Von ausgebliebenen Weltpremieren und desinteressierten Zuhörern

8 Minuten Lesedauer

Jugend trifft Alter


„Bonanza“ trifft auf die „Innsbrucker Festwochen der Alten Musik“. Das ergibt Reibflächen, die sich herrlich und überaus produktiv in kreative Energie umwandeln lassen. Zumal mit „Elektro Guzzi“ echte Könner am Start sind. Die Musiker dieses Projektes waren in den letzten Jahren schon mehrmalig als notorische Genre-Hopper auffällig geworden.
Nicht einmal experimentelle Jazz-Festivals und wildgeworden Impro-Musiker waren in der Vergangenheit vor ihren Klangflächen und Beats sicher. Es durfte somit im Vorfeld der „Sommerfantasien“ davon ausgegangen werden, dass sich die Band über die Jahre ein reichhaltiges und differenziertes Ausdrucks- und Klang-Repertoire erspielt und angeeignet hat, mit Hilfe dessen sich sogar auf verkopfte und verzopfte Barockmusik in Live-Situationen adäquat reagieren lässt.
Erste Reibungen ergaben sich aber schon vor dem Konzert. Der Hinweis an der Abendkasse im Innsbrucker „Treibhaus“, dass vor dem Konzert von Elektro Guzzi noch ein DJ-Set aus dem Hause „Tyrolean Dynamite“ zu erleben sei, sorgte für lange Gesichter seitens so mancher Besucher jenseits der vierzig.
Ob diese Reibung bereits produktiv war, lässt sich nachträglich nur schwer eruieren. Fakt ist aber, dass die Situation angenehm für diejenigen war, die sich die Zeit bis 21:00 zum eigentlichen Konzert mit einem Gläschen Bier vertrieben. Aufgrund der zwei gewichtigen Namen „Bonanza“ und „Tyrolean Dynamite“ wusste das Publikum unter dreißig zum Glück bestens, wo es sich um knapp nach 20:00 einzufinden hatte. Was wiederum den Bierkonsum im Café vor Ort erleichterte und die Wartezeit erheblich verkürzte.
Auf die sich erst gegen 21:00 im Treibhaus-Turm einfindenden Gäste wartete eine übervolle Konzert-Location. Fragen, ob man sich unters tanz- und feierwütige Partyvolk mischen sollte oder sicherheitshalber doch all das aus sicherer Distanz beobachten wollte mussten raschest geklärt werden. Tendenziell fanden sich die älteren Gäste weiter oben ein, während die jüngeren Zuhörer sich direkt im Geschehen wiederfanden. Die Platz- und Ortswahl wurde somit nicht nur zu einer Frage der eigenen Präferenz, sondern zu einem Bekenntnis.


