Der unpolitische Widerstand

10 Minuten Lesedauer

Die Serie


In diesem Szenario, in den USA der Jahre 1962 spielt die Amazon-Serie „The Man In The High Castle“.  Hitler ist mittlerweile ein Greis und leidet an Parkinson. Er beherrscht vom fernen Berlin aus die Ostküste der USA, die Westküste gehört den Japanern, dazwischen liegt eine „neutrale Zone“, eine Art Niemandsland, das als Puffer zwischen den beiden Großmächten dient.
Die Serie handelt nun von Juliana Crain, deren Schwester einen „Job“ im Widerstand annimmt und als Kurier einen Film überbringen soll. Dieser Film sei in der Lage, die Herrschaft der Japaner und der Nazis akut zu gefährden, entsprechend gefährlich ist die Sache und Trudi wird umgebracht, noch bevor sie ihre Aufgabe beginnen kann. Trudi schafft es aber noch, den Film Juliana zu geben, die sich dann selbst auf den Weg macht und in die neutrale Zone fährt, um dort ihren Kontaktmann zu treffen. Ihr Kontaktmann ist Joe, der auch einen Film hat, aber ein Doppelagent im Dienst der Nazis ist und dessen Ziel darin besteht, dem Widerstand den Film abzuluchsen und langfristig mit den Widerstand aufzuräumen.
Da Julianas Abreise der Kempeitai , dem japanischen Geheimdienst, nicht verborgen geblieben ist, kassieren diese Julianas Freund Frank ein. Dieser bleibt aber hart, trotz Folter und Drohungen gegen seine Schwester und ihre Kinder, die deshalb von der Kempeitai ermordet werden. Überraschenderweise kommt Frank aber wieder frei, weil Juliana von einer Mitreisenden beklaut wurde und die Kempeitai glaubt, diese habe den Film. Frank, der zunächst Juliana von ihrer Reise abhalten wollte und ihr zur Kooperation mit den Behörden rät, wendet sich in weiterer Folge gegen das Regime und plant seine Rache in der Ermordung des japanischen Thronfolgers bei einem Staatsbesuch.
Auf diesem Staatsbesuch soll – das ist dritte Ebene der Serie – der deutsche SS-Offizier Rudolph Wegener dem japanischen Wissenschaftsminister heimlich geheime Unterlagen übermitteln, um den Japanern den Bau der Wasserstoffbombe zu ermöglichen. Wegener wird vom Handelsminister, dem treuherzigen Nobusuke Tagomi, unterstützt, der ihn mit falschen Papieren ein-, und ausreisen lässt. Japan hinkt technologisch den Deutschen weit hinterher; und vor dem Hintergrund von Hitlers Krankheit und vermuteten baldigen Ableben versprechen sich die beiden von der Aufrüstung Japans  eine Politik der Abschreckung, die den Frieden erhält. Wegener wird bei seiner Ausreise aber entdeckt und John Smith, Joes befehlshabendem Offizier, meldet seinen Verrat an Reinhardt Heydrich, Himmlers  Nachfolger als Reichsführer SS, der unter ungeklärten Umstanden 1949 verstarb. Als solcher steht Heydrich in den Startlöchern, um die Macht im Deutschen Reich nach Hitlers Tod zu übernehmen. In den beginnenden Machtkampf kommen Smith, auf den zu Beginn der Serie ein Attentat verübt wird,  und Wegener zwischen die Fronten.


Die Kritik


The Man In The High Castle ist eine dystopische Serie, die dann besonders gelungen wirkt, wenn die Begegnungen mit dem ganz Bösen nebenbei passieren, als das Alltägliche, das sie in einem faschistischen Regime ja auch sind. In einem dieser Momente fährt Joe mit einem Truck durch die amerikanische Landschaft und hat einen Platten. Ein Polizist hilft ihm, den Reifen zu flicken, während Joe fragt, woher die Asche kommt, die es plötzlich durch die Luft weht. Der Polizist antwortet, das sei hier immer; das kommt vom Krankenhaus, denn dort verbrennen sie Alte und Krüppel, um dem Staat Geld zu sparen. Achso, sagt Joe, ein kurzes Nicken. Dann die Frage des Polizisten: Möchtest du ein Sandwich?
So gut aber der Kontext dargestellt wird – und nun kommen wir leider zum negativen Teil – so wenig passen die Charaktere und die Handlung zu diesem Kontext. Wenn die Drehbuchautoren die Geschichte im Kontext des Widerstands ansiedeln (der in der Romanvorlage eine deutlich geringere Rolle spielt), dann ist eigentlich klar, dass der Kontext ein politischer sein sollte – Widerstand ist eine politische Handlung, hat politische Ziele, will eine bessere Gesellschaft. Sonst ist der Widerstand ja sinnlos. Aber bei „The Man In The High Castle“ glauben die rebellierenden Charaktere an gar nichts: In der ersten Szene trifft Joe, der Doppelagent, ein hohes Mitglied des Widerstand  und möchte den Transport übernehmen – in Form eines Bewerbungsgespräches für einen Job. Auch Trudi wird als eine völlig unpolitische Person beschrieben, sie verlor ihr Leben bei einem Job. Widerstand als Job? Was hätte Sophie Scholl wohl dazu gesagt?

