Dirty Campaigning oder dürfen Kinder Wahlwerbung machen?

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(c) Eleleleven, vertrag-130407_014.jpg, flickr.com

von Marion Schöpf


Seit einem unangenehmen Erlebnis in der Haller Altstadt aber nimmt das Dirty Campaigning für mich neue Dimensionen an. Nicht andere mit Dreck zu bewerfen, sondern „dreckige Wahlwerbung“ im Sinne des Einsatzes schmutziger, wenn man will unlauterer Wahlkampfmethoden ist der neue Weg, so scheint es.
Anlass zu diesen Überlegungen gab folgende Situation: Wir beobachten, wie ein junger Mann, etwas phlegmatisch agierend, darauf wartet, dass ihn interessierte Bürgerinnen und Bürger ansprechen und um den „Ich-unterstütze-Sebastian-Kurz-Bilderrahmen“ zur politischen Aufhübschung eines Selfie bitten werden. Er selbst spricht niemanden an. Es gesellen sich dann zu ihm eine junge Frau und zu unserem Erstaunen, ein Kind. Der Bub, wir schätzen ihn auf circa zwölf Jahre, ist wesentlich aktiver. Er spricht mit einem Klemmbrett in der Hand bewaffnet tapfer Passanten an und bietet um eine Unterschrift. Es gibt durchaus Menschen, die nicht zögern zu unterschreiben.
Wir fühlen uns bei der Beobachtung der Szene unentspannt. Wie alt mag er sein, fragen wir uns. Ist das normal? Bald werden wir selbst von dem jungen Kerl angesprochen. Kindliche Bubenstimme, von einem Stimmbruch weit entfernt und kein Bartwuchs. Kindergesicht. Auf seinem T-Shirt prangt der türkisene Button der Liste Kurz. Wir beginnen eine Unterhaltung:

„Du unterstützt also Sebastian Kurz?“

Seine Augen leuchten. „Ja, ich unterstütze Kurz!“

„Und warum genau?“

„Ja, wegen seiner Ansichten und der ganzen Aufmachung“.

„Aha, und was genau findest Du gut?“

„Seine Flüchtlingspolitik vor allem!“

Der Bub ist immer noch euphorisch. Wir dagegen fühlen uns zusehens unwohl in unserer Haut. Wenn ein Kind, wohlbehütet, vermutlich aus bürgerlichen Verhältnissen, von Flüchtlingspolitik spricht, irritiert das schon ganz ordentlich. „Und was an seiner Flüchtlingspolitik findest Du gut?“ Nun wird der Kleine unruhiger. Sein Blick schweift an uns vorbei, flehend den des anderen Wahlkämpfers suchend. Er stammelt und lacht nun nicht mehr. Ich hake nach: „Du findest es also gut, die geflüchteten Menschen wieder nach Nordafrika zurückzuschicken?“
Nun ist er endgültig überfordert, er tut uns leid. Wir fragen nach seinem Alter. Er sei fünfzehn, sagt er. Er sagt es hastig, es wirkt einstudiert. Vielleicht ist er fünfzehn, zweifellos ist er ein Kind, wenn auch ein fünfzehnjähriges. Wir erkundigen uns bei ihm, wie er in seinem Alter darauf komme, sich als Wahlhelfer zu betätigen. Ob seine Eltern ihn dazu ermutigt hätten. Nein, nein, beteuert der nun hinzugekommene junge, erwachsene Kurz-Anhänger. Er wollte das, er mache das freiwillig. Jeder, der Lust habe, könne bei der Liste Sebastian Kurz mitmachen.
Wir sind konsterniert. Ich bin zornig. Da läuft etwas gar nicht gut. Ein Kind sammelt Unterschriften für eine Partei. Ein Kind, das noch nicht einmal wahlberechtigt ist. Ein Kind, das wohl kaum eine Vorstellung von Politik, oder gar von Flüchtlingspolitik haben kann. Darf man das? Ist das seriös? Wir informieren uns. Wahlwerbung sei für Kinder ab 14 Jahren nicht gesetzeswidrig. Aber ist alles, was nicht verboten ist, auch anständig? Ein Kind wird bedenkenlos verbalen Übergriffen ausgeliefert. Es wird instrumentalisiert für eine Bewegung, deren Inhalte es wohl kaum beurteilen kann. Lässt uns das kalt? Ist uns gar die Fähigkeit zur Empörung abhanden gekommen? Empörung ist eine wichtige Emotion. Sie appelliert an uns: „Hier stinkt es. Das ist nicht gut. Das ist nicht recht“. Empörung ist ein Alarmsignal. Anstand und Gewissen melden sich. Nein, es ist nicht in Ordnung Kinder für den Wahlkampf einzusetzten. Dirty, finden wir. Richtig dirty. Es ist schlicht und einfach empörend. „Dirty-Campaigning-neu“ nennen wir das.

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