Vorbemerkungen zur Reihe: Schauplatz Innsbruck

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In den vergangenen zehn Jahren hat sich eine brandgefährliche Dealerszene in der Stadt etabliert, die vielen Bürgern das gewohnte Gefühl von Sicherheit raubt“, schreibt Stephan Gstraunthaler in einem Kommentar im Bezirksblatt vom 16.4.2014. Bei einer oberflächlichen Google- Recherche über die das Thema Sicherheit in Innsbruck findet man beinahe ausschließlich Artikel, die ein ähnliches Bild zeichnen. Liest man dann auch noch die User- Kommentare, die unter den gefundenen Artikeln verfasst werden – und zwar egal, in welcher Zeitung – packt einen schnell der Eindruck, in Innsbruck wäre es in etwa so sicher in einem Vorort von Chicago. Die Lösungsvorschläge, die in den Foren dazu gemacht werden, sind meist einfach und radikal. Im Bezug auf das Thema Drogen schreibt ein User: „Es hat in Landeck am Berg amol a schians Schülerheim geb’n. Da sind Tausende von Tirolern und Auswärtigen anständig ausgebildet und geformt worden. Don-Bosco-Internat. Ziemlich abgelegen, rigides und intensives Beschäftigungsprogramm für die jungen Leute. Warum werden die Minderjährigen und Jugendlichen, die straffällig geworden sind, nicht in so ein Internat gesteckt? Mir hat’s schliesslich auch nicht geschadet ;-)“
In den Medien gibt es eine Tendenz, aus Phänomenen vom Rand der Gesellschaft ein negatives Drohungsszenario zu formulieren, das die breite Masse betrifft. Aus einem Problem, das gewisse Gruppen haben, wird ein Problem, das alle betreffen könnte. So wird aus dem Drogenkonsum einzelner ein gesellschaftliches Drogenproblem, aus der Zuwanderung einzelner ein gesellschaftliches Problem „unkontrollierter“ Migration, aus kriminellen Handlungen einzelner ein Kriminalitätsproblem der Stadt. Diese vereinzelt wahrgenommenen Vorfälle kumulieren sich zu einer wahrgenommenen sozialen Abwärtsbewegung, zu gefühltem moralischem Verfall und dem Gefühl subjektiver Machtlosigkeit gegen all diese Entwicklungen. Im Fahrwasser dieser medialer Berichterstattung gedeihen extreme Gesinnungen: Wünsche nach einem starken Mann, der für Ordnung sorgt, nach Verwahrung und Disziplinierung aller, deren Verhalten von der Norm abweicht, das Abschieben jener, die nicht hierher gehören.
Die hier geplante Reihe entsteht aus dem Wunsch, dieser Art der medialen Darstellung etwas entgegenzuhalten. Sie geht von der Überlegung aus, dass Gefühle der Bedrohung und der Machtlosigkeit umso leichter durch negative Berichterstattungen produziert werden können, je einseitiger über vermeidliche oder tatsächliche Problembereiche unserer Gesellschaft berichtet wird. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass uns etwa die Nachricht überraschen würde, dass die Kriminalität in Innsbruck nicht ansteigt, sondern zurückgeht – einfach weil wir schlechte Nachrichten schon so sehr gewohnt sind. Diese Serien möchte nichts beschönigen, sondern alle Blickwinkel auf vermeintliche oder tatsächliche Probleme beleuchten, um die Meinungsbildung dem Lesenden selbst zu überlassen.

Titelbild: Hannes Senfter
Zu Teil 1 der Serie: Innsbruck Drogenszene

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