Alte Musik in neuen Schläuchen


Die Zeichen standen auf Tanzbarkeit und Jugendlichkeit. Erste Beats setzten ein. Die Grooves und Sounds von Elektro Guzzi haben tatsächlich einen hohen Wiedererkennungswert. Die Tatsache, dass hier elektronische Musik auf das gute alte Handwerk traf machte sich bezahlt. Ein Fehler ist es jedenfalls nicht, wenn man als ein sich der Klang-Bastelei verpflichtet fühlendes Ensemble Gitarre, Bass und Schlagzeug spielen kann. Mithin wird damit eine überraschend organisch und lebendig klingende Form von „Techno“ zelebriert.
Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand. Im Gegensatz zu so manchem reinen Laptop-Act lässt sich als live agierende Band verstärkt auf Entwicklungen in der Live-Situation eingehen. Auch die Option tatsächlich mit „genre-fremden“ Musikern in einen Dialog zu treten ist dadurch vorhanden.
Bevor man sich aber auf die Musikebene einließ fielen bereits einige Zeichen und Codes auf, die durchaus unüblich für ein Konzert waren, das im Rahmen der „Innsbrucker Festwochen der Alten Musik“ stattfand. Dass Gitarristen im Kontext von Indie-Pop-Electro-Rock auf der Bühne Dosenbier trinken verwundert an sich nicht. Dass aber selbst die Harfenistin mehr als nur einmalig nach diesem beliebten Kaltgetränk griff und daraus trank verwunderte und ließ das musikalische Unterfangen schon einmal gleich viel frischer und jugendlicher wirken. Auch die Kleidung hatte sich dem „Crossover-Unterfangen“ angepasst und war zwar chic, aber deutlich legerer als sonst üblich.
Das Setting bei diesem Musik-Experiment ist leicht beschrieben: Besagte Band trifft auf drei Musiker aus dem Bereich des „Originalklangs“ und der der „Alten Musik“. Das wären Margret Köll an der Harfe, Walter Rumer an der Violone und Herbert Walser-Breuss an der Barocktrompete.
Vorher gegangene Befürchtungen, dass die angekündigte Weltpremiere der Symbiose von Barockmusik und Elektronischer Musik so gar nicht stattfinden würde bestätigten sich anfangs. Harfenklänge und Trompeten-Sounds über meditative und zugleich infektiöse Beats zu legen erwies sich als wenig innovativ. Die Tatsache, dass sich die Harfenistin dazu hinreißen ließ unüblich energisch und klangmalerisch über die Saiten zu streichen machte ebenfalls kein Neuland wett.
Enttäuschend war letztlich auch das Repertoire, aus dem Elektro Guzzi schöpfte, wenn es darum ging mit den drei Barockmusikern live zu interagieren. Aufgrund der erhöhten Effektgeräte-Dichte war es natürlich nahe liegend, Motive zu sampeln, zu loopen und auf diese dann wiederum gemeinsam zu reagieren. Aus technischer Hinsicht durchaus eindrucksvoll wurden hier Schicht auf Schicht aufgetragen und in absolute Tanzbarkeit überführt. Letztens Endes agierten Elektro Guzzi allerdings oft nur allzu grobschlächtig und im Verlauf des Konzertes auch zusehends einfallslos und vorhersehbar.
Womöglich war die gemeinsame Probezeit zu kurz um sich tiefer gehend auf die je anderen Musikwelten einzulassen. Unter Umständen fehlte auch von einer Seite dieses Projektes das musikalische Verständnis was Struktur und Harmonik von „Alter Musik“ betraf. Denkbar aber auch, dass das letztlich am musikalischen Gehalt weitestgehend uninteressierte junge Publikum einem komplexeren Dialog einen ganz gewaltigen Strich durch die Rechnung machte.
Dieses fühlte sich jedenfalls bemüßigt, in den wenigen Passagen, in denen tatsächlich „Alte Musik“ gespielt wurde, laut und respektlos über Belanglosigkeiten zu reden. Die Lautstärke schwoll dabei immer wieder so sehr an, dass vor allem zarte, leise Harfen-Passagen vollends im Publikumslärm untergingen. Einsetzende Beats wurden hingegen mit übermäßiger Euphorie bejubelt. Der sich vor allem in den ersten Reihen versammelnde jüngere Teil des Publikums war sichtlich nicht zum Zuhören, sondern zum Tanzen und zum Feiern gekommen.


Fazit


Die angekündigte Sensation blieb aus. Die Weltpremiere fand erst gar nicht statt – oder nur phasenweise. Gelungene Passagen mischten sich mit allzu viel Vorhersehbarem und Konventionellem. Es ist vorstellbar, dass dieses Musik- und Klangexperiment unter einem aufmerksamerem Publikum tatsächlich funktionieren hätte können. Zweifellos hätten die Musiker auch mehr Vorlauf- und Probenzeit benötigt. Die Ansätze waren aber löblich. So löblich, dass man sich eine Fortsetzung dieses potentiell bemerkenswerten Projektes unter anderen Vorzeichen wünscht. Es könnte so schön werden. Im besten Fall gar eine Weltpremiere und eine kleine oder mittelgroße Sensation.


Impressionen


Sommerfantasien Impression 1
(c) Flatz / Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

 
Sommerfantasien Impression 2
(c) Nardi / Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

 Titelbild: (c) Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. du makko iaz los amol los des treibhaus ind ruah sinscht krochts obr ghörig sell sog i dr galling no amol eini. iaz tat i dr die leffl long ziachn oan hebn geahsch a nie du lümml

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code