Plattenzeit #68: Tina Guo – Game On!

6 Minuten Lesedauer

Wonder Woman beim Videospielen


Was waren das damals für schöne, einsame und isolierte Stunden! Kein Blatt passte zwischen Amiga 500, S-NES & Co. und dem pubertierenden Gamer. Frauen waren kein Thema. Dazu wäre auch gar keine Zeit gewesen. Virtuelle Prinzessinnen wollten gerettet werden und die Levels von Turrican spielten sich auch nicht von selbst.
Musik war ein ständiger Begleiter. Nicht nur im damals ersten CD-Player. Viele Melodien und Motive aus den Videospielen brannten sich regelrecht ins Langzeitgedächtnis ein. Während man spielte hörte man auch Musik. Einige dieser Kompositionen sind sträflich unterschätzt. Das Thema von Super Mario hat beispielsweise schon so manchem japanischen Gitarristen viel abverlangt. Erst dann erkannte man das kompositorische Geschick der „Spieleuntermaler“.
Viele Stücke erkennt man sofort wieder. Man denke nur an das Thema von Zelda. Erinnerungen kommen hoch. Schöne Erinnerungen. Eines war aber, wenn man ehrlich ist, damals nicht so schön. Frauen fehlten schon irgendwie. Mädchen im gleichen Alter konnten sich nur selten für Videospiele und Games generell begeistern. Auch auf kulinarischer Ebene waren sich der Gamer und die insgeheim angebetete Schöne aus der Parallelklasse selten einig. Während sie in jungen Jahren schon auf die Linie achtete stopfte der Videospieler präferiert Pizza in sich hinein.
In diesem Kontext ist Tina Guo ein spät aber doch wahr gewordener Gamer-Traum. Auf ihrer aktuellen Aufnahme „Game On!“ spielt sie einige Melodien aus der goldenen Zeit des Videospiels. Selbstverständlich ist die Zeit aber bei ihr nicht stehen geblieben und auch neuere Tracks finden Einzug. Man munkelt auch, dass sich die doch recht ansehnliche Chinesin vornehmlich von Pizza ernährt. Wie sie das mit ihrer Linie dennoch hin bekommt bleibt unklar. Fakt ist, dass man mit dieser Frau damals gerne stundenlang Videospiele gespielt, sich dann irgendwann Pizza bestellt und sich letztlich gnadenlos an dieser erotischen, emanzipierten und selbstbewussten Frau die Zähne ausgebissen hätte. Aber Träume sind halt Träume.
Mehr als das nette Nerd-Mädchen von nebenan, das ich irgendwie nie kennen lernte, ist Guo nämlich mit Wonder Woman verwandt. Wie sie es geschafft hat neben ihrer Videospiel-Leidenschaft noch stundenlang Cello zu üben bleibt ein großes Rätsel. Auf ihrem Instrument hat sich geradezu übernatürliche Fertigkeiten. Die Wonder Woman Assoziation ist dabei nicht aus der Luft gegriffen. Guo versprüht, ähnlich wie die Protagonistin im aktuellen Film, eine Erotik, die Männer tendenziell einschüchtern kann. Bei alldem weiß man stets, dass einem das Gegenüber in vielfacher Hinsicht überlegen ist und ein paar Klassen über einem steht.
Offenbar weiß auch Tina Guo selbst um ihre Ausstrahlung. Oder sie hat zumindest ein gutes Management, das ihr die richtigen Aufträge verschafft. So durfte sie etwa beim „Main Thema“ von Wonder Woman tatsächlich ihr Cello schwingen. Mit dem Komponisten dieses Themas, Hans Zimmer, kann sie übrigens gut. So gut, dass sie es in seine Tourband schaffte, neben Genies wie etwa Guthrie Govan. Auch auf weiteren nun wirklich nicht unbekannten Soundtracks findet man ihr Cello wieder.
Die 1985 geborene Cellistin hat dabei überhaupt keine Berührungsängste mit dem sogenannten Mainstream. Nicht nur für den Soundtrack-Übervater Hans Zimmer musizierte sie, sondern etwa auch für und mit Justin Bieber oder Ariana Grande. Mit ersterem Stand sie gar bei den Grammys auf der Bühne. Diese Frau sucht nicht die Nischen. Sie strebt nicht nach dem kleinen Konzertsaal in dem sie ihre Virtuosität zur Schau stellt. Sie will alles, sie will es jetzt und sie will es vor einem möglichst großen Publikum präsentieren.
So ist auch anzunehmen, dass sich nicht nur die  eingeschworene Gamer-Community für dieses Album interessieren wird. Guo mischt diesen Tracks nämlich eine gehörige Dosis Metal und Pathos unter. Gerade Pathos sollte man schon mögen, um diese Platte mit Gewinn und Genuss hören zu können. Nach anfänglichen Hürden, die es in dieser Hinsicht womöglich zu überwinden gilt, überwiegt aber die Begeisterung. Vor allem darüber, dass sich diese eigensinnige Musikerin absolut keine Grenzen setzen lässt und das Cello in höchst populäre und massentaugliche Gefilde entführt, dabei aber niemals der Versuchung der Banalität und Vereinfachung erliegt.


Fazit


„Game On!“ ist sicher nicht für jedermann und jederfrau. So manchem wird es zu viel sein. Zu dick aufgetragen, zu viel große Geste, zu viel Bombast. Wer aber hören will, wie Wonder Woman Cello spielen würde und sich generell dafür interessiert, welche Wege mit einem klassischen Instrument beschritten werden könnten, dem sei dieses Album ausdrücklich und nachdrücklich ans Herz gelegt.


Zum Reinhören





Titelbild: (c) Sean Dreilinger, flickr.com, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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