö1- und TT-Club-Mitglieder. Die Highlights der nächsten zwei Tage?
Am heutigen Freitag gibt es einen Generationen-Mix: Nach dem blutjungen Pianisten Jakob Zimmermann tritt das Saxophon- und Klarinettenurgestein David Murray auf. Das gibt es in Tirol nicht oft und sollte deshalb auch nicht versäumt werden. Spätabends spielt das ganze, große Outreach-Orchestra auf, während Chanda Rule dazu jault.
Der Samstag hat einen humoristischen Anstrich: Mit JÜTZ tritt eine selten originelle Tirol-Schweiz- sowie Jazz-Volksmusik-Fusion auf. Begleitet werden die drei Jungen von den Alpbacher Bläsern. Später gibt es von Schriefl – Wegscheider einen durchgeknallten Eintopf aus Alpenländischem und Amerikanischem: Jazz und Spinnereien aus dem Alpenland heißt das dann. Auch das Grand Finale, die vertonte amerikanische Innenpolitik, genannt Trump, am späten Samstagabend sollte man sich nicht entgehen lassen – wenn man sich noch nicht daran überfressen hat.

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