Für einen Common Sense (aus) der Vielfalt

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Jahr um Jahr schafft es Franz Hackl wieder, für sein Outreach Festival Künstlerinnen und Künstler nach Schwaz zu bringen, die im Jazz ganz, ganz oben mitmischen. Nötig hätte er das nicht – Hackl lebt seit nunmehr Jahrzehnten als Trompeter in New York, in einem ziemlich anderen Kontext als dem, den wir hier gewohnt sind. Wir müssen ihm wirklich dankbar sein.
Und uns bereitwillig auf das einlassen, was das Motto „Violate Common Sense: Particularity – Soul“ so alles impliziert, andeutet, an Fragen aufwirft.


Ist der Jazz gezähmt?


In Zeiten der maßlosen particularity, der Fragmentierung auf allen Ebenen, in der der ehemalige common ground immer mehr zum Niemandsland verkommt – das bekommen wir in Europa besonders schmerzhaft zu spüren – ist die Frage nach der politischen Rolle der Kunst eine entscheidende.
Und stößt beim Anblick der vielen gut betuchten, völlig leidenschaftslosen Eröffnungsbesucher schon wieder sauer auf. Bewegt sich der Jazz im 21. Jahrhunderts noch immer auf der dünnen Linie zwischen Establishment und Subversion, oder ist er schon längst in Richtung Establishment gekippt?
Das Programm, das Hackl und sein Team in diesem Jahr aufgestellt haben, will das entschieden verneinen.
Da finden sich so unkonventionelle Performances wie die von der Özlem Bulut Band, die den Begriff des „Austro-Pop“ durch die Fusion von Jazz, Ethno und Rock endlich revolutionieren; Scattah Brain kombiniert klugen, textlastigen Hip-Hop mit komplexem Jazz – und da wird es schon dezidiert politisch; das Comp Cord Ensemble exploriert mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, was die moderne Musik Mozart zu verdanken hat und was man so alles mit ihm anstellen kann – dafür gibt er sich sehr bereitwillig her; Mostly Other People Do The Killing zerlegen den Jazz in seine unterschiedlichen Bestandteile und setzen ihn auf völlig überraschende Weise neu zusammen – das tun sie gleichermaßen respektlos wie humorvoll.
Wie ist es also zu verstehen, wenn die Schwazer Kulturreferentin das Outreach salbungsvoll als locker-flockige „Zusatzveranstaltung“ neben den Klangspuren und dem Silbersommer bezeichnet? Als reine Frotzelei? Nun, die Kunst mit gnädiger Anerkennung zu zähmen, war immer schon der wirkungsvollste Weg, sie ihrer Explosivkraft zu berauben. Aber die Stilisierung zur „reinen“ Kunst ohne Gesellschaftsbezug steht dem Jazz traditionell nur bedingt gut.
Als Jahson The Scientist von Scattah Brain gegen Mitternacht viel Kluges über Regeln und Konventionen zu sagen hat – „The question is: Are you ready to break them?“ – sind aber alle Herrschaften aus der Privatwirtschaft, alle ausgedienten Bundes- und emporstrebenden Landespolitiker, sogar der immerhin gebildete, aber trotzdem tödlich fade Festredner Erhard Busek, längst bei wichtigeren Terminen.


Ein würdiges Opening


Trotz dieser unangenehmen Unterbrechungen durch das Establishment, hielt auch der Eröffnungsabend alle inhaltlichen und ästhetischen Versprechungen.
Die (pre-)Opening-Band, das Tiktaalik Quartett, macht in klassischer Besetzung (am Bass: Clemens Rofner) Jazz von erfrischender Klarheit, der, wenn schon nicht „cool“, so doch immer wieder sehr nachdenklich anmutet, zumal die Kompositionen von Pianist Lukas Lackner. Suchmaschinen spucken beim Schlagwort „Titaalik“ vor allem Informationen zum namensgebenden Süßwasserfisch aus – Album gibt es vom Quartett leider noch keines, aber im Auge behalten kann man es doch.
Das darauffolgende Blasmusik-Medley, für das der Chef persönlich eine seiner Hackl-Trompeten auspackte, wurde vom Künstler Reinhard Artberg performativ begleitet und hin und wieder vom Busek’schen Geschwätz unterbrochen. Als Eröffnungsritual war es trotzdem gelungen.
Für den zweiten, deutlich entspannteren Teil des Abend übernahm vor allem Gitarrist Andi Tausch das Ruder und trat mit drei verschiedenen laufenden Projekten unterschiedlichster Ausrichtung auf – wunderschön und zart mit Pianist Martin Reiter, etwas hitziger im Quartett The Flow und ziemlich aufsässig mit Scattah Brain. Vor allem in dieser letzten Kombination kann Tausch schön demonstrieren, wie viel subversive Kraft der Jazz auch heute noch hat, wenn er mit anderen Genres fusioniert.
Zwischendurch trat dann noch Alex Machacek, für diese Gelegenheit eigens aus L.A. eingeflogen, mit seinem Fat Powertrio, in einer Performance, die gar nicht „zwischendurch“ war, sondern sehr ausgereift, charakterstark und vor allem spannend. Machacek ist vor allem bekannt für seine Soundexperimente, und so kommt der Jazz beizeiten auch sphärisch und versonnen daher. Ganz hervorragend!


