Dein Aussterben ist mir Gold wert

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Natur ist nichts wert. Punkt. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Egal welches natürliche Gut man auch betrachtet, nirgends hängt ein Preisschild dran. Keine Zahlen und Währungssymbole, die einen für uns leicht verständlichen Anhaltspunkt liefern, an dem wir uns orientieren können. Wie kann man bloß den Nutzen einer kostenlosen, öffentlich zugänglichen Sache wahrnehmen, wenn sie keinen monetären Gegenwert zugeschrieben bekommen hat? Was nichts kostet, ist auch nichts wert, das wissen wir alle schon längst.
Das Bienensterben ist uns allen ein Begriff. In Mitteleuropa werden ca. 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen von Bienen bestäubt. Ähnliches gilt für den Rest der Welt, da Bienen quasi global verbreitet sind (Ausnahmen: Alaska, Grönland, Sahara, Sibirien). 2008 wurde der jährliche globale ökonomische Nutzen, den Bienen durch die Bestäubung von Agrarpflanzen generieren mit 153 Milliarden Euro beziffert. Das sind rund 10% des Gesamtproduktionswertes des weltweiten Landwirtschaftssektors. Das Überleben der Biene ist uns, gemessen an diesen Zahlen, sichtlich wichtig.
Auch andere Tierarten erachten wir als wichtig, auch die, die bloß einen rein ideellen Wert für eine Region besitzen. Arten deren ökonomischer Wert nur schwer zu bestimmen ist. Ein Beispiel: Der Kitfuchs. Im Südwesten der USA heimisch, steht sein Name seit einigen Jahren auf der roten Liste gefährdeter Spezies. Das allmähliche Verschwinden dieser Fuchsart ist auf schwerwiegende menschliche Eingriffe in seinen Lebensraum zurückzuführen. Rohölgewinnung, Windkraftanlagen und großflächige Landwirtschaft haben sein natürliches Habitat verkleinert und damit seine Art gefährdet. Auch sein Überleben ist uns wichtig, da seine Existenz einen identitätsstiftenden Charakter für eine Region besitzt. Österreichisches Äquivalent: Das Ziesel. Auf der Prioritätenliste der 50 bedrohtesten Tierarten Österreichs, findet man es auf Platz 1.

Alte Bekannte, schön euch zu sehen!

Um das Überleben solch wichtiger Arten zu sichern, kamen bekannte Finanzriesen wie JP Morgan Chase und Merrill Lynch auf eine geniale Idee. Das sogenannte Species Banking. Flächen, die den Lebensräumen von Arten ähneln, die diese Banken als schützenswert erachten, werden erstanden und als Naturschutzreservate ausgewiesen. In diesen Gebieten sorgen sich dann professionell ausgebildete Ranger um das weitere Fortbestehen dieser Arten.
Ähnlich dem umweltpolitischem Instrument des Emissionszertifikathandels, der seit 2005 in der europäischen Union betrieben wird, können Unternehmen, die die Umwelt verschmutzen bzw. zerstören, Credits für diese Reservate kaufen. Diese Anteile rechtfertigen somit das Handeln des Unternehmens, da Kompensationszahlungen getätigt werden und die, teils fragwürdig, erwirtschafteten Firmengelder unmittelbar in den Artenschutz fließen. Greenwashing also.
Beim Zertifikathandel wird im Idealfall von Regierungen und Staatenbünden die Menge der verfügbaren Zertifikate niedrig bzw. der Preis eines einzelnen Zertifikats hoch gehalten. Somit kann mit Hilfe freier Marktwirtschaft eine Reduktion der Schadstoffausstöße erreicht werden, ohne regulativ in die Produktionsprozesse der Firmen einzugreifen. Das funktioniert zumindest in der Theorie. Beim Species Banking legt die Conservation Bank Preis und Menge der Anteile fest und kann somit ordentliche Gewinne einfahren. Auf Seiten wie speciesbanking.com kann man sich durch die zur Verfügung stehenden Angebote klicken und sich eine Art aussuchen in die man schließlich investiert. Den Kitfuchs findet man übrigens auf Platz sechs der am meisten nachgefragten Arten.
Blickt man hierbei auf die Zahl auszuwählender Spezies, wird einem die Problematik dieser Situation erst richtig bewusst: Die 102 Conservation Banks, die derzeit in den USA existieren, bieten Credits für insgesamt 111 Tier- und Pflanzenarten an. Zum Vergleich: In den USA leben ca. 400 Säugetier-, 800 Vogel-, 300 Amphibien-, 300 Reptilien-, 1100 Fisch-, mehrere 10.000 Pflanzen- und über 100.000 Insektenarten. Somit sind in den Augen von JP Morgan Chase und Merryl Lynch rund ein Promill aller Arten auf US-amerikanischem Boden schützenswert. Der Rest nicht.

Wetten auf das Aussterben spezieller Arten

Aber ein Schelm wer denkt, dass man mit den restlichen 99,9% der außer Acht gelassenen Arten nicht auch irgendwie Gewinne einfahren kann. Bei größeren Wettbüros kann man nämlich seit geraumer Zeit auf den Zeitpunkt des Aussterbens bestimmter Spezies wetten. Laut der Studie „Betting on Extinction: Endangered Species and Speculation“ hoffen private Investoren, die eine bestimmte erneuerbare Ressource besitzen, dass schlecht definierte Besitztumsrechte und hohe Preise dieses Gut vermindern, sodass ihr eigener Besitz einen höhreren Wert erlangen kann. Da dies manchmal zu langsam vorangeht, investieren manche Inhaber in die technische Ausstattung von Wilderern, um ihnen die Dezimierung natürlicher Vorkommen zu vereinfachen. Beispielsweise gaben laut dieser Studie einige afrikanische Wilderer an, dass Investoren ihnen aufgetragen haben jedes Nashorn, welches sie vor Kimme und Korn bekommen, zu töten. Und das unabhängig davon ob dieses Tier überhaupt über ein Horn verfügt oder nicht, denn somit wird das raschere Aussterben dieser Art gewährleistet. Andere Möglichkeit: Lobbying. Naturschutzinitiativen werden von bezahlten Politikern abgeblockt und somit verzögert oder sogar verhindert.
Somit erklärt sich der Sinn dieser Species Banks von selbst. Die Arten die übrig bleiben sind Gold wert. Eine Studie der University of Stanford aus dem Jahr 2003 belegt, dass 91% der befragten Betreiber von Species Banks rein finanzielle Motive für ihr Handeln nannten. Die Frage lautet deshalb: Kann und darf man den Schutz der Natur in die Hände der Finanzriesen legen, oder erwartet uns erneut eine Krise? Wenn ja, ist es diesmal eine mit irreversiblen Folgen. Denn was tot ist, bleibt tot.

Der Film „Banking Nature“ in Innsbruck

Falls weiteres Interesse an diesem Thema besteht: Das Innsbruck Nature Film Festival, das von 6.-9. Oktober stattfinden wird, zeigt den Film Banking Nature der beiden französischen Filmemacher Denis Delestrac und Sandrine Feyndel am Mittwoch, den 7. Oktober um 19:10 Uhr im Leokino. Festivalpässe gibt es online, Einzelkarten vor Ort im Leokino. Ein Blick auf das Programm lohnt sich, denn das INFF zeigt heuer wieder hochkarätige Filme zum Thema Natur und Umwelt.

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