Der Gott der unheiligen Dinge

8 Minuten Lesedauer

(c) Asaf Avidan

We’re nothing but post-modern art

Wahrscheinlich kennst du, der du über diesen Text gestolpert bist, ihn ja. Unfreiwillige Berühmtheit. 2012 drehte der Berliner DJ Wankelmut Asaf Avidans „Reckoning Song“ durch den Remix-Fleischwolf. „One day, baby, we’ll be old / Oh, baby, we’ll be old“, das Radio rauf und runter. Eine idiotisch simple Liedzeile von einem Songwriter, der Leonard Cohen Konkurrenz macht, oder ihn zumindest als sein größtes Vorbild nennt.
Avidan war unglücklich mit diesem „One Day Remix“. Er wurde nicht gefragt. Man hatte sein geistiges Eigentum geklaut. Wer ihn einmal live gesehen hat, weiß, dass Asaf Avidan nicht House ist, nicht radiotauglicher Dubstep-Pop. Er ist Punk. Er ist Sidecut, weißes Unterhemd und Doc’ Martens. Er ist der völlig entfesselte Weltschmerz. Er ist Janis Joplin kurz vor der Überdosis. Er ist Bob Dylan kurz vor der Konversion. Er ist ein kleiner Mann mit Gitarre, der die ganze Scheiße, die man als Mensch so durchmacht, einfach mal rausschreit. „It hurts like a jet plane taking off“. Und dann wird er wieder ganz sanft und nachdenklich.

One boy grew up different from the rest

Den „Reckoning Song“ spielte Asaf Avidan noch mit seiner Band, den Mojos. Mit dieser Gang aus Banjo-Spielern und Violinistinnen inszenierte er sich vor drei Alben noch als schräge Zirkustruppe. Mitten drin er selbst als der wundersame Junge, der ohne Herz lebt. „Some said poor boy / Some said lucky man“, singt er auf seinem letzten Album mit den Mojos, von dem es zwei Versionen gibt. Eines heißt „Poor Boy“. Und eines „Lucky Man“. Dasselbe Album. Nur Ansichtssache. Und so ist es mit allem im Leben, auch mit dem Fallen. Man kann daraus lernen, oder eben nicht.
So ist es sogar mit dem Tod, der uns wie ein Baum aus der Brust wächst und auffrisst, findet Avidan, der ganz jung an Lymphdrüsenkrebs erkrankte. „But if that tree had not drunk my tears I would have bled and cried for all those years that I alone have let them pass“, heißt es auf „Different Pulses“ von 2013.
Der Krebs war nur der Gipfel einer irgendwie traumatischen Jugend. Als Sohn israelischer Diplomaten lebte Asaf Avidan seine ganze schwierige, schmerzhafte Kindheit hindurch mal hier, mal dort. In Jamaika hat er sich den unverkennbar amerikanischen Akzent angeeignet. Woher der Sinn für Poesie kommt, weiß man nicht genau. Aber bei Avidan bestätigt sich das Klischee, dass der Kunst immer das Leiden vorausgeht, die Sensibilität und der dauernde, tiefschürfende Weltschmerz.

No more tears, my heart is dry

Politisch ist er aber nicht. Nur ganz selten, nur am Rande, nur da, wo der Mangel an Liebe eben nicht nur intime Beziehungen, sondern diese ganze beschissene Welt kaputt macht. Sein Verhältnis zu Israel brachte der ewig heimatlose Avidan schon vor Jahren mit der Songzeile „I think I’ll pack up all my shit and cross to Palestine“ auf den Punkt. Als er 2015 im Interview verkündete, dass Israel von einer Atmosphäre der Angst geprägt sei und er dort sicher nicht leben wolle, wurde er von seinen Landsleuten dennoch heftig kritisiert. Inzwischen lebt er doch wieder in Tel Aviv. Alles hat zwei Seiten.
Nach der Trennung von den Mojos nahm Asaf Avidan sein erstes Soloalbum auf. Weniger Folk, mehr Elektro. Weniger Märchen, mehr Trash. Das Musikvideo zu „Love it or leave it“ ist für YouTube eindeutig nicht jugendfrei. Avidan fing an, in guter Leonard-Cohen-Tradition alleine mit seiner Gitarre und einigen ebenso hübschen wie kühlen Background-Girls aufzutreten.
Vor zwei Jahren folgte „Gold Shadow“, voller abgefuckter Liebeshymnen, die einem als Frau dezent die Haare zu Berge stehen lassen. „I love you like a Jew on the run / I love you like a hand my gun“. Nein, danke, lieber nicht. Kein Wunder, dass das mit den Frauen nicht ganz so klappt. Aber immerhin verdanken wir der ersten großen Trennung auch das erste Album, wie er live freimütig und ausführlich erzählt.
Die neue „Study in Falling“ gibt sich irgendwie abgeklärter, irgendwie erwachsener. Reduzierter im Sound, keine dramatischen Violinen und stöhnenden Mädchen im Hintergrund, wie auf „Gold Shadow“. Keine alttestamentarischen Trompeten und schmerzhaften E-Beats mehr wie auf „Different Pulses“. Man gewöhnt sich doch an das Elend. Und kokettiert locker mit dem eigenen Hang zur Suizidalität. Die Schlinge um den Hals will einfach nicht so recht. Aber kann man sich als Mensch wirklich ändern? Nope. Auch diese Hoffnung muss man aufgeben. „I’m in love again with my old pain“, hebt die erste Single des neuen Albums an. Wenn alles scheitert und in die Brüche geht, bleibt doch die einzig treue Geliebte, die gute, alte Verzweiflung.

You let go, and I let go, too

Asaf Avidan glaubt verzweifelt an die Liebe, weil er nicht anders kann. Und er weiß trotzdem wie unvollkommen sie oft ist, diese Liebe, und wie lächerlich. Als ihm ein Münchner Groupie in einem Konzert hysterisch „I love you!“ zubrüllt, antwortet er süffisant: „I love you too, baby. This time it’s the real thing. I’ll see you backstage.“ Weil es meistens eh nicht klappt, mit der Liebe. Wir Menschen sind zu unterschiedlich, zu sehr in uns selbst gefangen. Unser Goldenes Kalb, heißt es auf dem neuen Album etwas pathetisch, sind wir meistens selbst. Aber es bleibt einem verdammt nichts anderes übrig, als es zu versuchen.
„I try to push to colors through a prism back to white / To sync our different pulses into a blinding light“. Und das kann nur über die Liebe funktionieren, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Es muss nicht unbedingt die romantische Liebe sein. Es kann auch die Freundschaft zwischen zwei verrotzten kleinen Jungs sein, wie im Video zu „Different Pulses“. Und wenn man auf die Schnauze fällt? Meine Güte. So dramatisch wie in der Musik ist das Leben am Ende dann doch nicht.

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