Fisch oder Vogel?


Wie steht es nun also mit dem Common Sense? Ist das Outreach mit seinem mehr als vielfältigen Programm einfach als postmodernes Sammelsurium von partikulären Kleinprojekten zu sehen?
Hackl möchte das Festivalmotto ganz anders verstanden haben: Musik ist ein eigenes Sprachspiel in einem Global Village von unzähligen Common Senses. Musik kann Kommunikation und Verbindung herstellen, sie hat „Soul“, nicht weil sie auf Einheit gründet, sondern weil sich jeder auf andere Weise darin wiederfinden und einbringen kann.
Eine großartige Einrichtung ist deshalb auch die jährlich stattfindende Outreach Academy, die nicht zuletzt für größeren Kontakt mit den Künstlern und der Künstler untereinander sorgen soll. Hier unterrichten Größen wie Sängerin Chanda Rule, Gitarristin Jane Getter und Posaunist Craig Harris.
Für Tirol ist das Outreach also unweigerlich eine enorme Bereicherung, ungeachtet der Frage, was es genau darstellen oder repräsentieren möchte, was der gemeinsame Nenner ist.
Mit Reinhard Artbergs herrlicher Illustration für das Programm könnte man außerdem erstmal anders: Ist das Outreach eher Fisch oder Vogel? Tiktaalik würde auf jeden Fall auf „Fisch“ hindeuten, Özleme Bulut eher auf „Vogel“. Das Wunderbare am Outreach: Es ist nicht irgendetwas Schwammiges, Undefinierbares dazwischen. Es ist einfach beides zugleich. Klug, offen und demokratisch. Dabei durchaus nicht immer wohlklingend oder harmonisch. Das kann Jazz auch im 21. Jahrhundert noch leisten.


Highlights


Es lohnt sich, das gesamte Programm einmal durchzusehen und zumindest für einen der verbleibenden Festivaltage in Schwaz vorbeizusehen. Der heutige Freitag gehört, neben einem Solokonzert von Pianist Adam Holzman in erster Linie den Frauen: Mit Rebekka Bakken und ihrer herausragenden Stimme, die nach Özlem Bulut, wie sie es bei Jazzfestivals gerne tut, mit Big Band auftritt, wird man sehr entspannte Stunden verleben können. Hinterher wird die nicht weniger großartige Sängerin Chanda Rule mit Orchester auftreten. Am Samstag kommen die experimentelleren Formate zum Zug: Das schon erwähnte Projekt The Mozart Influence ist neben Mostly Other People Do The Killing vermutlich der interessanteste Programmpunkt. Aber auch Jane Getter, die sich mit ihrer Band heute zwischen Jazz und Prog Rock begegnet dürfte sehr hörenswert sein.
Das Outreach Music Festival findet noch am 5. und 6. August statt. Karten sind hier oder an der Abendkassa erhältlich. Von 11. bis 13. August sind noch einige post-Festival-Veranstaltungen geplant: Zwei DJams in der Café Bar Ulli’s und ein Open-Air-Konzert.

Titelbild: (c) Outreach, Reinhard Artberg

1 Comment

  1. Geehrte Frau Susannah Haas, gerade…zuggeben etwas spät – bin ich auf diesen Artikel gestossen. Mein Kompliment für die treffenden Worte.
    Würde mich freuen, wenn ich Sie hin und wieder über meine künst. Aktivitäten informieren darf.
    Mit freundlichem Gruss, Reinhard Artberg

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