Plattenzeit #3: Burzum – Filosofem

7 Minuten Lesedauer

Varg Vikernes und Burzum


Ja, eh. Der Kopf hinter der Ein-Mann-DIY-Band Burzum, Varg Vikernes, ist kein guter Mensch. Manche bezeichnen ihn gar als Neo-Nazi. Klar ist, dass seine neuheidnische Ideologie zu nichts Gutem geführt hat. Selbst nach seinem langjährigen Gefängnisaufenthalt bezeichnet sich Vikernes außerdem selbst offen als Rassist. Auch dass er in Norwegen ein paar Kirchen angezündet hat und dass er ein Mitglied einer anderen Black-Metal-Band brutal ermordete kann gegen ihn verwendet werden.
Die Gründe sich nicht mit diesem Menschen und seinem musikalischen Output zu beschäftigen sind somit zahlreich. Wenn da nur nicht das Album „Filosofem“ wäre, das in diesem Jahr 20 Jahre wurde. Dieses ist, mit Verlaub und bei aller gebotenen Vorsicht angesichts der Ansichten des Machers, ein Meisterwerk der dunklen und allzu dunklen Tonkunst.
Es ist zweifelhaft, ob sich die auf diesem Album befindliche Tonkunst als „Black-Metal“ kategorisieren lässt. Möglicherweise gefällt diese Platte nämlich auch Industrial-Mögern und auch ein paar Ambient-Fuzzis können sich wohl zumindest auf den Track „Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität“ einigen. Spätestens beim Lesen dieses Titels sind vermutlich auch pseudo-intellektuelle Philosophie-Langzeitstudenten mit an Bord.
Die Musik ist jedenfalls schwer auf ein bestimmtes Genre festlegbar. In Sachen Ästhetik und Produktionsbedingungen ist diese Platte aber Black-Metal wie nur was. Man schrieb das Jahr 1993. Ein junger, in sozialer Hinsicht eher gehandicapter Norweger stellt sich in das „Breidablik Studio“ und rotzt in wenigen Stunden dieses Album ein.
Klar, Hass vergeht, muss also möglichst ungefiltert in kurzer Zeit auf Tonband gebannt werden. Da bleibt keine Zeit für zahlreiche Effektgeräte und ein gutes Mikrophon. Ein Fuzz-Pedal, bis zum Anschlag durchgetreten und ein Headset für den Gesang reichen Vikernes in diesem Fall um „Filosofem“ einzuspielen. Ausgefeilte Arrangements mögen andere haben. Von technisch ausgefeiltem Death-Metal ist diese Platte so weit wie nur irgendwie denkbar entfernt. Vikernes spielt alle Instrument selbst, legt Gitarrenspur über Gitarrenspur und kreischt dazu infernalisch. Wer über Soundästhetik nachdenkt und nach Perfektion strebt verliert.


„Filosofem“ und seine Ideologie


Textlich geht es zur Sache. Und nein, es gibt nicht um Nazi-Kram. Aber Menschenfreund ist Vikernes dennoch keiner. Paradigmatisch beginnt das Album mit dem Titel „Dunkelheit“, weiter geht es mit „Jesus Tod“. Wer in der Dunkelheit lebt und weiß, dass Jesus und damit wohl auch Gott tot ist, hat nicht mehr viel zu verlieren. Möglicherweise bleibt ihm aber Zeit um über die eigene „Gebrechlichkeit“ nachzudenken. Dieses Motiv ist so zentral, dass es gleich zwei Titel mit diesem klingenden und locker-leichtem Thema gibt.
Im ersten Track dieses Namens kommt eine Textzeile vor, die sich etwas holprig so übersetzen lässt: „Tränen aus den Augen so kalt, Tränen aus den Augen, in das Gras so grün. Als ich hier liege, wird die Bürde von mir genommen für immer und ewig, für immer und ewig.“
In „Erblicket die Töchter des Firmaments „singt“ Vikernes: „In jeder Nacht ist das Schwarz anders, in jeder Nacht wünsche ich mir die Zeit zurück, in der ich durch die alten Wälder ritt.“
Nun würde man diese Wald-und-Wiesen-Lyrik nicht von einem verurteilten Mörder und bekennenden Rassisten mit Hang zu neonazistischem Gedankengut erwarten. Eher klingt das nach einem jungen Mann, der lieber im Gras liegen und durch die norwegischen Wälder streifen möchte als Kirchen anzuzünden und Menschen zu ermorden.
Irgendetwas ist wohl ordentlich schief gelaufen im Leben von Varg Vikernes. Und auch obige Textstellen lassen sich dahingehend interpretieren, dass Vikernes einer ideologisch problematischen, rückwärtsgewandten und reaktionären Ideologie anhängt. Norwegen, das von Mythen und Wäldern geheimnisvolle umrankte Land, sollte sich für ihn im besten Fall wieder rückbesinnen. Andere Meinungen, andere Kulturen und böse Kirchen haben da natürlich keinen Platz. Weg mit den Kirchen, her mit dem neuen Heidentum. Nur dann lässt sich gemütlich durch Wälder reiten, alten Mythen anhängen und gemütlich im Gras liegen.
Obige Interpretation wird vor allem durch die Biographie von Varg Vikernes nahe gelegt. Tatsächlich lässt sich „Filosofem“ aber auch als anständiges Dokument des Hasses, der Weltabgewandtheit und der Verzweiflung verstehen. Man muss kein Neo-Nazi, Mörder oder Kirchenanzünder sein, um „Filosofem“ zu mögen. Die Vocals von Vikernes sind auf diesem Album mit die eindrucksvollsten, die in diesem und verwandten Genres hervorgebracht wurden. Die Gitarren sind außerdem der Inbegriff von Rohheit, Primitivität und Aggression.


Fazit


Es bleibt natürlich die Frage, ob man eine Platte wie diese als autonomes Kunstwerk betrachten darf oder ob automatisch der Kontext und die Geschichte des Machers Einzug hält und Einzug halten muss. Das sollte jeder für sich entscheiden.
Fakt ist aber, dass diese Platte, in geringen Dosierungen genossen, ein perfektes Heilmittel ist, um mit seinen eigenen Aggressionen und misanthropischen Zügen zurecht zu kommen. Es ist das Ton-Dokument eines Menschen am Abgrund, mit dem man aus biographischer Sicht eigentlich kein Mitleid haben kann. Trennt man aber die reale Person und sieht sich die auf dieser Platte manifeste Person als fiktiv oder halb-fiktiv an, dann kommt man nicht um Bewunderung umhin. Da hat sich ein Mensch so weit in die menschlichen Abgründe vorgewagt wie wenig andere.
„Filosofem“ ist und bleibt umstritten. Aber die Platte ist ein musikalischer Meilenstein. Ein wichtiger Schritt nicht nur für den damaligen Black-Metal, sondern für die Musik insgesamt.

Hier geht es zu der vorangegangenen Folge von "Plattenzeit"

Zum Reinhören



Titelbild: Theodor Kittelsen / Wikipedia, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

2 Comments

  1. Im Übrigen lieber Markus, das ist wirklich die genialste Plattenrezension, die ich je gelesen habe. Und danke nochmals für den Tipp.

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