Warum gewinnt das Schicksal einer Pradl-Person in Hötting keinen Preis?

9. Juni 2026
1 Minute Lesezeit
(c) Helmuth Schönauer

Wie gut, dass es „arte“ gibt. Da erfahren wir germanisch-stämmigen Zuseher geheimnisvolle Sachen aus dem ehemals gallischen Raum.
Der Sender achtet streng darauf, dass sich deutscher und französischer Anteil so halbwegs die Wage halten.

Neben den sesshaften Schicksalen aus Frankreich und Deutschland bieten sich jede Menge Berichte aus den ehemaligen Kolonien und überfallenen Ländern beider Länder an.

Abwechselnd kommen drei Drehbuchsorten zum Einsatz:
– Schicksalsperson ist alleinerziehend
– Schicksalsperson ist auf der Flucht
– Schicksalsperson lebt vergessen und prekär

Auf diese Grundstruktur des Erzählens sind je nach politischer Lage im Einzugsbereich der Schicksale diverse Reiserouten aufgesetzt.
– Person aus dem Sudan strandet in einem Vorort von Paris.
– Person aus Rumänien strandet in einem Vorort von Dortmund.
– Person aus Lyon hilft bei der Infektionsbekämpfung im Kongo.
– Person aus Lübeck untersucht seltene Erden in Malawi.
– Person aus dem Innsbrucker Leo-Kino kauft einen verschollenen Film in Burkina Faso.

Da die Sendegemeinschaft „arte“ schon seit langer Zeit besteht, sind irgendwie alle Themen abgearbeitet und aufgebraucht.
Da hilft auch nichts, dass man manche Features neu dreht, weil sowohl die Filmemacher als auch deren Darsteller mittlerweile in Rente sind oder „arte“ vom Sterbebett aus beobachten.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Filme nicht schön sein dürfen. In Zeiten des overtourism und der Peaks für Weltkulturerbe rasen immer größere Menschenmassen in das abgefilmte Gebiet, um dieses durch Selfie-Safaris zu zerstören.
Abschreckende Beispiele sind die Bergseen Südtirols oder die Naturwälder Rumäniens.

In diesem Lichte empfiehlt es sich, Elemente aus „Servus-TV“ mit „arte“ zusammenzulegen und sogenannte autochtone Lebensformen vor der Kamera zu zelebrieren.

Ein Bergbauernkind aus dem Bregenzer Wald könnte als Hinterbänkler im Parlament gezeigt werden.
Ein Kettenraucher aus dem Kaunertal könnte in der Wiener Hofburg einen Hund zum Gassi führen.
Ein HTL-Abbrecher aus Pradl könnte beim Abarbeiten einer Fehlspekulation in einer Einrichtung nahe von Völs gezeigt werden.

Überhaupt zeigt der filmische Trend, dass es nichts Neues gibt, außer dass man ehemals analoge Teile mittlerweile künstlich mit Intelligenz bearbeiten lässt.

Das einzig authentische Erlebnis beim Schauen von arte-Filmen ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass man in jenem Bett, aus dem heraus man auf den Bildschirm oder ins Tablet schaut, auch sterben wird.

Viele der visuellen Orgasmen, die im Laufe der Zeit trotz des Schicksals der Dargestellten Befriedigung verschafft haben, sind auch mit Preisen bedacht.

Und da stellt sich die Frage, warum so selten jemand aus Hötting oder aus der Höttinger Au preisgekrönt wird.

Die Lösung ist wahrscheinlich einfach: Weil der arte-Bestseller „Pradl-Person scheitert in der Höttinger Au“ noch nicht gedreht worden ist.

STICHPUNKT 26|44, geschrieben am 02.06. 2026

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 60 Bücher, u.a.:
* BIP | Buch in Pension | Sechs Bände. (2020-2026)
* Happy Hölle Tirol | Galgenhumor auf der Tirolic. (2026)
* Leck Tirol. | Aus einem kaputten Lokalsender. (2025)
* over-tyroled. | Geheimnisse aus Trash-Tirol. (2024)
* Austrian Beat 2. [Hg. Schneitter, Schönauer, Pointl] (2023)

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