Ein Bild das irritiert. Der Times Square mit Hakenkreuz-Fahne.
Ein Bild das irritiert. Der Times Square mit Hakenkreuz-Fahne.

Das handfesteste Motiv für Widerstand hat noch Frank nach der Ermordung seiner Familie – doch ihm geht es nur um Rache, nicht um Veränderung. Von den rebellierenden Charakteren kann keiner einen nachvollziehbaren Grund vorweisen, warum er oder sie überhaupt etwas gegen das System unternehmen will – aber nicht nur, weil sie einfach nicht politisch sind, sondern es die Serie nicht ist. Was der Widerstand ist oder will, wird nicht erwähnt. Aber auch von der faschistischen Herrschaft in Amerika sieht man eher Gräueltaten, Versatzstücke ihrer Ideologie blitzen selten auf, und wenn, dann oft aber sogar sehr überzeugend. Nur scheint es so, als wären möglichst viele Stellen von politischen Dimensionen gesäubert worden, und stattdessen mit möglichst unverfänglichen Ersatzstücken zu kompensieren.
Das führt dazu, dass auf der Handlungsebene die Parameter mit einem faschistischen Regime dann oft nicht stimmen – dass eine Person (Juliana) geheimpolizeilich gesucht und verhört wird und dann wenige Wochen später für ein Ministerium arbeitet und von einem Minister (ohne erkennbaren Grund) unterstützt wird, geht in der Realität einfach gar nicht. Für das zentralste Element – den Film – gilt dies sowieso: Der wird auf den Inhalt reduziert, dass Amerika den Krieg auch hätte gewinnen können. Filme können sicher revolutionäres Potential haben, aber das soll reichen, um eine Gefahr sein für das Regime? Auf diese Idee soll noch keiner gekommen sein? Und wie sollen mit nur drei Filmrollen mehrere hundert Millionen Amerikaner von dieser Vorstellung überzeugt werden – noch dazu hinter dem Rücken der SS?
Der zentrale ideologische Ersatz der Serie ist der des Konsums.  Im Unterton der Serie wird eine Deutung von Faschismus gezeichnet, dessen stärkste Einschränkungen nicht in der Ebene des Diskutierens und Denkens, sondern in der Wahrnehmung von Konsummöglichkeiten bestünden. In der allerletzten, etwas merkwürdigen Szene der Serie wird diese einzig echte politische Interpretation offensichtlich: Der japanische Handelsminister Nobusuke Tagomi schläft auf einer Bank ein und erwacht plötzlich in „richtigen“ Welt der 1960er-Jahre, die ungleich bunter und lebendiger wirkt. Visuell wirkt der Kontrast zum grauen Faschismus wirklich gut, bis klar wird, was die Welt bunter macht: Es sind Reklame-Schilder, Coffe-To-Go Becher und Einkaufstüten, die unsere Welt freier und vielfältiger, verglichen mit dem japanischen Faschismus, machen. Okay.


 Ein Fazit


Diese aus meiner Sicht dürftige Schattierung gibt andererseits einen spannenden Einblick in die Vorstellungen, die die Macher von The Man in The High Castle – Amazon und Produzent Ridley Scott – von ihrem Publikum haben. Immerhin gehen sie ja tatsächlich davon aus, dass  wir Konsumenten die fehlende inhaltliche Substanz der Serie nicht bemerken würden und uns die ganze Geschichte trotzdem kohärent vorkommt. Der starke Zuspruch im Publikumsrating  von Rotten Tomatos (4,4 von 5 Punkten) scheint diese Sicht aber zu bestätigen. Beim Publikum scheint diese ökonomische Interpretation von politischem Handeln gut anzukommen. Das ist sogar dystopischer als die Serie selbst.

1 Comment

  1. Regt durchaus zum nachdenken an. Bisher habe ich die Serie glaub ich auch eher nur stumpf konsumiert … die übrigen drei Folgen werde ich aufmerksamer verfolgen 😉 Mir kommt vor, dass das gute Rating u.a. dem wirklich sehr packenden Trailer so wie den verstörenden und zu gleich auf eine sehr komische Art fesselnden Bilder à la Hakenkreuz-Time-Square geschuldet sind.

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